Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 22 (1.6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 22_ 1. Juni 1923 10. Jahrgang Die Araberfrage ii. Antisemitismus in Palästina? Kann man die Einstellung der Araber den Juden gegenüber eine antisemitische nennen? Nur für denjenigen, der ein so tiefgehendes Problem, als es das antisemitische ist, von der Außenseite her, oberflächlich beurteilt, kann das, was heute in Palästina zwischen Arabern und Juden vorgeht, Antisemitismus bedeuten. In diesem Begriffe liegt eben viel, viel mehr, als etwa durch das deutsche Wort „Judenhaß“ wiedergegeben werden kann. Der Antisemit sieht in dem Juden nicht so sehr einen Gegner, der seiner Stärke und seiner realen Macht wegen aufs schärfste bekämpft werden muß, sondern um deswillen, weil die, mit der seiner Meinung nach von den Juden eingenommenen Machtposition, verbundene Beeinflussung des „Wirtsvolkes“ durch ein moralisch verderbtes, krankes und seiner ganzen Anlage nach minderwertiges Element erfolge. Der Antisemit sieht in dem Juden nicht einen ebenbürtigen Gegner, dem man nach den Regeln der Ritterlichkeit und des Anstandes auch im Kampfe die Achtung nicht versagt und dem gegenüber stets die Gebote allgemeiner Menschlichkeit zu wahren sind, sondern für ihn ist jeder Jude kraft eines unwandelbaren Naturgesetzes minderwertig und was noch schlimmer ist, mit oder gegen seinen Willen unheilbringend, demoralisierend, der Satan selbst. Kein Wunder, daß jede Waffe, jede Art des Angriffes in diesem Kampfe dem Antisemiten erlaubt scheint, handelt es sich doch nicht um die Niederwerfung, sondern um die völlige Ausrottung des „Erbfeindes“, die die Vorbedingung eines zukünftigen „goldenen Zeitalters“ bildet. Dieses Gefühl, von einem großen, in manchen Ländern dem größten Teile der Umgebung, als Mensch zweiter Klasse betrachtet zu werden, von einer erheblichen Anzahl von Mitmenschen sogar als die Inkarnation des bösen Prinzips in der Welt angesehen zu sein, hat auf d i e Juden, die überhaupt geistigen Eindrücken irgendwie zugänglich sind, jenen furchtbaren, deprimierenden Einfluß ausgeübt, der es ihnen, die doch nach besten Kräften bemüht sind, dem Wohle und nur dem Wohle ihres Landes zu dienen, so schwer macht, das Haupt hoch zu tragen und jenes innere Gleichgewicht zu behaupten, das für Leistungen jeglicher Art notwendige Voraussetzung ist. Diese innere Judennot ist es, die den Antisemitismus im Tiefsten von den Haßgefühlen unterscheidet, die Völker überall in der Welt voneinander trennen. Dem Deutschen in Berlin kann es seelisch im Grunde gar nichts bedeuten, wenn er von den Haßgesängen französischer Zeitungen über alles Deutsche liest; umgekehrt werden den Pariser deutsche Urteile über die Inferiorität des französischen Volkes sehr kalt lassen können. Der Jude dagegen, der sich über die Inferiorität des französischen Volkes sehr als Deutscher fühlt, muß es als bürgerliches Todesurteil empfinden, wenn man ihn unbesehen schon darum verurteilt, weil er Jude ist und von seiner Person aus diesem Grunde ganz abstrahieren zu können glaubt. Was bedeuten demgegenüber alle Angriffe auf physisches Wohl? Sicherlich treffen auch sie verwundbare Stellen, schon deshalb, weil uns ein gewisser materieller Wohlstand allein in den Stand setzt, eine einigermaßen erträgliche Unabhängigkeit von all diesen Anwürfen niedriger Gesinnung zu schaffen. Doch handelt es sich hier im Grunde um Dinge, die im Schicksale aller Völker unvermeidbar sind, die heute z. B. in Deutschland von allen Deutschen deutlich genug empfunden werden. Äußere Judennot gibt es heute — es hätte keinen Sinn, das zu verschweigen — auch in Palästina und vielleicht gerade in Palästina. Es ist nötig, daß jüdische Schomrim die Kolonien mit der Waffe in der Hand gegen räuberische Überfälle verteidigen; es ist unvermeidlich, daß jüdische Leben im Kampfe für Unabhängigkeit und Sicherheit, für jüdische Ehre auch in Erez Jsrael aufs Spiel gesetzt und geopfert werden. Aber eine innere seelische Not empfinden unsere Chaluzim nicht. In Palästina ist das Verhältnis, wenn auch nicht umgekehrt, — denn es wird keinem Juden einfallen, in den Arabern zweitklassige Menschen zu sehen — so doch völlig anders. Dort steht Volk gegen Volk, Anspruch gegen Anspruch. Nicht darum geht es, Araber jüdischen Glaubens zu schaffen, sondern ein jüdisches Palästina, eine rechtliche Heimstätte des jüdischen Volkes. Nicht Antisemitismus gibt es in Palästina, sondern eine sicher bedauerliche, eben ebenso sicher nur temporäre Feindschaft, die ihrer ganzen Natur nach dazu geeignet ist, in einen edlen Wettstreit zweier Nationen überzugehen. Schon dies wäre eine genügende Antwort auf die Frage, warum die nach Palästina gehenden Gelder auf keinen Fall der „Abwehr des Antisemitismus“ dienen. Noch deutlicher aber wird der gewaltige Unterschied, wenn wir die Verwendung der aufgebrachten Geldmittel ins Auge fassen. Es mag vielleicht etwas paradox klingen, wenn man behauptet, daß die im Galuth für die „Abwehr“ gegebenen Gelder, letzten Endes in die Hände der Antisemiten fließen und es ist auch in diesem Umfange zweifellos nicht richtig. Demjenigen aber, den die Methoden des Abwehrkampfes auch nur etwas vertraut sind, möchten wir empfehlen, diese Worte doch einmal eingehender, als man es gewöhnlich zu tun pflegt, nachzuprüfen und er wird dann vielleicht zu dem Schlüsse kommen, daß eine Grundwahrheit in diesem scheinbaren Widerspruch verborgen liegt, daß die bisherigen Methoden der Bekämpfung des Antisemitismus notwendigerweise einen circulus vitiosus in sich bergen, der, wie die Dinge heute liegen, unvermeidbar erscheint. Das alles kann hier nur angedeutet werden und muß der Nachprüfung durch den Leser in weitestem Maße überlassen bleiben. In Palästina jedenfalls sind derartige Verhältnisse undenkbar. Der Hauptgrund dafür liegt in der Verschiedenheit der Methoden. Nicht durch politische Manöver, nicht durch Zeitungen, nicht durch Einzelpersonen überhaupt vollzieht sich dort die Abwehr. Positive Leistung, aufbauende Arbeit ist, wie wir schon im ersten Teile dieser Ausführungen gezeigt zu haben glauben, zugleich die einzig mögliche Stellungnahme der Juden gegenüber der feindseligen Haltung der Araber. Diese glückliche Konstellation ist natürlich nur deshalb möglich, weil das jüdische Palästina über einen Volkskörper auch heute schon zu verfügen