Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 42 (20.10.1922)
- Date
- 1922-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Kummer 42 20. Oktober 1922 9. Jahrgang Unlauterer Wettbewerb Nathan Birnbaum setzte einmal gelegentlich eines Vortrages, den er in Würzburg hielt, auseinander, warum seines Erachtens die Aguda Jisrael so wenig politische Erfolge habe. Der Grund sei der, daß alle anderen Parteien im Judentum viel Reklame und Propaganda für ihre Bestrebungen machten. „Wir aber sind schüchtern, wir sind leise“, rief er dann mit einer Stimme, die den Saal erzittern machte und schlug dabei mit der Faust auf das Rednerpult, daß es nur so krachte. — Nun, die Zeiten haben sich seit dieser Rede Dr. Birnbaums scheinbar gründlich geändert. Wir haben es der Aguda nicht verdacht, wenn sie in den höchsten Tönen ihre „Waren“, die allerdings uns seit einiger Zeit meist Ersatzstoffe zu sein scheinen, angepriesen hat, wenn sie die Reklametrommel fest gerührt und in die Lärmtrompete fest gestoßen. Wir haben es ihr, sage ich, nicht übel genommen, schon aus dem Grunde nicht, weil sie es so bitter nötig hat, sich durch den von ihr gemachten Radau vor dem eigenen Einschlafen zu bewahren. Ein leises Lächeln freilich haben wir, „die Konkurrenz“, uns auch nicht nehmen lassen. Lag es doch zu nahe, wenn man Reklame und Wirklichkeit, Dichtung und Wahrheit miteinander zu vergleichen gezwungen war. Anders aber freilich, wenn zu dem Anpreisen der eigenen, ein verleumderisches Herabsetzen fremder „Waren“ kommt in der Absicht, daraus Vorteil zu ziehen. Dann liegt nämlich unlauterer Wettbewerb vor, ein Delikt, das von jedem anständig und billig denkenden Menschen als im höchsten Maße unmoralisch erachtet wird, da es den ohnehin schon so erbitterten Konkurrenzkampf noch mehr erschwert und vergiftet. Wir können der Aguda den schweren Vorwurf nicht ersparen, in einem noch weit über den Rahmen des unlauteren Wettbewerbes hinausgehenden Maße in verleumderischer und im wahrsten Sinne des Wortes unjüdischer Weise gegen das Institut, das allein die Möglichkeit bietet, Palästina als jüdisches Land aufzubauen, vorgegangen zu sein, gegen den Keren Hajessod. Wir stützen diese schwere Anklage nicht etwa auf das Gerede einiger mehr oder weniger für die Partei verantwortlicher Leute, sondern auf einen Aufruf, der von offizieller Seite in dem offiziellen Blatte der Agudas Jisroel, dem „Frankfurter Israelit“, an hervorragender Stelle veröffentlicht wurde. Dieses Dokument entbehrt nicht einer gewissen grotesken Komik, verdient aber doch alles in allem als Ausdruck eines förmlichen Bekenntnisses der Agudas Jisroel zum unlauteren Wettbewerbe einem größeren Kreise jüdischer Menschen wenigstens im Auszug bekannt gemacht zu werden. Daß wir den Aufruf nicht ganz zum Abdruck bringen, ist lediglich eine Folge unseres Platzmangels. Wir lesen in dem Aufruf: „Vor mehr als Jahresfrist hat der Zentralrat der Agudas Jsroel sich an das thoratreue jüdische Volk mit dem Ruf gewandt, Hand an den Aufbau des heiligen Landes zu legen, dessen unverjährbare Verbindung mit dem jüdischen Volk durch die wunderbare Vorsehung Gottes zum ersten Male seit Jahrtausenden die Anerkennung der Mächtigen der Erde gefunden. Inzwischen ist das Mandat bestätigt worden. Trotz des feierlichen Protestes der Agudistischen Leitung ist die Jewish Agency der thorafremden zionistischen Organisation, die nur einen der nationalen Assimilation verfallenen Bruchteil der Judenheit umfaßt, übertragen worden.“ Für den unorientierten Leser liegt nun die Sache ganz klar. Der Zentralrat der Agudas Jisroel hat sich bereits vor mehr als Jahresfrist an das thoratreue jüdische Volk gewandt und es inzwischen erreicht, daß das Mandat bestätigt wurde... Und nun wurde trotz feierlichen Protestes der agudistischen Leiter unbegreiflicherweise, scheinbar durch einen Irrtum die Bildung der in dem Mandate vorgesehenen Jewish Agency der Zionistischen Organisation übertragen. Merkwürdig, höchst merkwürdig!! Nun, wir können dazu nur sagen, daß das einzige, was wir von diesen Sätzen bestätigen können, der feierliche Protest ist, den die Agudas Jisroel erhoben hat; Protest aber nicht nur gegen die Übertragung «der Rechte aus dem Mandate an die dort bestimmte Jewish Agency, sondern Protest, flammenden Protest gegen jegliche wirkliche Beteiligung am Aufbau Palästinas, Protest gegen die Jugend, wie überhaupt gegen alles aufstrebende und jüdische Leben. „Tatenlosigkeit bedeutet Nichtachtung des göttlichen Rufes, der aus dem Mandate zu uns spricht“ heißt es in dem Aufrufe. Wer war denn das Instrument, das für würdig befunden wurde, die Durchsetzung des Mandates zu erkämpfen, wer hat denn eigentlich das Mandat errungen? Die Agudas vielleicht, die „s c h o n“ vor mehr als Jahresfrist damit begonnen hat, das Volk aufzurufen, oder, wie wir vielmehr glauben, aufzuhetzen? Oder war es doch die Zionistische Organisation, die seit f ü n f u n d z,w anzig Jahren mit Opfern an Gut und Blut, wie sie selten in der Geschichte freiwillig aufgebracht worden sind, zielbewußt darauf hingestrebt hat und schließlich der Gnade gewürdigt wurde, Werkzeug göttlichen Willens zu werden? Wir glauben darauf verzichten zu können, auf jeden einzelnen der unwahren und gehässigen Anwürfe, die man uns macht, einzugehen. Zumal wir von Seite des „thoratreuen Judentums“, das in der Aguda vereinigt ist, schon alles mögliche, nur nichts wahrhaft Jüdisches erfahren haben. Nur einen Passus, der so unglaublich ist, daß er als Dokument „frommer und ehrwürdiger altjüdischer Gesinnung“ würdig ist, der Mit- und Umwelt überliefert zu werden, wollen wir noch wiedergeben und nach unserer „etwas“ abweichenden Auffassung vom Jüdischen kommentieren. In dem Aufrufe heißt es wörtlich: „Meidet den Keren Hajessod. Denkt, daß jede Spende für den Keren Hajessod prozentual dem zionistischen Abfall zugute kommt. Bedenket, daß der Verband orthodoxer Rabbiner einstimmig jede Spende für Keren Hajessod als religionswidrig bezeichnet hat. Die Thora, nicht der Abfall soll im heiligen Lande erblühen.“ Mit diesen Worten haben die Verfasser des Pamphletes wohl eine kaum zu überbietende Höhe