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Das jüdische Echo · 1923-06-15 · 24 (15.6.1923) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
24 (15.6.1923)
Date
1923-06-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nummer 24 15. Juni 1925 10. Jahrgang Bamberger Brief Liebe Redaktion! Über das jüdische Leben in Bamberg soll ich Ihnen berichten? Leider ist es einstweilen noch so: wer über jüdisches Leben berichten will, muß beim Antisemitismus anfangen. Bamberg kann stolz darauf sein, daß es nicht fürderhin mehr hinter München und Nürnberg zurückstehen muß: Auch in Bamberg prangen jetzt die berühmten roten Plakate mit der dreifach großen Lüge als Überschrift; vielleicht sogar übertreffen die Bamberger Plakate in puncto Lüge ihre Nebenbuhler in München und Nürnberg: sie enthielten genau genommen noch eine vierte Lüge: sie kündigten eine H i 11 e r Versammlung an und Redner war „nur“ Herr Kellerbauer. Woraus zu ersehen ist, daß Reklametüchtigkeit leider nichts mehr Rein-Jüdisches ist. Nebenbei: es spukt noch manches andere „Jüdische“ im „nationalen“ Lager. Stellte da der Bamberger Stadtrat durch Beschluß die ihm gehörigen Musikinstrumente dem Bund „Bayern und Reich“ zum unentgeltlichen Gebrauch zur Verfügung, — jene selben Instrumente, die vor wenigen Jahren ein Bamberger Jude der Stadt zum Geschenk gemacht hat. Armes „Bayern und Reich“ mit jüdischen Instrumenten! Ein Glück, daß Münchhausens Zeiten vorüber sind; sonst würde bei Tauwetter wohl gar irgend eine boshafte Trompete statt des Erhardtliedes das vielgeschmähte Kol-Nidre anstimmen. Die Bamberger Juden nahmen von der ersten Hitlerversammlung mit einer gewissen Ungläubigkeit Kenntnis. Sie hatten am Nationaltrauertag nicht weniger auf Halbmast geflaggt als die lieben Mitbürger; der Bund Jüdischer Frontsoldaten hatte Parade von dem antisemitischen General v. Gebsattel in nicht geringerer Schneid abnehmen lassen als die christlichen Kameraden; und anläßlich der jüngsten Standartenweihe der schweren Artillerie waren die Juden in nicht minder tadelloser Haltung mit dem Festzug marschiert als die anderen Festesteilnehmer;.man hatte wahrlich nichts unversucht gelassen, um nicht aufzufallen. Aber es scheint, daß das Nicht-Auffallen-Wollen selbst etwas Auffallendes ist. Wenigstens war besagte Hitlerversammlung trotz des bislang so korrekten Verhaltens der Juden derart überfüllt, daß Hunderte vor den Zentralsälen vergebens auf Einlaß drangen. Über den Typ der Versammlung ist nichts Neues zu sagen: viele Hakenkreuze; viel Militär; Arbeiterführer, die man mundtot macht; „neutrale“ Zeitungen mit jüdischen Heiratsanzeigen und einseitig antisemitischen Versammlungsberichten. Wir prophezeien dem „Zentralverein“ für die nächste Zeit reiche Ernte in Bamberg. Denn schon am letzten Chanukkafeste hat ein Dr. Markuse mit seinem Vortrag: „Geschichte des Antisemitismus“ großen Beifall geerntet, obwohl von diesem Vortrag nur eine Tatsache bemerkenswert gewesen wäre: daß Hr. Markuse sehr viel über Makkabäerorthodoxie und Hasmonäerstarrheit schimpfte. (Zur Beachtung: Der Vortrag fand statt zu Chanukkah im Zentralverein d. Staatsbürger jüdischen Glaubens!) Weniger taktlos, dafür aber mehr wissenschaftlich hatte dann etwa eine Woche später Professor König-Bonn einen Vortrag: „Bibel und Antisemitismus“ gehalten. Der Vortragende heimste nicht ganz denselben reichen Beifall seines Vorgängers ein. Ob aus Gram hierüber oder aus anderen Gründen: der Jüdische Jugendverein hat seine Wochenabende seitdem langsam eingehen lassen. Indessen wäre es Verleumdung zu behaupten, daß der Jugendverein nicht mehr bestehe. Er wird in einigen Monaten durch eine Chanukkahfeier seine Existenz einwandfrei nachweisen. Mit den jüdischen Sprachkursen im Jugendverein, die einzurichten ein Gönner einmal vorschlug, ist es nun allerdings nichts geworden. Indessen, man hat den Vorschlag seinerzeit eifrig beklatscht und wir registrieren wenigstens diese Tatsache in Dankbarkeit, .es war nicht immer so, daß man in Bamberg eine Anregung auf Pflege der jüdischen Sprache so wohlwollend aufgenommen hätte. Von Zionismus oder doch wenigstens Zionsfreundlichkeit ist man nichtsdestoweniger in Bamberg noch weit entfernt; man empfindet den Mögen David als eine Abart Hakenkreuz.... Zur Ehre der Bamberger Glaubensgenossen — oder zu ihrer Schande? — sei es gesagt, daß ihre Zionisten-Antipathie meist auf Unkenntnis beruht.. Der Jude kennt zwar keine Bierbankpolitik; aber er hat dafür seine Spieltischpolitik.... Spieltischpolitik sucht auch hier den Zionismus mit den üblichen Argumenten abzutun.... Herr Kohn mischt die Karten und meint dabei, daß die Zionisten dem Antisemitismus Vorschub leisten; Herr Israel gibt an und argumentiert währenddessen, daß das Klima in Palästina unerträglich heiß sei; Herr Levy sticht und findet die Araberfrage unlösbar; Herr Juda spielt Trumpf aus und möchte unter lauter Juden gar nicht wohnen; bis Herr Kohn Farbe bekennt, daß man es schließlich auch in Deutschland noch ganz gut habe. Man unterschätze indessen nicht das geistige Niveau der Bamberger Juden. Ihr Interesse für Konzert, Theater und Kunstausstellung ist ungeheuchelt und der Prozentsatz derer, die davon etwas verstehen, ist verhältnismäßig hoch. Leider kann man die geistigen Interessen am treffendsten durch folgenden mathematischen Satz illustrieren: Das Verständnis der hiesigen Juden für irgend ein Problem wächst entsprechend dem Quadrat der Entfernung dieses Problems von allem Jüdischen. Und so kommt es, daß die Palästinaarbeit einstweilen noch auf den Schultern der paar Zionisten ruht. Zwar besteht hier auch ein Keren Hajessod- Komitee. Aber dessen Tätigkeit beschränkte sich bis heute auf Feststellung aller der Hindernisse, die einer Keren Hajessod-Aktion im Weg stehen. Das letzte Hindernis war m. W. die Ruhraktion. In anderen Städten hat man für Ruhr und Erez- Israel gegeben; in Bamberg scheint die Ruhr alle Geldmittel aufgesaugt zu haben. Was man als neuerlichen Beweis für das eindeutige Nationalgefühl der Bamberger ansehen kann. Die zionistische Ortsgruppe ist hier noch sehr jung. Und das auch in einem übertragenen Sinn. Zuweilen schütteln die Älteren bedenklich die Köpfe über den Idealismus der Jungen, denen Beiträge und Opfer nie hoch genug sein können. Dem entsprang dann immer die angenehme Folge, daß

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