Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 11 (16.3.1923)
- Date
- 1923-03-16
- Page
- Seite 132 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Das Jüdische Echo Nr. 11 Fühlung zu bekommen und regten bei ihnen einen organisierten Kampf gegen die Judenhetze an. Die jüdischen Kreise haben diese Annäherungsversuche mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen. Trotzdem versuchen antisemitsche Kreise im besetzten Gebiet der Legende von einem angeblich zwischen Juden und Okkupationsmacht bestehenden Kontakt den Boden zu bereiten. Bezeichnend für die Stimmung der rechtsstehenden Kreise des Ruhrgebiets ist der folgende Ausspruch, den eine einflußreiche Persönlichkeit aus dem rechten Lager in einer großen Ruhrstadt gegenüber einem jüdischen Politiker getan hat: „Unsere Zurückhaltung gegenüber den Juden ist nicht auf den Burgfrieden, sondern auf die Tatsache der Okkupation zurückzufähren. Sobald die Okkupation aufgehört hat, wird die Abrechnung mit den Juden beginnen.“ In der Streikbewegung der Ruhrarbeiterschaft als Protest gegen Übergriffe der Besatzungsbehörden sind auch u. a. mehrere Betriebe, darunter auch die Thyssen-Werke betroffen, in denen jüdische Arbeiter beschäftigt sind. Die jüdischen Arbeiter gehen in allen Fällen mit der übrigen Arbeiterschaft solidarisch vor. Der Sonderberichterstatter des J.C.B. hatte in Duisburg, wo sich die Zentralfürsorgestelle für die jüdischen Arbeiter befindet. Gelegenheit, über die Zahl der ostjüdischen Arbeiter im Ruhrgebiet genaue Materialien zu sammeln. Die in einem Teil der jüdischen Presse im Auslande mitgeteilten Zahlen stellen sich danach als maßlos übertrieben dar. Sogar während der industriellen Hochkonjunktur im Jahre 1922 arbeiteten nicht mehr als 15 000 ostjüdische Arbeiter im gesamten Bergwerksrevier, jetzt hat sich diese Zahl auf 7000 bis 8000 vermindert. Die ostjüdischen Arbeiter sind im ganzen Industriebezirk von Elberfeld bis Dortmund in Hochöfen und Kohlengruben beschäftigt. Über die Beziehungen der ostjüdischen Arbeiterschaft zu ihrer nichtjüdischen Umgebung ist folgendes zu sagen: Das Verhältnis zu den deutschen Arbeitskollegen ist in jeder Beziehung mustergültig. Auch das Verhältnis der Betriebsleitungen zu den jüdischen Arbeitern gibt zu Klagen keinen Anlaß. Einzig und allein seitens der untergeordneten Behörden sind die jüdischen Arbeiter nicht selten Schikanen ausgesetzt. In einzelnen Fällen wurde sogar versucht, seit mehreren Jahren im Ruhrgebiet ununterbrochen beschäftigte ostjüdische Arbeiter auszuweisen. Meist aber griffen die übergeordneten Behörden ein. Ruhrbesetzung und Ostjüdenfrage Bei der Beratung des Notgesetzentwurfs im Deutschen Reichstag wurde von der Deutsehr nationalen Fraktion nachfolgender Antrag eingebracht: „Zur Unterbringung der aus dem besetzten Gebiet ausgewiesenen Reichsangehörigen sind in erster Linie die Wohn- und Geschäftsräume heranzuziehen, die von solchen Ausländern — insbesondere O s t j u d e n — bewohnt und benutzt werden, die seit dem 1. Januar 1919 aus dem Osten in das Reichsgebiet eingewandert sind..“ Von demokratischer Seite (Abgeordneter Brodauf) wurde ein Antrag eingebracht, der im übrigen mit dem deutschnationalen übereinstimmt, aber die Ostjuden nicht besonders erwähnt. Angenommen wurde der Antrag Stresemann (Deutsche Volkspartei), der mit dem demokratischen Antrag übereinstimmt, jedoch die Befristung wegläßt. T^checho-Slowakei In einem Artikel „Tschechisches“ im „Berliner Tageblatt“ vom 2, ds. berichtet der Prager Korrespondent des Blattes, Dr. Gustav Fuchs, über die nachrevolutionäre Gesetzgebung der jungen tschechischen Republik. Folgende Ausführungen sind für das heutige Hitler-Deutschland besonders beachtenswert: „Komisch fast und robiisonadenhaft ist tschechisches Verhalten noch auf anderem Feld. Wie Robinson auf dem Eilande treibt das Tschechentum mitten im antisemintischen Meer judenfreundliche Politik. Im Norden, Westen und Süden, umfangen vom deutschen Hakenkreuztum, wächst ehemalige Toleranz zur vollen Gleichberechtigung und nicht bloß auf dem Papier. Es ist auch, Politik. Aber man fragt: warum nicht auch anderwärts? Der Jude soll nicht verbrannt, sondern verwendet werden im Dienste des Staates, im Dienste der Arbeit. Das in Deutsch- Böhmen aufgerichtete Hakenkreuz, die Flucht der Deutsehnationälen vor dem tschechischen Gegner in den mandatsichernden Antisemitismus erleichtert den Tschechen die Arbeit, aus dem deutschen Juden nur den Juden zu machen. Die tschechische Gesetzgebung geht noch weiter. In dem Entwürfe eines Gesetzes zum Schutze der Republik wird Antisemitismus zur staatsfeindlichen Aktion gestempelt, seine Übung in Wort, Schrift oder Tat als schweres Vergehen geahndet. Ziel der Norm ist Unterdrückung der im Zeichen des Hakenkreuzes stehenden Presse. Es ist für die Prager Politik verlockend, über den Antisemitismus. „der ihr dazu den Vorwand bietet, das Deutschtum zu treffen“. Man sieht, wie sich Nationalgefühl mit wirklicher Toleranz vereinigen kann — in der Tschechoslowakei wenigstens! Im Volke der „Denker und Dichter“ natürlich muß sich der „naive“ Blondling von der großen Mehrheit der Juden, Judenstämmlinge und Jüdlinge, die ja bekanntlich 99 Prozent der Gesamtbevölkerung auismachen, durch Pogrome usw. befreien, um die Welt am deutschen Wesen wieder genesen lassen zu können. Gemeindenu. Vereins-Echo Zehn Gebote zur Lähmung des Vereinslebens 1. Sprich schlecht von deinem Verein und drohe stets mit deinem Austritt. 2. Besuche keine Versammlungen, Wenn du ja kommst, so komme zu spät. Komme nie, wenn das Wetter schlecht ist, 3. Erzähle jedermann haarklein, daß du mit der Tätigkeit der Verwaltung nicht einverstanden bist. 4. Wenn du dich mit einem Vereinsmitglied verfeindet hast, so lasse es den Verein entgelten. 5. Nehme nie ein Amt an. da es leichter ist, zu kritisieren, als Arbeit zu leisten. Trotzdem sei gekränkt, wenn du zur Mitarbeit nicht aufgefordert wirst, klage dann über Vetterleswirtschaft. 6. Sprich niemals Gutes über die Vorstands- und Ausschußmitglieder, sondern unterstelle ihnen, daß sie nur aus Ehrgeiz und persönlicher Vorteile halber für den Verein arbeiten. 7. Wenn der Vorsitzende dich um deine Meinung fragt, so sage, du habest nichts zu bemerken. Nachher erzähle allen — und zwar am Biertisch — wie es hätte gemacht werden müssen. 8. Bezahle deinen Beitrag möglichst spät oder überhaupt nicht. 9. Kümmere dich möglichst wenig um Werbung neuer Mitglieder, laß dies die andern tun. 10. Vergiß nie aus „prinzipiellen Gründen“ in Versammlungen immer Opposition zu machen. (Es scheint uns, als ob diese der Zeitschrift des 1. Fußball - Klubs Nürnberg entnommene Notiz nicht nur für Fußballvereine manches Zutreffende sagen würde. D. Red.)