Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 17 (27.4.1923)
- Date
- 1923-04-27
- Page
- Seite 198 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 17 27. Hpril 1923 10. Jahrgang Der Keren Hajessod und die englischen Juden Während man in Deutschland sich immer noch scheut, jüdische Fragen in voller Öffentlichkeit zu diskutieren, während man bei uns davor immer noch zurückschreckt, mit Stolz auf das größte Aktivum, das wir vielleicht in neuester Zeit für das Judentum überhaupt verbuchen können, auf Palästina hinzuweisen, hat man in England schon längst erkannt, daß wir gerade in den Fragen des Aufbaues von Palästina, deren internationale Bedeutung nun doch zur Genüge erwiesen ist, das volle Licht der Öffentlichkeit keineswegs zu scheuen brauchen. Es mag richtig sein, daß gerade in England am leichtesten für Palästina gesprochen werden kann, da sich dort englisches Staatsbürgerinteresse und jüdische Hoffnungen bis zu einem gewissen Grade vereinigen. Aber es wäre weit gefehlt, wenn man annehmen wollte, daß dies für die Engländer der ausschlaggebende Grund für ihre oft geradezu Erstaunen erregende Anteilnahme an dem Werden eines jüdischen Palästina sei. Hier sprechen ganz andere Gründe mit als politische, hier werden viel tiefere Interessen, viel edlere Beweggründe bloßgelegt, als es das Streben nach Macht in irgend einer Form nur immer sein könnte. England, das bei uns so verschriene Land der „Werkheiligkeit“, das Land, dem man nachsagt, daß es treu dem Buchstaben und entgegengesetzt dem Sinne der göttlichen Gebote lebe, dieses England hat gerade in seinen hervorragendsten Führern, ganz gleich, welcher politischen Richtung sie auch angehören mögen, vom mächtigen Lord bis zum Arbeitersekretär in der kleinen Stadt draußen, bewiesen, daß eine solche Verurteilung eines Volkes nur auf oberflächlichen Wahrnehmungen beruhen konnte und daß in Wahrheit dieses Land der „Frömmler“ in vieler Beziehung auch ein Land der Frommen ist. Palästina, dieses Wort übt auf den Engländer bis zu einem gewissen Grade den gleichen Zauber aus, den es für einen großen Teil, leider nicht für alle, der Juden hat. Die biblische Tradition ist für den Engländer untrennbar verknüpft mit dem Boden, aus dem sie hervorstieg; Israel ist für ihn noch „das auserwählte Volk“, das den besten Rechtanspruch auf ein Land hat, durch das es aus einem unbedeutenden Küstenstriche in Kleinasien in den Hoffnungsstern verwandelt wurde, auf den seit Jahrtausenden nunmehr die Frommen aller Länder mit Sehnsucht blicken. So und nur so erklärt es sich denn auch, daß in England nicht nur die jüdischen Führer, sondern auch Nichtjuden in großer Anzahl die Verpflichtung in sich fühlen, mit dazu beizutragen, daß die Steinwiiste des heutigen Palästina wieder in ein Erez Israel verwandelt wird, das von Milch und Honig fließt und das noch einmal dazu bestimmt sein soll, zum Ausgangspunkt der Lehre zu werden, das Abendland vor dem Untergange zu retten. Der Keren Hajessod ist das Aufbauinstrument, durch das allein Palästina der Lebensstrom vermittelt werden kann, der den endlichen Aufbau bringen wird, der es möglich macht, Menschen in den nötigen Massen hinüberzuführen zum Kampfe mit. der Verwilderung des Landes, die seit der Vertreibung der Juden unaufhörlich im Zunehmen begriffen war. Nicht eine prosaische Geldaufbringungsmaschine ist der Keren Hajessod, das hat man dort in England klar erkannt. Der zahlenmäßige Ausdruck der jüdischen Bereitschaft zur Erfüllung der jüdischen Sendung für die ganze Welt ist er und als solcher muß er gewertet werden. Wir lassen im folgenden den unverkürzten Abdruck der in London bei einer bedeutsamen Massenkundgebung gehaltenen Reden für den Keren Hajessod folgen, der, wie wir hoffen, unseren Lesern zeigen wird, daß unsere Anschauung über die Einstellung des englischen Volkes zur Palästinasache, wie wir sie oben skizziert haben, eine richtige ist. Ist dem aber so, dann ergeben sich klar die Folgerungen, die wir aus dieser Erkenntnis zu ziehen haben, dann zeigt sich deutlich, daß wir, ohne im geringsten deutsche Interessen irgendwelcher Art zu schädigen, im Gegenteil, gerade auch im deutsche n Interesse den Aufbau Palästinas durch den Keren Hajessod zu fördern verpflichtet sind. Wir haben in Deutschland schon einmal ein Pro-Palästinakomitee gehabt, dem führende deutsche Köpfe, hervorragende Wirtschattspolitiker, unsere größten Philosophen, angehört haben. Wir glauben keiner unbegründeten Hoffnung Ausdruck zu verleihen, wenn wir die Zeit der Konstituierung eines neuen großen Pro-Palästinakomitees, das dann allerdings vielleicht führende Männer der ganzen Welt vereinigen wird, für gekommen erachten. Li-r. F iihrende P e r s ö n 1 i c h k e i t e n L ondons bei einer Londoner Veranstalt u n g Der erste Redner, Oberrabb. D r. Hertz, erklärte, das neue Judäa solle das jüdische nationale Heim sein, mit anderen Worten, der Jude soll nicht geduldet, nicht aus Mitleid dort leben dürfen, sondern von Rechts wegen. Vor zehn Jahren besuchte ein bekannter amerikanischer Rabbi Palästina, der kürzlich, seine Erinnerungen niederschrieb. Er erklärte, er würde zwei erniedrigende Erlebnisse nie vergessen. Das erste war, daß er den Roten Zettel der türkischen Behörde annehmen mußte, auf Grund dessen er nicht länger als sechzig Tage in Palästina verbleiben durfte. Danp berichtet er, er sei zehntausenden russischen Pilgern in Palästina begegnet. Er kam an den Jordan, und als er die Hand ins Wasser tauchte, schrie ihn ein russisches Weib an: „Jude! Laß deine Hand von meinem Fluß!“ Im neuen Judäa wird niemand das Recht haben, dem Juden zu sagen: „Laß deine Hand von meinem Fluß!“ Es wird das jüdische nationale Heim sein! Die Kritiker werden Ihnen sagen, zwei Schwierigkeiten hinderten die Verwirklichung des nationalen Heimes. Die eine Schwierigkeit seien die Araber. Ich glaube nicht, daß hinter dieser Schwierigkeit eine Realität steckt. Die Balfour- Deklaration sagt deutlich, daß das jüdische Nationale Heim keine Beeinträchtigung der bürgerlichen und gesetzlichen Rechte bestellender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina bedeuten soll. Nun gedenke ich eine arge Indiskretion zu begehen. Aber das Leben wäre ja nicht lebenswert, wenn wir nicht manchmal indiskret wären. (Heiterkeit.) Seinerzeit bestand eine schroffe Meinungsverschiedenheit bezüglich des vorgeschlagenen Wortlautes