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Das jüdische Echo · 1923-03-02 · 9 (2.3.1923) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
9 (2.3.1923)
Date
1923-03-02
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 9 2. März 1923 10. Jahrgang Theodor Herzls Tagebücher I. und II. Band*) (Schluß.) Und mit welcher vollendeten Kunst weiß er Menschen zu behandeln! Man merkt es deutlich an seinen Briefen, wie an den wiedergegebenen Gesprächen. daß er sich ganz instinktiv in den Menschen, den er sich gegenüber hat einfühlt, daß er mit Sicherheit die Stelle in seinem Wesen erkennt, von wo aus der Zugang zu ihm möglich ist. Ob er beim Großherzog von Baden an dessen erste Ruhmestat in der Geschichte, die Förderung der Reichsgründung, appelliert; ob er beim Deutschen Kaiser den Abtrag erwähnt, den der Zionismus schon jetzt dem Erfolg der sozialistischen Partei bei den Juden getan habe; ob er bei Vambery, dem alten ungarischen Juden und Weltenbummler, der ihm Zugang zum Sultan verschaffen soll, plötzlich in einem mit ungarisch und Jargon untermischten Deutsch zu schreiben anfängt, was er sonst nie tut, immer übt er die große und seltene Kunst, so zu den Menschen zu sprechen, daß sie für das Sachliche, das er ihnen zu sagen hat. aufnahmefähig sind. Dabei geht er aber nie etwa zur plumpen Schmeichelei oder zur Unwahrheit über oder gar daziu in der Sache den Leuten, mit denen er zu verkehren hat, nach dem Munde zu reden. Dazu ist er viel zu stolz. Im Gegenteil, hier gibt er keinen Schritt breit nach und wird sogar, wenn er Böswilligkeit oder Feindschaft merkt, äußerst energisch, wie bei der Unterredung mit Baron Hirsch, der ihm ironisch zu kommen versucht, oder bei der mit den reichen und mächtigen Kohlen-Gutmanns in Wien, wo der Sohn dumme Witze über den Juden Staat zu machen versucht und Herzl ihn in einer Weise anherrscht, daß er es bestürzt bleiben läßt. — Überhaupt ist der Stolz ein Grundzug seines Wesens, nicht leerer Hochmut oder jene Eitelkeit, deren einziger Gedanke es ist, ja nirgends zurückgesetzt zu werden, sondern ein angeborener Adel, der von selbst Respekt erheischt und gleichzeitig bewirkt, daß sein Träger nichts tut, was mit der Selbstachtung unvereinbar wäre. Verstärkt wird diese Haltung noch durch das Gefühl, das ihn nie verläßt, daß er dem jüdischen Volk, für das er handelt, schuldig ist, seiner Würde gemäß aufzutreten. So ist er auch z. B. in Geldsachen von der größten, manchmal übertriebenen Peinlichkeit. Es gilt ihm für selbstverständlich, daß er aus dem von ihm gegründeten, redigierten und anfangs mit finanziellen Opfern erhaltenen zionistischen Zentralorgan „Die Welt“ keine irgendwie gearteten materiellen Vorteile beziehen darf; einer der schrecklichsten Gedanken ist für ihn, daß man glauben könnte, er erhielte als Aufsichtsrat der ebenfalls mit unendlichen Mühen von ihm gegründeten Jüdischen Kolonialbank Tantiemen oder sonstige Gewinne. Als er auf Zureden seiner Chefs von der „Neuen Freien Presse“ von einem beinahe schon angenommenen, sehr vorteilhaften Angebot des Ministerpräsidenten Badeni, Herausgeber einer zu gründenden offiziellen Zeitung zu werden, zurücktritt, läßt er sich von ihnen brief¬ *) Jüdischer Verlag, Berlin. (Zu haben in der „Ewer“-Buchhandlung, München, Wagmiillerstr. 19. lieh bescheinigen, daß er für die Ablehnung von ihnen keine geldlichen Vorteile bekommen habe und übergibt Badeni das Dokument. — Diesem seinen Stolze war gründlich zuwider die klägliche und demütig winselnde Art, welche die Juden seinerzeit und besonders der Stadt Wien im Verkehr mit der Regierung und gegenüber dem Antisemitismus beobachteten (sie ist auch heute nicht ausgestorben). Er war davon durchdrungen, daß der Jude im Bewußtsein der historischen Größe seines Volkes und seines guten Rechtes ohne Schliche und Winkelzüge, das ihm Zukommende fordernd, aufrecht vor jeden hintreten müsse, mit dem er es zu tun habe, und daher ruft er dem Oberrabbiner Güdemann. der ihn wegen der Ablehnung des Badenischen Angebotes tadelt, weil er nämlich „dann das Ohr der Regierung gehabt hätte“, zu: „Sie sind ein Schutzjude, ich bin ein schützender Jude!“ Daß ein solcher Mann, der zudem mit einer ungewöhnlichen männlichen Schönheit und mit der Leichtigkeit und Eleganz des Weltmannes ausgestattet war. einen tiefen Eindruck auf alle nichtjüdischen und jüdischen Machthaber machen mußte, mit denen er zusammen kam, daß er zudem auf das jüdische Volk, welches solcher adligen Führergestalten längst entwöhnt war, ungeheuer stark wirken mußte, war klar. Aber diese persönlichen Eigenschaften und die innere Kraft der Idee hätten nicht genügt, um die Bewegung aus dem Nichts zu einem anerkannten Verhandlungsfaktor, gewissermaßen zu einem Subjekt des Völkerrechts zu machen. Hinzu kam eine geniale Einsicht in politische Zusammenhänge und eine Voraussicht ihrer Entwicklung, ein Blick für die Bedürfnisse der Faktoren, mit denen er es zu tun hatte und für die beste Art ihnen abzuhelfen, die überragend sind und Herzl den ganz großen Politikern an die Seite stellt Wie er das Hauptbedürfnis des jüdischen Volkes erkannt und dafür eine Abhilfe ersonnen hatte, so erkannte er auch früh das starke Interesse, das England an Palästina nehmen mußte und damit auch die Bedeutung Englands für den Zionismus, lange bevor sie im Weltkrieg in die Erscheinung trat. Er erkannte, daß die einzige Möglichkeit, von der Türkei Palästina zu bekommen, ihre Befreiung von ihren Finanznöten sei; er erkannte, daß das von ihm so genannte „Phänomen der Menge“, die man durch direkte Kraft nicht bewegen kann, die man aber dahin bekommt, wohin man will, wenn man ihr eine Idee vorsetzt; er wußte, als Ungarn noch das Eldorado der Juden war, daß doTt ein furchtbarer Ausbruch des Antisemitismus kommen müsse, weil die Juden dort Land im großen Maßstab erwarben und die verdrängten Großgrundbesitzer in der Hauptstadt gegen sie arbeiteten — ein Vierteljahrhundert später, in unseren Tagen, ist der Ausspruch Wahrheit geworden. Aber Herzl durchschaute auch Zusammenhänge, die _ sein eigentliches Werk nicht direkt berührten, die er ihm aber nach Möglichkeit nutzbar machte: er sah, in welch schiefes Licht das Deutsche Reich durch die schroffe Ablehnung der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit auf der Friedenskonferenz 1899 kommen mußte, warnte den Großherzog von Baden und knüpfte dadurch die abgerissenen Fäden mit der deutschen Regierung wieder an.

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