Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 18 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 18 4. Mal 1923 10. Jahrgang Die Hebräische Universität in Jerusalem Professor Einstein, 4er erst kürzlich das Resume seiner in Palästina empfangenen Eindrücke dahin zog, daß die Entwicklung Palästinas eine „Neubelebung der Seele des jüdischen Volkes“ bedeute, hat diese Äußerung im hervorragendem Maße darauf gestützt, daß er die Konstituierung der hebräischen Universität in Jerusalem als gesichert betrachten konnte. Ist jetzt die Zeit, ist dies der gegebene Moment für die Errichtung einer Hochschule in einem Lande, dem in vieler Hinsicht noch die primitivsten Erfordernisse des täglichen Lebens fehlen, dessen Landwirte und Arbeiter unter einer unsäglichen Geldknappheit leiden, dessen Lehrer seit Monaten ohne Gehalt in der allerdürftigsten Weise ihr Leben fristen müssen, so wird mancher fragen, dem die Probleme des Aufbaus von Erez Israel zu Herzen gehen, der vielleicht selbst nach seinen besten Kräften an der Beschaffung der notwendigsten Gelder mitarbeitet. Und diese Bedenken, denen eine gewisse Berechtigung, auf den ersten Blick wenigstens, zweifellos nicht abzusprechen ist, werden vielleicht auch noch von einer anderen Seite her gestützt werden. Die Juden sind, das wissen wir alle, ein Volk, das durch die Gewalt der Verhältnisse von der manuellen Arbeit weg und in einem ganz außergewöhnlich hohem Maße auf das Gebiet intellektueller Arbeit gedrängt wurde. Überall in der ganzen Welt finden wir die Juden ungewöhnlich stark in den sogenannten „geistigen“ Berufen vertreten, während der jüdische Handwerker, der jüdische Bauer aus uns nur allzubekannten Gründen immer noch eine zahlenmäßig untergeordnete Rolle spielt. Man kann gewiß darüber streiten, ob dies, sub specie aeternitatis gesehen, gut oder nicht gut ist, aber zweifellos erfordert der Aufbau Palästinas heute in allererster Linie Menschen, die den Boden bestellen, die den notwendigen Lebensbedarf mit ihrer eigenen Hände Arbeit erzeugen können und Kaufleute, Schriftsteller, Ärzte, Advokaten usw. nur insofern, als sie auf der Grundlage einer gesunden jüdischen Wirtschaft gebraucht werden, also erst in sekundärer, um nicht zu sagen, in allerletzter Linie. Muß eine jüdische Universität in Palästina, so wird man fragen, nun nicht gerade den Erfolg haben, abzuziehen von den uns im Augenblicke wichtigsten Berufen und mit der Gewalt eines starken Magneten unsere Menschen, für die gerade die geistigen Bedürfnisse eine so ungewöhnlich große Rolle spielen, veranlassen, zu studieren, Examina zu machen, Diplome zu erwerben, kurz gerade das hervorbringen, was unter den heutigen Verhältnissen nur schädlich sein könnte, nämlich den Stand des palästinensischen Intellektuellen? Und doch wäre eine solche Ansicht eine irrtümliche, irrtümlich deshalb, weil auf falschen Voraussetzungen basierend. Der Name „Universität“ erweckt naturgemäß bei uns Vorstellungen, die den Beispielen entsprechen, die wir aus eigener Erfahrung, aus dem Sehritftum und der Tagespresse kennen. Weitabgewandte, verschrobene Professoren, buntbemützte, uninteressierte Studenten, und die Erziehungsprodukte einer meist viele Jahre dauernden Ausbildung, der Durchschnitt unserer gewiß recht tüchtigen Akademiker sind es, die sich zwangsläufig bei uns mit dem Begriffe einer Universität verbinden. Ganz in den Hintergrund treten dabei die eigentlich wichtigsten Funktionen einer Hochschule, die in Wirklichkeit eine hohe Schule bedeutet und die den Leuten, die heute in der ganzen Welt für den Gedanken einer hebräischen Universität erfolgreich arbeiten, so wesentlich erscheinen, daß sie selbst in der Zeit katastrophalsten Geldmangels die Verantwortung dafür tragen zu können glauben, daß immerhin erhebliche Kapitalien für diesen Zweck nutzbar gemacht werden. Der Hallensische Universitätsprofessor D r. Fodor, der neben Professor Einstein als der energischste Vorkämpfer für den Gedanken der hebräischen Universität bezeichnet werden kann und der sich bekanntlich zum Zwecke der Schaffung geeigneter Institute augenblicklich in Palästina befindet, hat einmal gelegentlich eines Referates für den letzten Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland als die 3 wichtigsten Funktionen einer modernen Hochschule die Forschung (Research), die Ausbreitung (Extension) und den Unterricht (Teaching) bezeichnet. Aus dieser knappen Begriffsbestimmung ergibt sich ohne weiteres, daß jener Punkt, der dem Außenstehenden als der allein wichtige zu erscheinen pflegt, der Unterricht nämlich, in Wirklichkeit nur eine und zwar die letzte von den drei großen Aufgabenkreisen darstellt, deren Lösung' an den Bestand einer Universität geknüpft ist. Von diesem allein zutreffenden Standpunkt aus betrachtet, gewinnt die Frage nach der Notwendigkeit der alsbaldigen Gründung einer hebräischen Universität alsbald ein ganz anderes Aussehen. Die geistige und materielle Erforschung des Landes und der Nachbarländer, die Heranbildung einer einheimischen Industrie neben einer modernen intensiven Landwirtschaft, Anregung und Leistung von Sanierungsarbeiten und anderen hygienischen Leistungen sind Aufgaben, die ohne entsprechende Forschungsinstitute nicht oder doch nur unvollkommen, dilatorisch, bewältigt werden können, von deren richtiger und sachgemäßer Lösung aber der elementare Aufbau abhängig sein muß. Hat man z. B. an einer bestimmten Stelle das Vorkommen einer reichlichen Menge von sich eignender Kieselerde nachgewiesen, so wird es eine Leichtigkeit sein, dorthin einen tüchtigen Glasfabrikanten zu entsenden, der nun seinerseits in der Lage sein kann, einen sachgemäßen Betrieb auszubauen und so vielleicht den Anstoß zu einer gar nicht absehbaren industrellen Entwicklung zu geben. Wissenschaftliche Untersuchung der Wasserkräfte auf die Möglichkeit ihrer Umsetzung in elektrische Energie, Erschließung neuer Öl- und Naftaquellen, exakte Prüfung des Ackerbodens auf seine Verwendbarkeit zur Bepflanzung, auf die zu seiner Erschließung erforderlichen Düngemittel, Fragen der Aufforstung, der Entsumpfung, der Bekämpfung der Malaria und unzählige mehr sind es die der Universität eine unmittelbare Bedeutung für die Probleme des Aufbaues verleihen werden. Selbstverständlich werden auch Forschungen kultureller Art. Leitung von Ausgrabungen und vor allen Dingen sprachwissenschaftliche Är-