Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 30 (27.7.1923)
- Date
- 1923-07-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nummer 30 ReiseliJeratur „Wir unterschätzen das Schöpferische des Fremden, und suchen es durch Übernahme in unseren eigenen Umkreis zu vergewaltigen“. So sagt Herr Leopold Weiß in der Einleitung zu seinem in der Frankfurter Zeitung erscheinenden „Tagebuch einer Reise“, und er fragt sich „ob nicht vielleicht darin der Sinn jeder Wanderung liegt: Die Fremdheit der ganzen Welt berühren und erfassen und dadurch unsere eigenen, persönlichen vergessenen Wirklichkeiten erwecken“. Ein Nachfolger von Graf Kayserling offenbar, der eine Reise um die Welt für den kürzesten Weg zu sich selbst erklärt, in fremdes Wesen eintauchend sich selber gefunden hat. Und was hat Herr Leopold Weiß auf seiner Reise gefunden? Er hat den islamitischen Orient entdeckt, der nach ihm „tausendmal wichtiger als alle Schwärmereien für den fernen Osten, für China und seine kühle Philosophie ist.“ Im nahen Orient gibt es noch die Gebundenheit, die Europa aus seiner „zersetzenden Ungebundenheit“ heraus ersehnt, und vielleicht ist der Orient „jetzt dabei, das große Neue aus sich selbst heraus zu finden“. Herr Leopold Weiß ist nicht der Erste, der das empfunden hat. Im jüdischen Volke, das an der zersetzenden Ungebundenheit Europas besonders krankt, gibt es eine große Bewegung, die dem Judentum im nahen Orient eine nationale Heimstätte mit neuen Gebundenheiten schaffen möchte — es ist der Zionismus. Der Zionismus ist nun Herrn Leopold Weiß keineswegs unbekannt, im Gegenteil er widmet ihm einen erheblichen Teil seines Reisetagebuchs. Den Satz seiner Einleitung, daß „Distanz anders überwunden werden muß, als durch geistige Vergewaltigung“ bringt er allerdings hierbei nicht zur Anwendung. Ist die Distanz des Herrn Leopold Weiß von einer jüdischen Bewegung vielleicht nicht groß genug, erkennt er das Schöpferische vielleicht nur im Fremden — deutlicher ausgedrückt ist Herr Leopold Weiß vielleicht ein österreichisch-jüdischer Assimilant. Die Frage stellen heißt sie bejahen, denn nur ein Jude, der aus der „zersetzenden Ungebundenheit“ des europäischen Judentums herauskommt, konnte so über das jüdische Palästina schreiben wie Herr Weiß. Wie sind die Tatsachen? In nahezu zweitausendjährigem Exil haben die Juden an dem Glauben an den Wiederaufbau des Reiches in Erez Israel unerschütterlich festgehalten, die besten und größten Juden hingen mit heißer Liebe am Lande ihrer Väter und kannten keinen höheren Wunsch, als dort ihre letzte Ruhe zu finden. Im neunzehnten Jahrhundert, gleichzeitig mit dem Erwachen des vorderen Orients hat diese Sehnsucht einen konkreteren Ausdruck in der zionistischen Bewegung gefunden, die, um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts beginnend, über Moses Heß, Kalischer, die russische Choveve-Zion hinwg zum politischen Zionismus Theodor Herzls und zum praktischen Palästina-Aufbau führte. Gegen ungeheuere innere und äußere Widerstände hat sich die Bewegung jetzt mühsam im Prinzip durchgesetzt, im Inneren durch Gewinnung der maßgebenden Teile des jüdischen Volkes für den Gedanken des Palästina-Aufbaus, nach außen durch die Völker¬ 10. Jahrgang rechtliche Festlegung des jüdischen Anspruchs auf eine nationale Heimstätte in Palästina und durch Anerkennung der zionistischen Organisation als Jewish Agency, als Vertretung des jüdischen Volkes gegenüber der Mandatarmacht. Der praktische Palästina-Aufbau hat seit wenigen Jahrzehnten begonnen. Ungeheuere Schwierigkeiten waren zu überwinden: Das Volk Jahrtausende lang der Scholle entwöhnt, im Ghetto körperlich degeneriert, das Land völlig verwahrlost, die maßgebenden Kreise des Judentums, vor allem die großen Finanziers ohne jedes Verständnis, erbitterte Gegner der neuen Bewegung. Und die Literaten von der Art des Herrn Weiß schlugen — allerdings glücklicherweise nur auf dem Papier — den Zionismus, der als eine Bewegung mit realem Ziel naturgemäß von irdischer Bedingtheit nicht frei war, mit zwar sehr luftigen und bequemen, dafür aber umso unbedingteren Ideen tot. Und trotzdem ist der Zionismus lebendig geblieben und sogar — trotz aller Krisen — immer stärker, ja unzweifelhaft die beherrschende Bewegung im jüdischen Volke geworden. Gemessen an der Aufgabe ist das Erreichte allerdings noch gering und unzulänglich. Weiß man aber, welche unermeßlichen Schwierigkeiten zu überwinden waren, dann staunt man über das Geleistete und geht verächtlich hinweg über die Frage des Herrn Weiß, ob der Zionismus bald sterben wird. Nichts ist nach Herrn Leopold Weiß im jüdischen Palästina geschehen, „nichts außer Beiwerk. Keine lebendige Tat der Zukunft, keine Erfüllung der Gegenwart... Die „Karuzzoth“ (Sie meinen wohl Kwuzzothi, Herr Weiß?), jene freien Gemeinschaften, die die Begeisterung aller publizistischen Drei-Wochen-Besucher Palästinas erwecken, in schwerer aufreibender Arbeit eine neue Zukunft predigen, kommen fast niemals aus dem Bannkreis neurotischer Schwämereien los, — — — unter den Pionieren, den Chaluzim, herrschen regelmäßig Selbstmordepidemien.“ Fehlt bloß noch die Behauptung, der Zionismus sei nichts anderes als organisierte jüdische Bodenspekulation, so könnte man glauben, nicht die Frankfurter Zeitung, sondern den Völkischen Beobachter zu lesen. Wir sind gewiß nicht blind gegen die Mängel des Aufbauwerks, und man kann sich kaum eine schonungslosere Kritik an den palästinensischen Zuständen denken, als sie früher Achad-Haam oder kürzlich Rubaschow geübt. Offene Kritik kann nur förderlich sein, wenn sie zur Gesundung beitragen soll; wenn aber ein publizistischer Drei- Wochen- oder Drei-Monats-Besucher Palästinas es wagt, leichthin dem Zionismus, der jüdischen Zukunftsbewegung das Todesurteil zu sprechen und die wohl großartigste Erscheinung der neueren jüdischen Geschichte, die Chaluzim, als Neurotiker abzutun, so kann das nur als ein Symptom „zersetzender Ungebundenheit“ gewertet werden. Aus der „Distanz“ hat Herr Leopold Weiß ein feines Gefühl. „Durch das arabische Volk in Ägypten geht es jetzt wie die Welle eines expansiven Aufschluchzen-Wollens aus dem Innersten heraus. Nicht etwa in Verzweiflung oder Erbitterung, eher ist es die schmerzliche Begeisterung, sich dem Sinn der eigenen Kraft genähert zu haben und von ihr getrieben zu werden.“ Wenn 27. Jipli 1923