Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 18 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Das jüdische Echo 215 Raumes hallten von den Worten wider. Außer den dreien aber war niemand in dem Gemach zugegen. Als der Segen zu Ende gesprochen war, erschien eine Frauengestalt, in Sabbatkleider gehüllt, deren Antlitz war verschleiert, und doch ging ein Leuchten von ihr aus. Der Greis goß etwas Wein aus seinem Kelch in einen andern Kelch und reichte ihn der Frau. Sie trank davon und ging aus dem Raume und ward nicht mehr gesehen; doch hörte man nach jedem Segen, der nun gesprochen wurde, Amenrufe ertönen. Nun sprach auch der Gast den Segen über den Wein und trank davon; der Saft war von herrlichem Wohlgeschmack. Es war kein Trunk von dieser Welt, das fühlte er; es war der Wein, der noch in den Schöpfungstagen gekeltert und für die Gerechten, die da auferstehen sollen, aufgespart wurde. Danach wurden zwölf Weizenbrote auf den Tisch gebracht und vor die zwei Sitzenden gelegt; dann folgten Fische und andre Speisen von elfhundertundachtzig Arten, alles köstlich mundend. Du fragst gewißlich, Erdensohn, wie es möglich war, daß ein Mensch so viel Speisen verzehren konnte, wo er doch sonst von jedem Gericht nur einen halben Löffel hätte genießen können. Geliebter Freund, ich will es dir sagen: wisse, daß die Speise nicht für den Körper bestimmt war, sondern für die Seele. Das kann man wohl einem einfachen Mann nicht erklären; ein solcher aber, der von der hohen Weisheit der Kabbala vernommen hat, der wird das begreifen. Als das Mahl zu Ende war, wurden abermals Gesänge angestimmt, und da füllte sich der Saal mit Betenden, und jeder Stuhl wurde besetzt. Wie süß aber der Gesang war, das ist nicht wiederzugeben; ein Lebender, der ihn vernommen hätte, hätte vor Wonne vergehen müssen. Indes brachte der Wächter noch mehr Stühle herbei, die alle golden und mit Edelsteinen besetzt waren; er stellte sie um den Tisch, an dem der ehrwürdige Greis und unser Gast allein saßen. Und nun erschienen wieder zwei Greise, bei deren Eintritt sich alle von ihren Sitzen erhoben. Die Neueingetretenen kamen an den ehrwürdigen Greis heran, und er legte seine Hände auf das Haupt eines jeden und segnete ihn. Wieder ging die Tür auf, und es erschienen zwölf Jünglinge, bückten sich vor den drei Greisen und reichten unserm Frommen die Hand. Den neuen Gästen wurde gleichfalls Speise und Wein vorgesetzt, worauf der gemeinsame Tischsegen gesprochen wurde. Der greise Wächter trat sodann an unsern Frommen heran und sprach zu ihm: Folge 'mir. Und er führte ihn in ein andres Gemach, bereitete ihm ein Ruhebett und stellte Wasser vor ihn. Danach entfernte er sich. Der Fromme aber verfiel in einen süßen Schlaf. Am andern Morgen kam wieder der bedienende Greis zu ihm und sprach: Komm, tauche deinen Leib in Wasser. Und er führte ihn an eine Wasserquelle, woselbst der Fromme sich reinigte, und gab ihm sodann frische Kleider zum Anziehen. Hierauf brachte er ihn in ein Bethaus, das voll von Büchern war, welche alle auf Pergament geschrieben waren. Und der Fromme setzte sich hin und fing an zu lesen. Bald aber rief ihn der Wächter in den Tempel, woselbst alles Volk schon versammelt war. Man begann zu beten. Der Vorbeter und die Sänger standen auf der Bühne und stimmten ein Lied an; die Süße des Gesanges war nicht wiederzugeben. Nach dem Gottesdienst sollte der Wochenabschnitt der Thora verlesen werden. Und der Fromme sah, wie die feurige Rolle aus dem Schrein geholt wurde; sie brannte lichterloh, aber die Flamme Versehrte nicht den, der sie in Händen trug. Und als man die Schrift auf das Pult legte, trat alles Volk herzu, küßte die Rolle und rief: Schrift der Heiligkeit, Schrift der Reinheit, Schrift der Wahrheit! Da konnte sich der Fromme nicht mehr halten und sprang auf die Bühne. Was sah er da! Die Thorarolle war loderndes Feuer, das Fell brannte i,n hellen Flammen, die Schriftzeichen waren sprühende Funken. Nach dem Verlesen der Schrift wurde das Mittagsgebet gesprochen, und danach rief das Volk dem ehrwürdigen Greise zu: Einem fröhlichen Sabbat! Dieser erhob sich sodann zusammen mit dem diensttuenden Alten und unserm Frommen, und sie gingen wieder in ihr Gemach. Abermals wurde der Segen über den Wein gesprochen und Weizenbrot und andre Speisen aufgetragen. Es erschienen wieder die zwei andern Greise und die zwölf Jünglinge und sangen süße Melodien, die zum Himmel drangen. Nach dem Mahl wurde der fromme Gast in einen lieblichen Garten gebracht. Hier war ein Ruhebett für ihn bereitet; er legte .sich hin und erquickte sich an dem Duft der Blumen und Kräuter. Der bedienende Greis kam und stellte einen Korb voller Früchte vor ihn; der Fromme sprach den Segen und labte sich an ihnen. Danach ging er ins Lehrhaus und las in der Schrift, danach wieder ins Bethaus und sprach das Nachmittagsgebet. Es nahte die Zeit des dritten Mahles. Zu diesem erschien die ganze Gemeinde und sang und betete bis zum Aufgang der Sterne. Der Tischsegen wurde gesprochen und danach das Abendgebet verrichtet. Nun wurde der Abschied vom Sabbat gefeiert und der beginnende Werktag begrüßt. Das Volk entfernte sich, es blieben nur der älteste Greis, der bedienende Greis und unser Frommer übrig. Den ganzen Sabbattag über hatten sie miteinander kein Wort gewechselt. Was den frommen Mann aber wunderte, war, daß bei dem dritten POBZELLAN-NIBDEBLA«! MÜNCHEN THE ATI//ER STR ASSE J>j gegenüber der FeldhermkmMe OBÖS8TI AC8WAIL IM «BBBAVCIBPBIZIIiIAI TÄTLICHE LA«ERBB6ÄXKiIN6