Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 50 (22.12.1922)
- Date
- 1922-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 51_22. Dezember 1922 9. Jahrgang Der Palästinafilm Eine der wenigen in die Augen fallenden, aber vielleicht eine der schwerwiegendsten Folgen des hoffnungslosen Tiefstandes der deutschen Mark ist die dadurch bedingte fast konservenbüchsenartige Weltabgeschlossenheit der in Deutschland Lebenden und auf deutsches Geld Angewiesenen. Früher suchte jeder „bessere“ junge Kaufmann seine Ausbildung durch einen „Trip“ nach England, Frankreich, oder auch nach dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu vervollständigen, ein Großteil der Studierenden bemühte sich an ausländischen Universitäten einen weiteren Gesichtskreis zu gewinnen, Vereine, Lehrer und nicht zuletzt Sommerfrischler, sie alle hatten das starke Bedürfnis, einmal herauszukommen aus dem Alltäglichen, dem Gleichförmigen und sie hatten — die Möglichkeit dazu. Wie es heute steht, braucht wahrlich nicht gesagt zu werden. Es bedeutet geradezu einen Wink mit dem Zaunpfahl für die Steuerbehörde, wenn jemand auf den wahnwitzigen Gedanken kommt, Francs, Dollars, Pfunde zu erstehen, um sie „unproduktiv“, bloß des „Vergnügens“ halber im Ausland auszugeben und es ist ja auch tatsächlich eine solch ungeheuere Sache, daß sie nur von einer ganz winzigen Auslese von Deutschen gewagt werden kann. Daß diese Auslese nur nach dem Gesichtspunkte des Bankkontos sich errechnet, ist außerdem noch nicht gerade geeignet, ihr auch nur einen Bruchteil des Wertes zuzusprechen, den der frühere engere Kontakt mit dem Auslande unzweifelhaft hatte. Die Folgen zeigen sich dann auch jetzt nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit schon deutlich genug. Spießertum, Verständnislosigkeit für alles Andersartige, Kirchturmpolitik in großer und kleiner Angelegenheit, Ungewandtheit und noch so viel mehr haben in erschreckendem Umfange innerhalb der schwarz-rot-goldenen Grenzpfähle zugenommen. Klar muß allerdings zum Ausdruck gebracht werden, daß von einer Schuld in dieser Beziehung selbstverständlich nicht die Rede sein kann. Eher könnte man schon von einem unglückseligen Verhängnis sprechen. Hat man aber erst einmal erkannt, wie wichtig es für uns ist, Kontakt zu halten, Verbindungen zu schaffen, zu lernen, zu sehen und zu verstehen, macht man nicht in falschem Stolze aus der Not eine Tugend und redet sich ein, es sei ein Glück, daß man es nicht mehr nötig habe, von anderen zu lernen, dann ist schon viel gewonnen. Wir alle wissen, was Ersatzwaren sind. Von der Papierwindel bis zum Pappdeckelleihsarg haben wir so ziemlich alles, was der Mensch zur Erhaltung des Lebens braucht, ersatzweise konsumiert. Daß Ersatz nicht Original ist daß es auf die Dauer nicht mit „Ersatz“ geht, haben wir erfahren. Aber ebenso sicher hat es sich herausgestellt, daß man immerhin eine geraume Weile ganz erträglich damit auskommen kann, wenn man auskommen muß. Was hier allgemein für alle in Deutschland Lebenden gesagt wurde, gilt natürlich genau so für einen Teil dieser Menschen, für die Juden in Deutschland. Es kann von niemandem bestritten werden, daß der Palästinagedanke gerade in den letzten Jahren unter den deutschen Juden ganz erhebliche Fortschritte gemacht hat. Es mag wohl nur noch ganz wenige geben, denen Palästina ein leerer Begriff isst, die nicht eine Reihe ganz bestimmter Vorstellungen mit diesem Worte verbinden. Bester Beweis dafür ist ja der Umstand, daß es gelungen ist, durch den Keren Hajessod eine Einheitsfront opferbereiter jüdischer Menschen aller Richtungen in Deutschland zu schaffen, deren Ziel der Wiederaufbau von Erez Israel ist. Daß einige Ooutsider auch heute noch den Palästinagedanken aufs Schärfste bekämpfen, beweist doch auch nur, daß Palästina ihnen etwas ganz Lebendiges und Wirkliches bedeutet. Welches sind nun die Quellen, aus denen selbst die besten unter den deutschen Juden ihre Kenntnis über die Notwendigkeiten des Landes, über die Möglichkeiten eines zielbewußten Aufbaues schöpfen? Ein Heftchen vielleicht, ein oder der andere Zeitungsartikel und. wenn es hoch kommt, das eine oder andere Buch, kritiklos, weil ohne die Möglichkeit einer Kritik, gelesen, das ist alles was sie an Wissen über Palästina in sich aufgenommen haben, woraus sie ihre ablehnende oder bejahende Stellung zu den Fragen der Wirtschaft und der Politik im Lande ableiten. Nicht umsonst spricht man von der „Paläsf inaf erne“ des deutschen Judentums. Gibt es doch! nur so unerhört wenige, die das Land Palästina aus eigener Anschauung kennen, die sich ein unbefangenes Urteil über seine Bedürfnisse bilden und über die Möglichkeiten seines Wiedererstehens zu früherer Blüte im Lande orientieren können. Konnten noch vor dem Kriege jüdische Studenten mit etwas mehr als einem Monatswechset eine vierwöchentliche Reise nach und durch Palästina mühelos bestreiten, konnte jemand, dem es ernst war mit seinem Denken über die Verhältnisse von Erez Israel eine Probe aufs Exempel durch eine Überfahrt machen, so ist so etwas heute zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden. Gerade im Bezug auf Palästina sind wir auf Ersatzmittel angewiesen und es kann sich nur darum handeln, diese Surrogate möglichst gut zu gestalten, möglichst naturgetreu zu machen und im übrigen die Gegenwart als eine Übergangsperiode zu betrachten zu einer Zukunft, die der Vergangenheit ähnlicher ist als die jetzige Zeit. Der Keren Kajemeth Lejisrael hat vor nicht allzu langer Zeit einen großen Film, betitelt: „Das neue jüdische Palästina“ herausgebracht. Der Film ist bis in die letzten Tage hinein ständig durch neue und neueste Aufnahmen aus Palästina ergänzt worden. Die Aufnahmen selbst wurden durch einen mit den Gegebenheiten des Landes aufs engste vertrauten palästinensischen Photographen in sachkundiger Weise besorgt und geben ein einheitliches geschlossenes Bild von dem Lande mit den endlosen steinigen Wüsten, dem verdursteten Boden, den kümmerlichen Behausungen herabgekommener, elender Menschen. Unmöglich scheint es, daß die Bibel von dieser Wüste als einem Lande sprechen konnte, das von Milch und Honig fließt — und doch: inmitten all dieses Elends, das umso fürchterlicher erscheint. weil die Spuren einstiger Blüte unver-