Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 32 (10.8.1923)
- Date
- 1923-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103029-9148083--05783-9078468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 32 10. Hugust 1923 10. Jahrgang Die Eröffnungs-Sitzung Karlsbad, den 7. August 1923 Gestern V29 Uhr abends wurde unter Teilnahme von mehr als 2000 Personen, darunter etwa 300 Delegierte, der 13. Zionistenkongreß feierlich eröffnet. Die Eröffnungsrede Dr. Weizmanns Präsident Dr. Weizmann eröffnet diese 13. Tagung des jüdischen Parlaments mit dem Gruß „Schalom“ und führt u. a. aus: Seit unserer letzten Kongreßtagung ist das Mandat des Völkerbundes an Großbritannien, das die Errichtung des jüdisch-nationalen Heims in Erez Israel zum Hauptinhalt hat, zur geschichtlichen Tatsache geworden. Schon die letzte Jahreskonferenz hat dieses Ereignis voll gewürdigt. Von einer Sache von so schicksalsschwerer Bedeutung für die Zukunft unseres Volkes ziemt es sich, mit aller Offenheit zu reden. Vielleicht gegen unsere Wünsche hat es sich erwiesen, daß die Mandatserteilüng doch nicht alle politischen Schwierigkeiten beseitigt hat. Im Lande selbst machte sich von Anbeginn eine Opposition gegen Geist und Inhalt des Mandats geltend. Wenn auch die schweren Ausschreitungen sich glücklicherweise nicht mehr wiederholt haben, so ist darum doch die politische Gegnerschaft der Extremen nicht minder heftig gewesen. Die neue englische Regierung hat die Politik ihrer Vorgängerin ohne Zögern aufgenommen und bestätigt. Der britische Kolonialminister, der Herzog von Devonshire, erklärte, daß die britische Regierung die dem jüdischen Volk gegenüber eingegangenen Verpflichtungen aufrecht erhalten werde. Die Stellungnahme der neuen britischen Regierung hat ihre Wirkung auf die Dinge in Palästina nicht verfehlt. Die bäuerliche Bevölkerung der Fellachen hat uns im allgemeinen die freundliche Gesinnung bewahrt, die sie uns stets gezeigt hat. Die Mandatsregierung ist verpflichtet, uns in der Sache der Immigration fördernd zur Seite zu stehen. Die Judenheit rechnet darauf, daß die Regierung in Loyalität diese Verpflichtung ausführen wird wie alle anderen. Trotz einer beinahe allgemeinen ökonomischen Krise konnten jedoch während der letzten zwei Jahre gegen 1000 Personen monatlich ins Land gebracht werden. Man darf hoffen, daß die Bemühungen, die jetzt angestellt werden, um industrielle und landwirtschaftliche Aktivitäten in Palästina anzuregen, es uns ermöglichen werden, einer gesteigerten Immigration die Wege zu ebnen. Es war ein Ereignis von symbolischer Bedeutung, daß der größte Gelehrte unseres Volkes, Prof. Einstein, in Jerusalem zwei Vorlesungen über die Relativitätstheorie im Namen der künftigen jüdischen Universität halten konnte. Dieses Ereignis eröffnet weite Perspektiven für die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Entwicklung. Nichts ist so gefahrvoll für uns wie ein Stocken unseres Wirtschaftswerkes, nichts so fördernd nach innen und außen wie ein stetiges systematisches Fortschreiten unserer friedlichen Niederlassung im Lande. Viel Wertvolles ist im letzten Jahre geschaffen worden, aber es geschah unter außerordentlichen Schwierigkeiten. Die schwere Krise ist dank der wundervollen Entfaltung der Engerie unserer amerikanischen Gesinnungsgenossen, dank der Opferwilligkeit der amerikanischen Juden, dank auch einer erneuten Kraftanstrengung des Keren Hajessod in allen Ländern überstanden. Es war immer der Grundgedanke des Zionismus, daß er das ganze lebendige, Leben bejahende jüdische Volk repräsentiert. Es war stets unser natürliches Bestreben, unsere Kreise weiter und weiter zu ziehen. Die Zionisierung der Juden im Galuth bleibt unser wesentliches Programm, aber wir wollen dem Gebot der Stunde gehorchen, daß die Fruchtbarmachung aller erreichbaren jüdischen Energien, ihrer materiellen und seelischen Kräfte, für die nächste Zeit fordert. Die letzten Jahre haben in dieser Hinsicht günstig vorgearbeitet. Außerhalb des zionistischen Kreises geht eine neue Palästina-Bewegung durch die Judenheit. Eine latente Palästinastimmung ist vorhanden, die vielleicht da und dort, wenn wir Zeit hätten, in reinen Zionismus umgewandelt werden könnte. Es hieße, sich außerhalb politischer und soziologischer Einsicht stellen, wollten wir nicht alles tun, alles versuchen, um diese Hoffnung in Wirklichkeit, in Produktivität, umzuwandeln. Das ist der Sinn der Heranziehung der Nichtzionisten. Sie muß von hoher Warte aus vorsorglich und unvoreingenommen gesehen, geprüft und gemacht werden. Ich kenne alle Bedenken und keiner kann sie mehr würdigen und achten als ich. Ich verstehe jene, die ängstlich zögern, aber hüten wir uns davor, aus Parteienge heraus das Zwingende im Problem nicht zu sehen und nicht den Mut aufzubringen, einer Zeitwende Antwort zu geben. Nicht aus Schwäche und Mutlosigkeit wünschen wir die Hilfe anderer, sondern gerade weil wir stark genug sind, aber nicht so hochmütig und kurzsichtig, um nicht zu wissen, daß unserer Stärke in ihrer Entfaltung nie genug neue Kräfte zugeführt werden können. Daß sie begonnen haben, in wachsender Zahl auf unseren Ruf zu hören, ist uns ein unwiderleglicher Beweis, daß wir Geltung haben und daß unser Werk, vor allem die große wirkliche Tat der Chaluzim, Vertrauen und Glauben weckend gewirkt hat. Wir haben Jahre gezögert. Die Parole der Heranziehung der Nichtzionisten, die schon vorher von Kongressen und Jahreskonferenzen ausgegeben war, in Wirklichkeit umzusetzen, gerade weil wir unsere Position noch nicht für reif genug geachtet haben. Jetzt, glaube ich, ist sie reif dafür. Wir sind vertragsfähig geworden. Der Anschluß noch so weiter nichtzionistischer Kreise ist keineswegs als Allheilmittel anzusehen. Auch dann bleibt unsere Aufgabe noch schwer genug. Die geeignete Form für ein Bündnisverhältnis zu finden, muß der Einsicht dieses Kongresses Vorbehalten werden. Vorbedingung, unentbehrliche Voraussetzung ist die Unversehrlichkeit unserer Zionistischen Organisation. Sie muß weiterhin unsere Gemeinschaft bleiben, die uns Gesetze gibt. Gewiß, wir werden bei gemeinsamer Arbeit mit anderen uns teilen müssen in gewisse Rechte, die bisher unser Eigenbesitz waren. Dem Mitanteil an diesen Rechten muß eine