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Das jüdische Echo · 1923-03-30 · 13 (30.3.1923) · p. Seite 156

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
13 (30.3.1923)
Date
1923-03-30
Page
Seite 156 (sequence 8)
Language
German
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156 Das Jüdische Echo Nr. 13 Feuilleton Warum der Messias noch nicht gekommen ist? Von Martha Nothmiann Die Folianten sind schon längst zugeklappt, die teuren Bücher weggeschlossen. Der Diener geht herum und löscht die Lichter aus, aber noch niemand steht auf, um nach Hause zu gehen. Die Herzen Aller sind schwer mit Angst und Sorgen beladen. — es ist fast, als könnten sie sich nicht entschließen, die Bürde nach Hause zu tragen. Man weiß zwar eigentlich nichts Bestimmtes, aber an allen Ecken und Enden der Stadt wetterleuchtet es von unheilvollen Gerüchten, spricht man von Seuchen — Kriegen — Verfolgungen — und es vermehrt womöglich noch das Grauen, daß man nur unbestimmt das Unheil ahnt, das die Stadt umlauert, bereit, sich jeden Moment auf sie zu stürzen. Der alte Natan streicht sich den Bart. „Rabbi, schwer lastet das Leben auf uns. Kummer und Leid sind unsere täglichen Gefährten. Frühmorgens schon steht die Sorge mit uns auf, und die Not setzt sich mit uns zu Tische. Rabbi, die Jahre wallen dahin. Menschen werden geboren — Menschen vergehen. Alles wandelt sich.< Aber gleich geblieben ist eins: Kummer und Leid! herrschen auf der Welt heut so wie vor tausend Jahren.“ Tiefe Seufzer stimmen ihm bei. „Geschlechter auf Geschlechter sanken ins Grab. Völker stehen auf, und Reiche zerfallen, aber noch keiner hat den gesehen, der uns von allem Jammer erlösen soll — keiner noch hat den Messias gesehen.“ „Warum kommt er nicht? Haben wir noch nicht genug gelitten? Warten wir noch nicht lange genug? Ist die Welt nicht bis zum Rande gefüllt mit Not und Elend, und unsere Herzen mit Kummer und Verzweiflung?“ Sie sehen sich an, und nicken sich leidvoll zu. „Ist unsere Sehnsucht nicht reif wie eine Frucht, die vom Baum fallen will? Unsere Seele verschmachtet wie die Erde in der Julidürre? Siehe: sein Platz ist ihm bereitet. An jedem Pessachtage haben wir den besten Stuhl an unserem Festtisch für ihn bereitgehalten. Leer blieb der Stuhl, unausgetrunken blieb sein Weinglas heut so wie alle Jahre. Sein Platz ist ihm bereitet, die Herzen sind ihm geöffnet— warum kommt er nicht?“ „Warum kommt er nicht, warum; kommt er nicht?“ klingt es inbrünstig im Chor. „Würde ihm nicht Jeder entgegengehen? Würde ihn nicht Jeder mit den besten Speisen bewirten und ihn aufnehmen wie einen Freund — wie einen Bruder — wie einen Vater?“ „Warum kommt der Messias nicht?“ klingt es wie ein einziger Schrei. Der Rabbi hebt die Hand. „Still!“ — Sein Blick geht langsam von einem zum andern. „Still! Der Messias war schon da. und Ihr alle habt ihn gesehen.“ „Der Messias!“ „Er war da? Wir haben ihn gesehen? Wann? Wo? warum hat er die Prophezeiung nicht erfüllt?“ Der Rabbi hebt die Stimme. „Ihr alle habt den Messias gesehen, und Ihr sollt ihn auch noch einmal Wiedersehen. In einer Woche ist Pessach. Wenn Ihr hinausgehen werdet, um dem Messias die Tür zu öffnen, so werdet Ihr ihn vor der Schwelle Eures Hauses sehen, so wie er Euch schon einmal erschienen ist.“- — Das Passahfest ist vorüber. Scheu und verlegen schiebt sich einer nach dem andern durch die Tür. „Nun erzählt, wie Ihr den Messias gesehen habt.“- Keiner hebt den Kopf. Festgeschlossen bleiben die Münder. Will niemand anfangen? Der Rabbi wendet sich zu Reb Natan. „Erzählt!“ Natan hebt die Augen nicht vom Boden. Mit eintöniger und leiser Stimme erzählt er: „Ich mußte einmal nach Rußland fahren, in eine Gegend, wo keine Juden wohnen. Ich hatte mir deswegen mein Essen mitgenommen. Da traf ich unterwegs eine Wanderer, der mich um Fleisch Ibat. Ich schlug es ihm ab. Dieser Wanderer stand in der Pessachnacht vor meiner Tür. — Ich hatte noch eine weite Reise vor mir und hätte nirgends anderes Essen bekommen“, fügte er noch leiser hinzu. „Und Abraham, Du?“ „Vor längerer Zeit kamen hier Auswanderer durch. Eine Frau bat mich, ihren schwerkranken Knaben mit mir nach Hause zu nehmen. Ich sagte: Nein. — Dieser Knabe stand in der Pessachnacht vor meiner Tür. — Ich habe selbst Kinder zu Haus — wie sollte ich mich da um fremde kümmern?“ fügte er leise hinzu. „Und Du, Isaak?“ „Neulich kam ich dazu, wie ein Polizist einen Mann des Diebstahls bezichtigte, um von ihm Geld zu erpressen. Der Mann bat mich, ihm beizustehen. Ich ging schnell weiter. — Dieser Mann stand in der Pessachnacht vor meiner Tür. — Ich hatte große Eile,“ fügte er noch leiser hinzu, „und ich dachte auch, es wäre besser, sich nicht mit einem Polizisten einzulassen.“ — Alle schweigen. Die Köpfe sind noch immer gesenkt. Nur der Rabbi sitzt hoch aufgerichtet — seine Augen blicken in unendliche Fernen. „Seht, noch ist die Welt nicht bereit, den Messias zu empfangen — noch sind die Herzen nicht reif, das tausendjährige Reich zu erleben. Ihr aber lasset es Euch eingedenk sein: Jedem, dem Ihr Eure Hilfe verweigert. Jedem, dem Ihr eine Bitte abschlagt: es ist vielleicht der Messias.“ Gemeinden-u.Vereins-Echo München. Vergangene Woche brachten uns vier Vorträge des Herrn Rabbiners Dr. Baeck-Berlin „Bestimmende Gedanken in der Weltgeschichte“. Es waren keine historischen Betrachtungen im landläufigen Sinne, sondern sie gaben uns tiefe religions-philosophische Einblicke in den Sinn der Geschichte als Geschichte von Problemen. Die Vorträge machten auf das zahlreich erschienene Publikum sichtlich tiefen Eindruck. Ausführlicher Bericht folgt in unserer nächsten Nummer. Verband der jüd. Jugendorganisationen. Betreffs Benützung desLandheims Wolfratshausen. Wandergruppen, die über Sonntag das Landheim benützen wollen, müssen spätestens bis Freitag mittags bei Weißbart, Dienerstraße 17, mündlich sich anmelden. Ohne Erlaubnisschein kann die Benützung nicht mehr gestattet werden. Gruppen, in denen Buben und Mädel zusammenwandern, sind von der Benützung ausgeschlossen. Schachklub Lasker. In der Pessachwoche fallen die Spielabende aus, Nächster Schaohabend Montag, 9. April, im „Herzog Heinrich“ (Ecke Landwehr-Mathildenstraße). Erklärung. In einer Versammlung zu Bielefeld hatte der dortige Prediger Goldmann dem abwesenden Herrn Rabbiner Dr. Goldmann den Vorwurf gemacht, er habe den Keren Hajessod-Aufruf

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