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Das jüdische Echo · 1923-05-11 · 19 (11.5.1923) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
19 (11.5.1923)
Date
1923-05-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 19 11. Mai 1925 10. Jahrgang Nürnberger Spaziergang Nürnberg ist am schönsten jetzt im Mai. Es gibt zwar viele, die meinen, daß Nürnberg in jeder Jahreszeit am schönsten sei; und es ist in der Tat schwer zu sagen, was stärker wirkt: die alten Mauern in schwere Herbstfarben gekleidet oder der satte, sommergrüne Kranz um die Stadt oder die tausend Giebel und Erker mit Sc'hneehäubchen angetan oder Baum und Strauch, wie jetzt, in Frühlingsfarben leuchtend. Auf alle Fälle läßt sich der Standpunkt, den die Dichter aller Qualitäten seit einigen Jahrtausenden einmütig vertreten: daß der Frühling (sprich Lenz) eine unvergleichliche Naturerscheinung sei, auch bei uns in Nürnberg als richtig erweisen. Ein Spaziergang „um den Ring“ belehrt einen darüber und läßt einen leicht alle innere und äußere Not vergessen — auf kurze Zeit sogar den steigenden (bezw. fallenden) Dollar; beinahe sogar den Antisemitismus. 4c Diesen letzteren allerdings nur „beinahe“. Denn den „Ring“ zieren nicht nur Mauern und Türme, Bäume und Sträucher, sondern von Zeit zu Zeit drängt sich auch eine Plakatsäule in die Landschaft. Und eine Plakatsäule ohne das charakteristische rote Plakat, mit dem die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ (apropos: So viele Worte, so viel Lügen!) zu ihren wöchentlichen Veranstaltungen einlädt, kann man sich in Nürnberg seit einigen Monaten überhaupt nicht mehr vorstellen. Als seinerzeit Herr Julius Streicher. der inzwischen offenbar größenwahnsinnig gewordene Schullehrer, erstmals seine Heilswahrheiten verkündete und dabei „Juden keinen Zutritt“ gewährte, wirkte das in dem an kulturellen Erlebnissen nicht überreichen Nürnberg wie eine Sensation. Zwar wirkte der Zusatz „Juden haben keinen Zutritt“ hauptsächlich als Stilübung: welcher Jude wäre so geschmacklos, sich den blödsinnigen Extrakt der Streicherschen und ihm verwandten Gehirnwindungen anhören zu wollen! Immerhin konnten einige, und nicht die Ängstlichen gerade, eine Art Pariagefühl anfangs nicht loswerden. Auch hatte man das Empfinden, daß es vom rechtlichen Standpunkt aus vielleicht nicht ganz in Ordnung sei und gewissen' Grundsätzen der auch in Bayern noch geltenden Weimarer Reichsverfassung widerstrebe, wenn ein Bevölkerungsteil in dieser Weise öffentlich verächtlich gemacht und degradiert werde. Bis die Juristen in unserer Mitte uns darüber aufklärten, daß „nichts zu machen sei“. Seitdem finden es die Nürnberger Juden in der ihnen eigenen Objektivität für ganz in der Ordnung, daß das rote Plakat mit dem immer wieder originellen Vermerk „Juden haben keinen Zutritt“ erscheint. Nachgerade hat man sich überhaupt derart an die Sache gewöhnt, daß man das Plakat mit einer Art Sehnsucht erwartet und daß einem förmlich etwas fehlen würde, wenn es einmal ausbliebe. Dieser Fall wird aber kaum eintreten; denn auch der Nürnberger Polizeigewaltige ist objektiv. ♦ Wenn nicht aus anderen Gründen der bedenklich wackelnde Thron der Nürnberger Oberariers einmal einstürzt. Zur Zeit wird nämlich „enthüllt“. Und zwar in einer Weise, die dem reinlichen Seelenzustand der prominentesten Pegnitzgermanen alle Ehre macht. Einstmals stritten sich sieben Städte um die Ehre, einen Homer hervorgebracht zu haben. Heute streiten sich hier annähernd ein halbes Dutzend Heldensöhne um die Frage, welcher von den andern der größte Lump sei. Wolfgang Preßl, Ferdinand Bürger, Julius Streicher, Georg von Sohl leben (der letztere sogar zweifellos relativ ein anständiger Kerl, rettungsloser Ideologe und Phantast) enthüllen sich gegenseitig. Zuerst hat Preßl enthüllt. Dann hat in der gleichen, von Tausenden besuchten Versammlung Bürger enthüllt. Dann hat Streicher diese beiden, längst Enthüllten, nochmals enthüllt. Wieder vor Tausenden. Gleichzeitig hat er schriftlich „den Verrätern und Verleumdern“ geantwortet. Darauf hat wieder Preßl auf die Antwort geantwortet. Nun erwartet man allgemein, daß auch Bürger auf die Antwort der Antwort antwortet. Dann kommt Streicher wieder an die Reihe. Und so geht es weiter. « Das Entsetzliche an der Sache ist nur, daß alle die politisierenden Putzfrauen, Sturmtruppleute, Postsekretäre. Geheimbündler und sonstigen völkischen Gemüter nicht mehr wissen, woran sie glauben und wovon sie überzeugt sein sollen. Denn alle diese Leute treiben ihre Politik nach der einfachen Methode: „Der letzte Redner hat recht.“ Wie nun, wenn aus dem gleichen Lager alle Tage ein anderer auftritt und anderes erzählt? — In einem allerdings haben Streicher und Genossen recht: Man plant einen verderblichen Anschlag gegen sie. Aber nicht „jüdisches Geld“ wird die Waffe führen: sie werden erschlagen werden von ihrer eigenen Lächerlichkeit! Der erste Mai ist den Herrschaften arg in die Glieder gefahren. Die Nürnberger Arbeiterschaft hat in einer imposanten Demonstration gezeigt, daß sie gewillt und imstande ist, „Parole zu bieten“. Die Kundgebung war so machtvoll, daß sie niemandem in ihrer Wirkung entgehen konnte (abgesehen von dem Berichterstatter des allgemein beliebten „Fränkischen Kurier“. Wie objektiv die Nürnberger Juden sind, zeigt sich übrigens auch daran, daß sie immer noch in diesem „Organ“ geboren werden, sich verloben, vermählen und sterben!). Die Nürnberger Arbeiter haben in der Tat an diesem Tag gezeigt, daß sie für Hanswurstiaden nach Münchner Zuschnitt nicht zu haben sind. Nicht einmal von Maschinengewehren und Bomben, vermittels deren offenbar das Mailüfterl gewürzt werden sollte, ließen sie sich reizen. Und wenn sie auch sehr zum Schmerze Streichers wenig Wert darauf legen, als unmittelbare Nachkommen Hermanns, des Cheruskerfürsten, anerkannt zu werden, so setzt doch ihre nüchterne, allen irrsinnigen Einflüsterungen abholde Art beste Altnürnberger Handwerkertradition fort. Und wenn es auch von allen Radikalinskis rechts und links, oben und unten, als peinlich empfunden werden mag: das Nürnberger Volk, besonders die Nürnberger Arbeiterschaft in ihrer kühlen, vernünftigen Sachlichkeit ist die beste Gewähr (hoffentlich nicht die einzige!) für eine ruhige Entwicklung der politischen Dinge in Bayern. *

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