Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 44 (3.11.1922)
- Date
- 1922-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 44 5. November 1922 9. Jahrgang Jüdischer Liberalismus Durch die jüdische Presse in Deutschland ging in den letzten Wochen eine Notiz, die folgendermaßen lautet: „Die Liberale Vereinigung hat eine Kommission zur Durchsicht und Neuredaktion der Sabbath¬ und Festgebete eingesetzt. Die Einsetzung der Kommission erfolgte, weil das heutige reformierte Gebetbuch nicht .mehr den Bedürfnissen weiter liberaler Kreise zu entsprechen scheint. So soll insbesondere die Erinnerung und das Gebet um Zion und Jerusalem wieder in das Gebetbuch eingefügt werden, es sind aber auch andere Änderungen, zumeist in konservativer Tendenz, beabsichtigt. Die Redaktion liegt in den Händen mehrerer Rabbiner, darunter Dr. Salzberg und Dr. Seeligmann (beide aus Frankfurt a. M.), Prof. Dr. Friedländer (Berlin), Dr. Baerwald (München).“ Diese Nachricht wurde kommentarlos wiedergegeben, gelesen und wieder vergessen, in vielen Fällen vielleicht übersehen und doch scheint uns diese kleine Mitteilung von großer Wichtigkeit zu sein, von einem ganz erheblichen Einfluß auf unsere jüdische Zukunft in Deutschland und. das sei auch gleich gesagt, von einer glücklicheren und günstigeren Vorbedeutung für die kommenden Zeiten, als die meisten von all den Begebnissen, die wir seit langer Zeit aus Deutschland verzeichnen konnten. Gibt uns denn wirklich eine kurze Zeitungsnotiz, deren Hauptinhalt in der Mitteilung besteht, daß eine Kommission mit der Neuredaktion des liberalen Machsors in, sagen wir ruhig jüdischerem Sinne, beauftragt wurde, vernünftige Veranlassung für die Ansicht, es handle sich hier um einen besonders wichtigen Vorgang im Leben der Juden in Deutschland? Nun, an und für sich ist es zwar recht hübsch, daß man Zions auch in den Gebeten der liberalen Synagogen nicht mehr vergessen will, daß hebräische Gebete wieder mehr in den Vordergrund des Gottesdienstes treten sollen, aber das ist sicher kein so welterschütterndes Ereignis. daß dadurch etwa eine wirkliche Beeinflussung der Psyche der mehr oder weniger andächtigen Beter in der Richtung auf Erez Israel zu erwarten wäre. Es ließe sich in dieser Beziehung sogar fast das Gegenteil vermuten, wenn wir bedenken, daß das tägliche Gedenken Zions bei einer großen Anzahl unserer jüdischen Brüder in keiner Weise irgendwelche wirklich aufbauende Tätigkeit hervorruft, daß gerade sie das Wiedererstehen Palästinas eher hemmen als fördern. Und so sind wir auch gar nicht besorgt darum, daß die Aufnahme von Zionsgebeten in das Gebetbuch der „Liberalen“ sich nicht auf die eine oder die andere Art ins Abstrakte, nicht Verpflichtende umsetzen ließe. Beispiele dafür gibt es ja genug: Zion sei nur ein Symbol, etwas Gedachtes; unser eigentliches Zion liege in Berlin, resp. für bayrische Partikularisten in München (Hofbräuhaus), oder die Zionsgebete seien zwar wörtlich aufzufassen, hätten aber rein historischen Charakter/usyv;, Um derartige Auslegungsküpste-fäl$$u{(Me noch die pilpulistische Schuluj}& d-esdGhettoscver-[ raten, wird man schon pichtiverlegen; _$ßin.fi_,Nicht hier vermögen wirdaher' [dtejieJdschpidöndeiBe?/ deutung jenenÄsfttlchtusu erblicken«bVe-rhpißungs-; voll ist sie uns aus einem ganz anderen Grunde, wegen der Richtung nämlich, nach der sie orientiert ist, eine Richtung, die der bisher eingeschlagenen diametral entgegengesetzt ist. Als der preußische König Friedrich Wilhelm III. den Juden im Edikt vom 11. März 1812 „betr. die bürgerlichen Verhältnisse der Juden“ die bürgerlichen Rechte, wenn auch mit gewissen Vorbehalten verlieh, war die Antwort, die die Juden durch ihren alten Anwalt David Friedländer, der sich im Kampfe um die Gleichberechtigung die größten Verdienste erworben hatte, erteilten, eine Broschüre mit dem Titel: „Uber die durch die Neuoiganisation der Judenschaft in den preußischen Staaten notwendig gewordene Umbildung: 1. ihres Gottesdienstes in den Synagogen, 2. ihrer Unterrichtsanstalten und ihrer Lehrgegenstände und 3. ihres Erziehungswesens überhaupt. Ein Wort zu seiner Zeit.“ Der Verfasser dieser Broschüre geht von dem Gedanken aus, daß ohne eine Reform der Synagoge und der Schule die kommende Generation die verliehenen Bürgerrechte nicht im vollen Maße werde ausnützen können. Die Reformen, die der Zeitgeist verlange, bestünden im folgenden: unser altes Gebetbuch sei von Trauerhymnen über den Verlust der alten Heimat des jüdischen Volkes und der politischen Freiheit erfüllt; heute haben wir aber die Freiheit als preußische Staatsbürger erhalten. „Heute haben wir nur ein Vaterland — Preußen —■ und nur für dieses dürfen wir beten; unsere Muttersprache ist die deutsche und nur durch die unverkümmerte Einführung dieser Sprache in das Gebet kann der religiöse Dienst zu neuem Leben erweckt werden.“ Die Grundthese lautete also ganz eindeutig: bedingungslose Assimilation als Folge und Dank für die Emanzipation. Ein Exemplar dieser Broschüre wurde auch an den König gesandt und es ist recht interessant zu sehen, wie dieser fromme Herrscher darauf reagierte. Er schrieb nämlich: „So lange Juden Juden bleiben wollen, deren eigentümlicher Glaube auf Anerkennung der mosaischen oder alttestamentarischen Gesetze beruht, kann ich Umbildungen, welche sowohl in ihren Gottesdienst, als in ihren religiösen Unterricht und in ihre Erziehung eingreifen, nur insofern billigen, als sie mit dem obigen Wesen und den Grundsätzen der jüdischen Religion gemäßen Haupterfordernissen nicht in Widerspruch stehen.“ Doch ließ sich der König später, als ihm von seinen Ministern der ungeheure Vorteil klar gemacht wurde, der für den preußischen Staat in diesem jüdischen Selbstentäußerungsangebote liege, dazu bewegen, seine Zustimmung zu den in der Broschüre gemachten Vorschlägen zu erteilen. Von dieser Zeit an nahmen überall in Deutschland die berüchtigten Reformen ihren Anfang, die schließlich in der Berliner Reformgemeinde, die im Jahre 1845 gegründet wurde, ihren Höhepunkt erreichten. In dem „Tempel“ dieser Reformgemeinde wird mit Ausnahme des Schemah Israel bekanntlich nur deutsch gebete^^er^. Gottesdienst findet nicht am Sabbat, sondef^i Sonnte# statt; die Rezitation des Kantor,%^wlr|f von eimfi)v Münner- und Frauenchor und v$n£ein%Orgel begleitet. Es topt nieft^üm, softer essarii^es auch ^väre, den G^äng der IwßiSB^^^^fe^meweguni *auch