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Das jüdische Echo · 1922-12-08 · 49 (8.12.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
49 (8.12.1922)
Date
1922-12-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 49 8. Dezember 1922 9. Jahrgang Kapitän Ehrhardt Eine bemerkenswerte Stimme aus dem Ausland über Münchner Verhältnisse Die Vorfälle, die das Motiv für das Ultimatum bilden, haben sich nämlich zum größeren Teil in Bayern ereignet und gehören in das Kapitel jener unerfreulichen Erscheinungen, an denen die Politik dieser Zelle der antisemitischen Ordnung so reich geworden ist. Die gesamte Regierungstätigkeit des Herrn Kahr und seines Nachfolgers Lerchenfeld stand unter dem Einfluß der Offensive des Hakenkreuztums, das sich in Bayern besonders kräftig entwickeln konnte. Auch der neue Ministerpräsident, Herr v. Knilling, hat mit diesen Dingen sicherlich mehr, als ihm lieb ist, zu tun, und er hat gerne die Einwilligung zu der von Berlin aus geforderten Verhaftung des Führers aller aktiven Antisemtien, des Kapitäns Ehrhardt, gegeben. Dieser Held hatte nach der Ermordung Rathenaus in einer Überschätzung der Energie der preußischen Polizei die Flucht nach Österreich ergriffen und setzte sich seelenruhig nach Innsbruck; als nichts weiter geschah, kehrte er nach München zurück und bewegte sich dort in vollster Unbekümmertheit. Er setzte sein Werk fort. Da man seinen Mörderverband „Consul“ für aufgelöst erklärte, nannte er ihn „neuer Schutzbund“. Das war die einzige Konzession^ die er der Erregung machte. Während des Prozesses gegen Teohow und Genossen, die jugendlichen Opfer seiner Befehle, befand er sich in München. Niemand dachte an ihn. niemand kam auf den Gedanken, diesen Mann doch wenigstens als Zeugen vor das Leipziger Tribunal zu ziehen. Er konnte ungestört seine Pläne fortspinnen und da kam ihm seine durch unterirdische Verbindungen erworbene Kenntnis des Mussolinischen Faszismus sehr zustatten. Er organisierte aus fanatisierten Gymnasiasten neue Terrortrupps mit der Aufgabe, überall Beunruhigung zu schaffen, die der Schaffung einer gegen die Republik gerichteten Massenstimmung günstig sein sollte. Was diesem Zweck dient, ist gut; erzeugt man außenpolitische Schwierigkeiten — um so besser, wenn es sich nur gegen die deutsche Republik, gegen den Frieden und natürlich gegen die Juden gebrauchen läßt. Er schickt also seine Leute nach Budapest, wo sie mit den Erwachenden und der mysteriösen Mission Romanellis Zusammentreffen; seine Agenten organisieren in Prag den Sturm auf den jüdischen Rektor, um die tschechische Öffentlichkeit zu provozieren; bei der Anlage des Wiener Radaus gegen die Juden ist die technische Anlage des Streichs durch gute militärische Leitung unverkennbar. Er verbindet sich mit Hitler und Riehl, die beide — angespornt durch Mussolinis Erfolg — eine faszistische Aktion gegen den Parlamentarismus in Deutschland, in Bayern und in Österreich vorbereiten. Damit stört er aber die Kreise des Herrn Knilling, und der freut sich, als Berliner Defektives, die den Kapitän Ehrhardt erkannt haben, gehorsam auf ragen, ob es genehm wäre. Ja, es ist genehm. Aber der Unfug, den Ehrhardt angerichtet hat, läßt sich nicht mehr zurückpfeifen, ln Passau, in Ingolstadt sind französische Offiziere verprügelt worden und auch in dem fernen Stettin hat sich etwas derartiges ereignet. Die Entente versteht in solchen Dingen keinen Spaß. Man darf Juden erschlagen, Armenier morden, man darf für Frankreich oder für England oder für Italien Gewalt anwenden. Aber ihre Vertreter im besiegten Land sind unantastbar. Diese Antithese entschuldigt natürlich nicht die Tat der Ehrhardt-Schüler, die ihr Meister, soweit er sie nicht als Geheimverband organisiert zur nationalsozialistischen Partei zusammengefaßt, dem Hitler übergeben hat. Mit Sozialismus haben diese Bestrebungen nichts zu tun, und weder in Bayern noch in Österreich zählen sie eine nennenswerte Anzahl von Arbeitern als Mitglieder. Es sind Beamte, Offiziere und hauptsächlich Hoch- und Mittelschüler von der Sorte, wie sie am letzten Mittwoch vor dem Diener an der Universität paradiert hat. Ihre wirtschaflichen Ziele laufen sehr weit auseinander. Gemeinsam ist die Parole „darr Jud“, die sie mit Genossen in Budapest und wahrscheinlich auch in Warschau und Lemberg verbindet. Denn das antisemitische Programm ist leicht faßbar und es verlangt keinerlei Sachkenntnis. Die Juden — das ist die Demokratie, die Freiheit, der Frieden, die Völkerversöhnung, die Arbeit. Also nieder mit den Juden! Sie sind das erste Kampfziel des konzentrierten Faszismus. Die Demokratie kommt später dran. („Wiener Morgenzeitung“.) Aus der Jüdischen Welt An die Zionisten in Deutschland! Die palästinensische Regierung hat für eine Anzahl von Arbeitern die Einreisebewillignug erteilt. Von den Zertifikaten sind etwa 30 auf Deutschland entfallen. In Deutschland leben mehrere hundert Chaluzim, junge Juden westjüdischen und ostjüdischen Ursprungs, die sich bereits jahrelang in Berufen und gewerblichen Fertigkeiten ausbilden, die heute in Palästina besonders gebraucht werden. In der letzten Zeit ist wiederholt von sachverständigen Besuchern Palästinas darauf hingewiesen worden, daß der qualifizierte, gut ausgebildete jüdische Arbeiter einer der wichtigsten Faktoren des produktiven Aufbaus ist. Gerade an diesem Typus herrscht ein Mangel im Lande, der auf das ganze Wirtschaftsleben zurückwirkt. In Deutschland stehen jetzt solche Arbeiter bereit. Heute handelt es sich nicht darum, Palästina als Notasyl für Flüchtlinge zu benutzen, sondern nur eine ganz geringe Zahl von Menschen kann hinübergehen, eine Auslese der besten fachlich geschulten Kräfte, die dem Lande Nutzen bringen und den Weg für neue Einwanderung bereiten. Die Chaluzim in Deutschland, die seit Monaten auf die Einreisebewilligung warten, haben von ihren Arbeitslöhnen Ersparnisse zur Deckung der Reisekosten gemacht. Diese Beträge sind jetzt infolge der Geldentwertung vollständig unzureichend geworden. In dem Augenblick, wo der Transport abgehen könnte, fehlt es an dem Reisegeld! Die Zionisten in Deutschland müssen das Reisegeld für diese Leute aufbringen. Die Ermöglichung der Alijah dieser Chaluzim ist die immittelbarste Förderung des Aufbaus Palästinas, sie ist die wichtigste zionistische Tat. Wer in diesem Augenblick

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