Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 2 (12.1.1923)
- Date
- 1923-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 2 12. Januar 1923 10. Jahrgang Der dritte Zionistenkongreß Aus Theodor Herzls Tagebüchern Aus dem soeben erschienenen zweiten Band der Tagebücher Theodor Herzls (Jüdischer Verlag. Q. m. b. H., Berlin NW. 7, Dorotheenstr. 35) *) geben wir! im Folgenden mit Genehmigung des Verlages einen Abschnitt wieder. Der II. Band . der Tagebücher dürfte bei Juden und Nicht- : juden ein noch größeres Interesse erwecken, als es bereits beim I. Band der Fall war, über den die Tagespresse außerordentlich günstige Kritiken brachte. Hechler hatte ich zum Großherzog von Hessen geschickt, um für mich eine Audienz zu erbitten. Ich will den Großherzog von Hessen bitten, mir eine Audienz beim Zaren, seinem Schwager, zu erwirken, wenn dieser ihn nächstens in Darmstadt besucht. * * * Alle die Tage her beschäftigt mich noch mehr als meine noch unfertige Kongreßrede und der Kongreß und die Fürsten und meine Sklavenhalter von der Neuen Freien Presse, der Plan meines neuen Schauspiels „Die sündige Mutter“, das mich in Gedanken entzückt. 12. August, im Kupee vor Basel. Nach einer komplizierten Umsteigefahrt gestern mitternachts in Heidelberg und heute früh verschlafen in Darmstadt angelangt, wo mich der gute Hechler bereits nervös erwartete. Er hatte gefürchtet. ich würde nicht rechtzeitig eintreffen. Zwischen neun und zwölf waren wir ins Schloß, d. h. zu den allgemeinen Audienzen bestellt. Ich versuchte noch ein halbes Stündchen zu schlafen, badete mir endlich den Schlaf aus den Gliedern, zog mich an (aber nicht Frack, sondern nur Redingote), und dann fuhren wir ins Schloß, das patriarchalisch am Gemüsemarkt liegt. Oder der Gemüsemarkt liegt vertraulich am Schloß. Man gewöhnt sich auch an Audienzen. Der kühlhöfliche Adjutant, dessen Freundlichkeit voll verkniffener Unliebenswürdigkeiten ist, die Wachen an Tor und Tür, die wichtigen Lakaien, die geschniegelt der Audienzminuten harrenden Offiziere und die dekorierten Bürgerschullehrer im Vorzimmer imponierten mir nicht mehr. Ich studierte unbefangen ihre durchsichtigen Ordensseelen, ergötzte mich an den hübschen Rokoko-Panneaux über den Türen und sah auf den Schloßhof hinaus. Wir hatten eine halbe Stunde gewartet — unser dreizehn — da ging der Oberst-Adjutant ab, offenbar um die Liste der Anwesenden vorzulegen. Früher hatte er unsere Namen in ein Taschenbuch notiert. Die Reihenfolge bestimmt der Großherzog. Es waren zumeist nur sekundenlange Audienzen. Hechler und ich kamen erst gegen Schluß, so daß wir den Ein- und Abgang der Ausgezeichneten beobachten konnten. Endlich rief uns der Adjutant: „Die beiden Herren!“ *) Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. Wir durchschritten den zweiten Wartesalon, kamen in einen dritten Salon, in dem am letzten Fenster am Schreibtisch ein junger Offizier saß. Er stand auf, kam Hechler entgegen, sprach mit ihm englisch — der Großherzog von Hessen. Er schüttelte mir freundlich die Hand und „freute sich, mich kennen zu lernen“. Er stand in der Mitte des Salons, die Hände nonchalant in den Hüften und sich leise auf den Schenkeln wiegend, wie bei einem kleinen assaut. Nach den einleitenden Worten fragte ich ihn: „Ich weiß nicht, wie weit Königliche Hoheit über unsere Bewegung unterrichtet sind?“ Er lächelte: „Nur so viel ich von Mr. Hechler weiß.“ Ich legte also los und erzählte die Hauptsache in ein paar Zügen. Er stimmte liebenswürdig allem zu, was ich sagte. II abondait dans mon sens, wie im Hofton. Wenn er sprach, beobachtete ich ihn. sah ihn überhaupt immer voll an. Er ist ein hübscher, blonder, schlanker, gutgenährter, gutgefärbter Mann Anfang der 30er. Seiner Schwester, der Zarin, sieht er nach den Bildern sehr ähnlich. Er schielt. Gesamteindruck dennoch sehr angenehm und freundlich. Da er dem meisten zustimmte, verlief das Gespräch recht glatt. Uber den Antisemitismus bemerkte er. dieser scheine sich zu verlaufen, aufzuhören. Er empfahl mir einen „Zeitungskrieg“, wenn man so sagen könne. Jede Woche müsse es wo anders losgehen, bald in England, bald in Amerika, bald in Deutschland. Jeden Augenblick müsse man an die Sache erinnert werden durch die Zeitungen. Ich dankte ihm für den wirklich nicht üblen Rat. Er fragte: „Wie wollen Sie aber das Land kriechen (kriegen)?“ Ich sagte die Form der Chartered Company. Dann bat ich ihn. beim Zaren, der ihn besuchen werde, die Sache zu unterstützen. Er nickte: „Ja, für solche Dinge läßt er sich interessieren. Ich will es tun.“ Dann sprachen wir noch ein bißchen hin und her. Über die Geographie Palästinas zeigte er sich nicht ganz informiert, denn als ich von der Mittelmeer-Persischen Golf-Bahn sprach, sagte er: „Ja. von Arabien weiß man überhaupt nicht viel.“ Ich glaube, er verwechselte Syrien mit Arabien, doch akzeptierte ich courmäßig diese fürstliche Geographie. Er verabschiedete mich liebenswürdig, nachdem uns der Stoff ausgegangen war. 13. August, Basel. Im Hotel Trois Rois die Getreuen versammelt. Wolffsohn, die Gottheils aus New York usw. 13. August, Basel. Telegramm an den Sultan: Son Excellence Munir Pascha. Grand maitre des Ceremonies de S. M. I. le Sultan, Constantinople, Yildiz. Les sionnistes reunis en Congres ä Bäle considerent comme leur Premier devoir de deposer aux pieds du tröne de S. M. I. le Sultan les hommages