Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 15 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 15 13. Hpril 1923 10. Jahrgang Palästinas Zukunft Von Colonel Kisch, politischem Leiter der Exekutive in Jerusalem Das Problem des Aufbaus der nationalen Heimstätte gipfelt darin, Mittel für die wirtschaftliche Eingliederung der Immigranten zu beschaffen. Dies würde selbst auch dann zutreffen, wenn die Mandatarmacht Einschränkung bezw. Erleichterung der Immigration nicht von den Schwankungen dieses Faktors abhängig gemacht hätte. Daraus folgt, daß für diejenigen, die nach Verwirklichung des nationalen Ideals streben, die Aufbringung der Mittel; für die Immigranten und deren Anpassung an die Arbeitsbedingungen in Palästina die erste Aufgabe sein muß. Die Bedeutung der Förderung des Erziehungs- und Gesundheitswesens soll durchaus nicht herabgesetzt werden, aber ohne Intensivierung der Einwanderung ist ein Vorwärtskommen unmöglich, und ohne Vermehrung der Arbeitsgelegenheiten können unsere Einwanderer nicht existieren. Arbeitsgelegenheit für unsere Einwanderer kann nun durch; zweierlei geschaffen werden: durch landwirtschaftliche Besiedlung und industrielle Entwicklung. Wenn man die Leidenszeit des Landes während des Krieges wie auch die ungeheure Steigerung der Bodenpreise, die auf die englische Okkupation folgte, in Betracht zieht, so kann man mit Stolz auf die nationalen Erfolge hinsichtlich de Zahl der landwirtschaftlichen Kolonisten zurückblicken, die sich während der letzten vier Jahre angesiedelt und die Zahl der jüdischen landwirtschaftlichen Bevölkerung verdoppelt haben. Andererseits ist es aber nur recht und billig, sich der Schwierigkeiten und Hindernisse bewußt zu werden, denen unsere Kolonisten durch den Mangel an entsprechender materieller Unterstützung gegenüberstehen. Kein Wort der Klage über ihre Not, und doch ist es unerbittliche Wahrheit, daß in vielen unserer Siedlungen Fleischgerichte nur selten auf den Tisch gelangen. Diese ungenügende Ernährung, verbunden mit einem, 12—Hstündigen Arbeitstage greift Kraft und Gesundheit unserer Kolonisten ersichtlich an. Hierüber schweigen sie, aber sie beklagen sich, und mit, Recht, daß für vier Familien nur ein einziges Paar Maulesel vorhanden ist, daß sie nicht in der Lage sind, Saatgetreide für den gepflügten Boden zu kaufen, und vor allem auch darüber, daß ihnen, da das erforderliche Arbeitskapital und Kredite fehlen, ein Vorwärtskommen unmöglich ist. Dem muß unbedingt gesteuert werden. Diese selben Kolonisten — ich habe eine bestimmte Siedlung von 85 Familien im Auge — haben am 15. Schewat einen neuen Wald von 35 000 Eukalyptusbäumen angepflanzt, von denen dlrei Viertel in der Kolonie selbst gezogen worden sind, und daran mit wahrem religiösem Eifer von Sonnenaufgang bis Nacht gearbeitet — Männer, Frauen und Kinder. Die Entwicklung in Palästina hat gezeigt, daß das jüdische Volk wie nur je eines Landwirte und Bauern hervorbringen kann, und daß man viel zugelernt hat seit den Tagen, da die ersten Kolonien gegründet und von einer vielleicht zu großherzigen Hand unterstützt worden sind. Was die wirtschaftlichen Aussichten unserer landwirtschaftlichen Kolonisation betrifft, so sind die Fachleute der Ansicht, daß der Erfolg sicher ist, wenn hinreichende Mittel beschafft werden. Ständen uns Regierungsländereien zur Verfügung, so wäre uns die Trockenbewirtschaftung, die nur ein relativ kleines Arbeitskapital erfordert, möglich gemacht worden. Unter den heutigen Umständen aber ist es unmöglich, eine Familie mit weniger als «£ 600 anzusiedeln; es sind also eine Million Pfund nötig, um 1670 Familien oder 5000 Seelen als Landwirte anzusiedeln. Um die industriellen Möglichkeiten zu beurteilen, muß man zu allererst in Betracht ziehen, daß die passive Handelsbilanz für das Jahr 1921 ein Uberwiegen des Imports gegenüber dem Export um 4 700 000 Pfund aufweist; für das Jahr 1922 wird diese Differenz auf 4 100 000 Pfund geschätzt; auf Einzelposten verteilt, betrug der Gesamtimport von Halb- und Fertigfabrikaten, die in Palästina hätten hergestellt werden können, im Jahre 1921 über 3 000 000 Pfund. Diese Zahlen werfen ein klares Licht auf die sich hier für die industrielle Entwicklung eröffnenden Möglichkeiten. Des weiteren sind auch ansehnliche Mengen Rohmaterial aus Palästina exportiert worden, von denen ein Teil in Form von Halb- oder Fertigfabrikaten wieder eingeführt worden ist. Nun ist es ja wahr, daß unsere ersten Bemühungen auf indüstriellem Gebiet nicht überall gleichmäßig erfolgreich gewesen sind, aber es wäre falsch, daraus schließen zu wollen, daß die industriellen Aussichten in Palästina ungünstig seien. Es herrscht ständig wachsender Nachschub von gelernten Arbeitern in Palästina. Die Löhne für gelernte Arbeiter sind zwar noch hoch, fallen jedoch augenblicklich, und würden umso schneller zurückgehen, je regelmäßigere Beschäftigung die industrielle Entwicklung zu bieten imstande wäre. Andererseits ist der Lohn der ungelernten Arbeiter sehr gering, verglichen mit den in Amerika und Europa gezahlten Löhnen. Die größten Hindernisse fiir die industrielle Entwicklung verursachen der Mangel an Kohle, der Mangel an guten Häfen und die hohen Zölle für die Rohprodukte und das Heizmaterial. Was letzteres betrifft, so hofft man, mit der Verwirklichung des Rutenberg-Projektes in der Elektrizität eine billigere Kraft zu gewinnen. Die Hafenbaufrage wird jetzt von der Regierung geprüft, und es steht zu hoffen, daß bereits binnen kurzem ein Plan für die endgültige Lösung vorgelegt wird. Trotz all der erwähnten negativen Faktoren haben die Juden mit der Herstellung von Baumaterialien, Möbeln, Kerzen, Schokolade und Konfekt usw. gezeigt, daß einheimische Industrien mit Erfolg betrieben werden können. Diese Entwicklung des jüdischen Lebens in Palästina hat auch den Bedürfnisstandard der arabischen Bevölkerung rasch gehoben und einen Markt geschaffen für beinahe alle Arten von Fertigfabrikaten, die gewöhnlich in Europa benutzt werden. Da die meisten dieser Waren vorher im Lande nur sehr wenig in Gebrauch waren, so ist auch keine Konkurrenz für deren Fabrikation im Lande vorhanden. Aber neben dem einheimischen Markt könnte Palästina auch noch sehr gut die Märkte von Ägypten, Syrien, Cypern, der Türkei sowie der Länder am Roten Meer beschicken. Fernerhin ist auch die Nähe von Port Said als Knotenpunkt des