Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 20 (18.5.1923)
- Date
- 1923-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 20 18. Mai 1923 10. Jahrgang Nürnberger Spaziergang ii. Eine gewisse Kühle, Sachlichkeit, Nüchternheit — oder wie man es sonst nennen mag — in der Art, an die Dinge heranzugehen, ist dem Nürnberger eigen. Dem Nürnberger Juden ist diese „Objektivität“ ein vielleicht typischer Wesenszug geworden. Gleichermaßen seine Stärke wie seine Schwäche, wenn auch nicht die einzige. Daraus erklärt es sich auch — wenigstens zum Teil — daß der Antisemitismus, selbst in seinen widerlichsten Ausartungen, hier von dem Durchschnitt der Juden nicht so recht ernst genommen werden will. Nur die ganz alten, und die ganz jungen Leute stehen ganz unter seinem Eindruck: die Alten, weil sie sich einfach nicht mehr in „so etwas“ hineindenken können; die Jungen, weil sie — gottlob — noch nicht „objektiv“ genug sind, als daß sie die täglich und tausendfach wiederholte Beschimpfung ihrer moralischen, geistigen und sozialen Existenz ohne Protest ertragen könnten. Die vielen, die übrig bleiben, zumeist „saturierte Existenzen“, wollen die Gefahr, die sie erkennen, noch nicht so recht sehen. Immerhin rafft man sich,, soweit es die allgemeine Indolenz zuiläßt, allgemach zu gemeinsamer Abwehrarbeit auf; mancher hat auf diesem Wege wenigstens zu seinem Judesein zurückgefunden. * Wenn es auch eine der bedauerlichsten Folgen des Antisemitismus ist, daß er beste jüdische Energien zu seiner Bekämpfung fordert statt sie zu nutzbringenderer Tätigkeit verwerten zu lassen, so macht er doch gleichzeitig das Unheil, das er so stiftet, auf andere Weise wieder gut: hier wie überall macht man die Beobachtung, daß nicht nur das jüdische Selbstbewußtsein im Wachsen ist, sondern daß gleichzeitig auch das aktive Interesse an allem „Jüdischen“ überhaupt immer mehr zunimmt. An vielen Einzelbeispielen ließe sich dies erweisen; um einen Fall herauszugreifen: der ständig größer werdende Zustrom zu der Maimonidesloge (U.O.B.B.) hatte bereits vor über einem Jahre Anlaß zur Gründung einer zweiten Nürnberger („Jakob-Herz“-)Loge gegeben; in allen Nürnberger jüdischen, Kreisen hat man an deren Arbeiten so starken Anteil genommen, daß sie nahe daran ist, die ältere Schwester zu überflügeln. Dieses immer tiefer werdende Bewußtsein jüdischer Einheit und Zusammengehörigkeit zeigt sich auf allen Gebieten; wie der „äußere Feind“ den geistigen Zusammenschluß befördert, so hat die wirtschaftliche Not — unter der allen Märchen zum Trotz auch hier in Nürnberg ungeahnt zahlreiche Gemeindegenossen leiden — ein gewaltiges Hilfswerk entstehen lassen; der Erfolg der „Notstandshilfe“ ist auch eine „jüdische Leistung“ — im besten Sinne des Wortes! * In jüdischen Weltanschauungsfragen ist hier allerdings die aktive Leistung nicht so bedeutend. Vorherrschend ist ein recht farbloser, nicht gerade betätigungsfreudiger „Liberalismus“. Man fragt sich manchmal, weshalb sich viele seiner Anhänger gerade „liberal“ nennen: sind sie doch in gesellschaftlichen Dingen von einer hier bodenständigen, außerordentlichen Konservativität, in Fragen des angewandten Glaubens häufig mehr als radikal, allen, neueren Richtungen im jüdischen Leben gegenüber aber von einer ängstlichen Zurückhaltung, wie sie als Partei am schönsten das alte Zentrum zeigte. Es wäre jedoch ungerecht, wenn man den Nürnberger Liberalismus mit „Antizionismus“ gleichsetzen wollte. Ein Liberalismus, wie ihn beispielsweise das Breslauer „jüdsch-liberale“ Organ repräsentiert (mit welcher stillen Freude ist hier abgedruckt, daß in Jerusalem ein Straßenkampf war und daß die arabische Delegation in London protestiert hat!), findet hier wenig Gegenliebe. * Trotzdem wirkt auf viele der Zionismus noch wie ein rotes Tuch; noch ist. er nicht salonfähig geworden; für jüngere Zionisten hat man ein Achselzucken, ältere sind unheilbar verschroben. Wenn einer sich von dem Verdacht reinigen kann, ein Zionist zu sein, so atmet man auf. Aber es muß gesagt werden, daß doch die allerwenigsten heute noch die Zionisten aus Angst vor den Antisemiten für Verbrecher halten. Man glaubt doch allmählich erkannt zu haben, daß der Antisemitismus weder schwächer noch stärker würde, wenn auch an einem Tage sämtliche deutschen Zionisten aus innerster Überzeugung in Naumanns famosen „Nationaldeutschen Verband“ eintreten würden. Man weiß allmählich, daß zwischen Jud’ und Jud’ kein Unterschied gemacht wird, weder in der Bewertung noch in der Behandlung; und man empfindet es — hüben und drüben —■ als eine Feigheit sondergleichen, wenn etwa ein, Kellerbauer (Schriftleiter des „Volkswillen“; vor wenigen Tagen auf der Anklagebank wegen eines an Niedrigkeit der Gesinnung und Ausdrucksweise nicht zu überbietenden „Gedichtes“) sich damit verteidigen läßt, daß sich sein Kampf nur gegen d i e Juden richte, die über die Grenzen gekommen seien! * Bezeichnend für den gesunden Kern, der in den Nürnberger Juden steckt: stärker als der immer noch vorhandene Horror gegenüber den Zionisten ist doch die instinktive Abneigung gegen den Judäoarier Naumann. Die „Nauleute“ würden, es jedenfalls nie verstehen, daß z. B. die Maimonidesloge, eine Vereinigung zahlreicher zweifellos gut deutsch gesinnter Juden, sich jetzt einen zionistischen Präsidenten gewählt hat. Dies zu verstehen oder nicht zu verstehen haben« sie allerdings hier weder Anlaß noch Möglichkeit: denn bisher hat sich in Nürnberg noch kein wenn auch winziger Kreis gebildet, der es offen gewagt hätte, sich zu den „Ideen“ Max Naumanns zu bekennen. Nicht einmal, wenn es galt einen Beitrag zum Keren Hajessod zu verweigern, hat sich jemand dabei auf die Naumannsche Begründung gestützt, daß ein Beitrag „Landesverrat“ sei; obwohl man doch hier in Nürnberg mit dem Vorwurf des Landesverrates schnell, bei der Hand ist (der um den demokratischen Gedanken so verdiente Ober-