Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 7 (16.2.1923)
- Date
- 1923-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Mummer 7 _ 16. Februar 1925 10. Jahrgang Der Weg unserer Jugend Jeder, der einmal eine Heinebiographie gelesen hiat, wird wohl mit am Interessantesten die Schilderung des ein Menschenalter umspannenden Kampfes zwischen dem reichen Onkel Salomon Heine und dem armen Neffen Harry finden und sich darüber freuen, daß der Sieg dabei auf Seite der Jugend, auf Seite der „Unvernunft“ geblieben ist. Es kann gar nicht zweifelhaft seih, daß der alte Salomon Heine ein in seiner Art großer Mann gewesen ist. Es ist, oder war doch damals wenigstens, keine Kleinigkeit aus dem Nichts ein Vermögen zu stampfen, das seinen Besitzer weithin bekannt machte. Es ist auch ein Zeichen menschlichen, jüdischen Wertes, wenn man erfährt, in welch großzügiger Weise er seine Verwandten und ganz besonders seinen „ungeratenen“ Neffen unterstützte und man begreift wohl den Wutausbruch und die ihm folgende Verbitterung, wenn Heinrich Heine, zur Rede gestellt über von ihm treuwidrig in England verschwendetes Geld, dem Onkel sagt: „Laß es gut sein, Onkel, das Beste an Dir ist doch, daß Du meinen Namen trägst.“ Aber jeder, der auch nur ein klein wenig tiefer denkt, wird sich sofort sagen müssen, daß dieser Konflikt zwischen dem die Vaterstelle vertretenden Onkel und dem Neffen kommen mußte, daß er absolut unvermeidlich war, weil er ein durch die menschliche Natur bedingter und letzten Endes sogar wünschenswerter war. Dieser Kampf ist nicht etwa nur eine Folge jener Gegensätze von materieller und ideeller Lebensauffassung, wie man wohl zuerst anzunehmen geneigt sein möchte. Eine solche Abgrenzung wäre viel zu eng. Im Letzten handelt es sich hier um die Gegenüberstellung: Hie Alter, hie Jugend, ein Konflikt, der, wenn es sich um große Gegner handelt, trotz alles Tragischen schon in sich etwas Schönes hat, wie eben im Falle Heine, der aber in der ganzen Welt und so lange sie besteht, ausgekämpft werden muß, ganz gleichgültig, ob es sich um große oder kleine Menschen, um edle oder gemeine Ziele handelt oder nicht. Es ist heute nicht mehr nötig, mit dem Brusttöne der Überzeugung zu betonen, daß der Glaube an den stetigen Fortschritt der menschlichen Kultur (im Gegensätze zur Zivilisation) zum mindesten sehr anfechtbar ist. Es wäre selbstverständlich falsch, zu behaupten, die „Jugend“ verkörpere den kulturellen Fortschritt gegenüber dem zu überwindenden „Alter“. Wenn dem so wäre, dann wäre allerdings die Sache sehr einfach'. Die Jungen hätten immer recht, die Alten unrecht. Aber gerade das macht ja die Meinungsverschiedenheit erst zu einem erbitterten Kampfe, der oft genug ein Kampf auf Leben und Tod ist, daß jede Partei mit Recht glaubt, das Recht auf ihrer Seite zu haben, daß ein abschließendes Urteil, wenn überhaupt so erst nach langer, langer Zeit möglich ist. Aber einer Meinung muß hier entgegen getreten werden, deren verderblicher Einfluß von gar nicht abzuschätzender Bedeutung ist. Genau so falsch, als die Ansicht, daß die „Alten“ von Anfang an im Unrecht seien, weil sie eben alt sind, ebenso irrig ist es auch, die Stimme der „Jugend“ verachten zu wollen, deshalb, weil sie aus der Jugend kommt. Gewiß, man braucht sich nicht mit jedem Gegner sachlich auseinanderzusetzen, Toren und Menschen, die bösen Willens sind, schenkt man nicht die Ehre einer auf Gründe gestützten Widerlegung. Aber eine solche Argumentation einer mit neuen Idealen, mit starkem und echtem Willen, wenn auch vielleicht falschen Zielen, ursprünglich immer vertrauensvoll kommenden Jugend gegenüber ist unstatthaft. Gerade dieses verachtungsvolle Nichteingehen auf die von „unreifen“ Menschen gestellten Forderungen, auf die von ihnen proklamierten Ideen ist der Boden, auf dem dann die Zerwürfnisse entstehen, die das Zusammenleben in der Familie so unleidlich und Qualvoll für beide Teile machen, wie es in einer großen Anzahl jüdischer Häuser der Fall ist, eine Zahl, die beiläufig gesägt erheblich höher ist, als viele vielleicht glauben mögen. Diese Verständnislosigkeit und Überhebung seitens der sogenannten „Reifen“ führt dann dazu, daß der junge Mensch Geheimnisse vor seinen Eltern hat, daß er sich mit ihnen oft auch über die allereinfachsten und natürlichsten Dinge nicht mehr aussprechen kann und daß schließlich mancher Fremde mehr von ihm weiß, als die eigenen Eltern. In diesem Sinne kann man unter Veränderung eines bekannten Wortes dann ruhig sagen: die Eltern haben die Kinder, die sie verdienen. Eine starke Bewegung, die die besten der heutigen Jugend und nicht bloß der jüdischen erfaßt hat. geht darauf hinaus, nicht mehr den Kaufmann — gemeint ist hier der Kaufmann im besten Sinne —, den Akademiker, den Beamten usw. als Lebensziel, als Richtpunkt für den jungen Menschen zu setzen, sondern den Bauern, den Handwerker, kurz den Handarbeiter überhaupt wieder mehr in den Vordergrund der Berufswahl und Ausbildung. Es ist allerdings nicht der Landmann, wie wir ihn draußen auf den Dörfern jetzt arbeiten sehen, nicht der Handwerker, wie wir ihn täglich in unseren Städten vor Augen haben, den diese Menschen sich zum Vorbilde für die Gestaltung ihres Lebens zum Vorbilde genommen haben. Man glaubt vielmehr daran, daß es möglich sein müßte, einen Typus des Handarbeiters zu schaffen, der mehr ist, als eine menschliche Maschine, bei dem Geist und Körper sich harmonisch zusammenfinden. Daß es sich dabei nicht um eine Utopie handelt, beweist ein Blick in die Geschichte. Die Zeit der Zünfte hat solche Gestalten hervorgebracht wie Hans Sachs den Schuster und nichts wäre falscher, als anzunehmen, daß die Meistersinger sich etwa mit einem unserer heutigen Männergesangvereine decken würden. Wir wissen auch, daß unsere jüdische Geschichte auf ähnliche Beispiele verweist. Der Gesetzeslehrer erhielt als solcher keine Bezahlung; er mußte und sollte ein Handwerk neben seinem Lehramte betreiben. Es ist unnötig, hier die Beispiele zu häufen. Worauf es ankommt, ist klar genug gesagt worden. Zu fragen ist nur noch, worin der Grund für diese neue und wie wir sehen, doch alte Einstellung unserer jungen Menschen liegt. In der Theorie weiß jeder, daß das Glück nicht proportional mit dem Einkommen steigt. Man ist sich völlig darüber klar, daß der Milliardär (der Millionär ist ja heute nicht mehr Gegenstand all-