Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 14 (6.4.1923)
- Date
- 1923-04-06
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nr. 14 gesamte Lebensauffassung in Europa beherrscht habe, wie in naiv-oberflächlicher Weise man an einen stetig-fröhlichen Fortschritt glaubte und sich bewunderte, wie herrlich weit man es gebracht, wie dann aber auf Grund desselben Entwicklungsgedankens der Pessimismus sich durchsetzte. Man sah gleich wie in der Natur beim einzelnen Menschen und bei Völkern Blühen und Welken, Werden und Vergehen, ein zweckloses Auf und Ab in Not und in Kampf. Man flüchtete sich in den Weltschmerz, bestenfalls in die Kunst. Wir müssen aber davon abkommen. fuhr der Redner fort, von dem gewiß wichtigen Entwicklungsgedanken uns leitend bestimmen zu lassen. Bei aufmerksamer Betrachtung der Geschichte ergibt sich weder ein geradliniger Fortschritt noch Sinn- und Zwecklosigkeit, sondern als ihr Sinn die Wiedergeburt der von den Völkern in die Welt hineingeworfenen Probleme, aber nicht in Form einer bloßen Wiederholung, sondern stets neu gestaltet, neu verpersönlicht. Denn jedes Volk, soweit es eine selbständige Rolle in der Menschheitsgeschichte zu spielen befähigt ist, hat in diese Geschichte sein Problem hineingeworfen, ein Problem, das nie mehr verschwinden kann und immer wieder zu neuem Leben erwacht, den Inhalt der Geschichte mitbestimmend. Was hat das Judentum als sein Problem in die Menschheit geworfen? Die Idee vom Geheimnis und Gebot. Das Geheimnis, daß wir geschaffen sind — der Weg Gottes zum Menschen — in dessen Gefolge die Demut und Ehrfurcht walten, ist gebunden an das Gebot, an das „Du sollst“, an die von Gott überkommene Aufgabe, den Weg zu bahnen vom Menschen zu Gott, selbst mitzuschaffen an der Erlösung des Göttlichen aus menschlicher Schranke, begleitet von Kraft und Glauben an die Menschheit. Und so ist kein Gebot beim Judentum denkbar, keine Begründung des Schaffens am Wege zu Gott als eben durch die Verknüpftheit mit dem Geheimnis, ohne das es nur ein Gebot unter Geboten wäre. So ist im Judentum das Religiöse mit dem Sittlichen in einzigartiger Weise verknüpft und ihre Verknüpfung verbindet heilige Vergangenheit durch kämpfende Gegenwart mit göttlicher Zukunft. Im zweiten Vortrag zeigte der Redner zunächst auf, wie von jeher die tiefste Sehnsucht der Völker danach trachtete, das Vergängliche zu überwinden. Der Buddhismus floh aus der Endlichkeit ins Nirwana; der Ägypter versuchte, in der Mumie das Leben festzuhalten; die Kunst und durch sie das Griechentum hat das Vergängliche durch das Gestaltgewonnene besiegt. Der moderne Stimmungsmensch sucht das Heil im Erlebnis, das einen Halt dem Entschwindenden gegenüber bedeutet. Aber zwischen den Erlebnissen liegt — die Leere und das Kunstwerk ist doch nur eine Station im Leben, nicht das Leben selbst. Aber es gibt etwas Dauerndes im Vergänglichen, etwas was wirklich „dem Augenblick Dauer verleiht“ — und hier knüpft der Redner wieder an die Gedankenreihe des ersten Vortrages unmittelbar an — und dieser Sieg über die Vergänglichkeit ist nichts anderes als eben der Weg des Menschen zu Gott. Der Weg ist das Unendliche im Meer der Endlichkeit. — Der Sinn der Geschichte ist der Weg zum Ziel, zum immer wieder zu Erkämpfenden, der Weg, der immer näher führt dem Gottesreich auf Erden; der Weg ist das, was über die Vergänglichkeit hinwegträgt, der Weg zur Erfüllung, zur Heiligung der Erde. Es wurde so der sittlich-religiöse Sinn des Judentums aufgetan, der gerade in der unendlichen Aufgabe besteht, im Göttlichen des Ewigwerdenden. Im dritten Vortrag schilderte Dr. Baeck zwei Gruppen von Menschen : Die Sentimentalen und die Materialisten, diejenigen, die in ihrer Einsamkeit das Zwielicht, die Dämmerzustände suchen, in Sehnem schwelgen, den Kampf des Tages scheuend — und diejenigen Einsamsten, die von ihrer Einsamkeit nichts wissen, ganz vom Tage befangen, der Erde gefangen, dem Himmel entfremdet, selbstzufrieden in ihrem vermeintlichen Glück. Den Romantikern und den in Endlichkeit Verstrickten stellt Baeck die Wenigen gegenüber, die Adelsmenschen die Führer, die das Leid und die Not der Allzuvielen auf sich nehmen, freudig den Opfergang der Tat gehen vom Menschen zu Gott, die Tragödie erlebend des Kampfes von Ideen und Interessen, den die Geschichte darstellt, am Himmel und Erde, von der schwungvoll erhabenen Berührung des Unendlichen mit dem Endlichen. In hinreißender Darstellung wurde der „tragische Optimismus“ geschildert. Der vierte Vortrag führte nun auch zum „Ziel“, nicht nur zum Weg zum Ziel, dem ewigen Kampfe die tröstliche Gewißheit einend, daß am Ende des Kampfes der Friede winkt, daß das „Du sollst“, das Gebot des Geheimnisses, hinführt zum Sabbath der heiligen Ruhe, zur Versöhnung von Himmel und Erde, von Unendlichkeit und Endlichkeit, zur Einheit des Menschengeschlechtes, dann, wenn die Vielen zu den Wenigen, zu den Adelsmenschen erhoben sind. Wenn Pöbel, Unverstand und Bosheit aus den Wenigen Märtyrer machen, der Tragödie folgt die Verklärung, dem Kampfe die Versöhnung. Die Wenigen siegen am Ende. Denn wie das Prophetenwort es kündet, es bleibt ein Überrest; es bleibt ihr Bestes, das sich verwirklicht und gestaltet. — Zusammenfassend weist der Redner daraufhin, daß sich der Sinn der Geschichte zunächst erweist als Renaissance von in die Welt geworfenen Problemen, die immer neu verpersönlicht ihre Wiedergeburt erleben. Diese Probleme werden aber von Menschen gestaltet und erlebt, von Menschen, die in Demut vor dem Geheimnis der Schöpfung, dem Wege Gottes zu ihnen, seinem Gebote untertan sind, den Weg wieder zu Gott finden und zu erobern. Auf diesen Wegen erleben die Führer die Tragödie der Berührung des Ewigen mit dem Vergänglichen. Daß die Wenigen sich letzten Endes durchsetzen, daß der „Überrest“ bleibt, ist der Sinn der Geschichte und verleiht die Gewißheit, daß der Tragödie ein versöhnender Abschluß folgt im Sabbath der Ruhe, die nicht Rast bedeutet sondern Erfüllung der Sehnsucht des Menschen nach Gott, Wie ein gewaltiger Schlußakkord einer herrlichen Gedankensymphonie, deren Klänge unsern Geist emportrugen, wirkt die Zusammenfügung der in eminent künstlerischen Gestaltung emporgeführten Ideenwelt, die mit dem Sinn der Geschichte zugleich die ewige Menschheitsaufgabe des Judentums klar zum Bewußtsein brachte. Die großen Erwartungen, die man hegte, wurden noch übertroffen. Der außergewöhnliche Eindruck der Baeck’schen Reden erklärt sich wohl vor allem aus der zwingenden Glaubenskraft, die sich unmittelbaren Eingang in Denken und Fühlen der Zuhörer zu verschaffen weiß. Es ist zu hoffen, daß in München und anderwärts, wo immer er gesprochen, es nicht beim bloßen Aufnehmen bleibe, sondern ein ständiges Weiterbilden der angeregten Gedanken folgt und ihre Anwendung auf alle kulturellen und sozialen Probleme der Zeit, soweit sie zukunftbestimmend sind, von Berufenen anzubahnen versucht wird. Max Krämer.