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Das jüdische Echo · 1922-10-13 · 41 (13.10.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
41 (13.10.1922)
Date
1922-10-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 41 13. Oktober 1922 Die nationalen Bewegungen des Orients Von Max Buchmann. Das ganze Tun und' Denken des Türken ist eingesponnen vom Fatalismus, jener Lebensauffassung, die alles Geschehen als unabänderlich vorausbestimmt annimmt und dem tätigen Eingreifen des Menschen in das Schicksal keinen eigentlichen Wert beimißt. So vermag der Türke mit Gleichmut Unglück und Entbehrung zu ertragen, aber sein Handeln ist auch lässig und ohne den kräftigen Willensimpuls, der den Europäer charakterisiert, und ohne Sorge um die Zukunft. Und doch führt dieses Volk seit 12 Jahren Krieg, ohne kampfesmüde zu werden, und zeigt eine bewundernswerte Ausdauer in seinem Ringen um Unabhängigkeit. Wie erklärt sich dieser WiderSpruch? Wohlgemerkt, der Fatalismus des Türken ist nicht einer philosophischen Überlegung entsprungen, er liegt in der Grundmasse seiner seelischen Substanz als eine bestimmte Reaktionsweise auf alles Erleben, er ist ein Lebensstil, der mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit die Auffassung alles Geschehens im persönlichen Leben bestimmt. Aber eben weil er instinkthaft zur psychischen Natur dieser Menschen gehört, ist er nicht an diie Konsequenz gefesselt, die die Logik der Reflexion fordern würde. Konsequent wäre es, daß sie auch das Schicksal der Niederlage und Fremdherrschaft schweigend auf sich nehmen würden. Aber hier greift ein anderer Grundtrieb ihres Daseins, der nationale Selbsterhaltungstrieb ein und dieser starke Nationalinstinkt hebt den lähmenden Fatalismus auf und verleiht ihrem Handeln Kraft und Ausdauer, ohne daß der Wert des Handelns überhaupt in Frage gestellt wird. Da gilt es als selbstverständlich, daß Allah will, daß sie die Feinde aus dem Lande treiben und nicht ruhen dürfen, bis sie volle Freiheit erlangt haben. Der nationale Selbsterhaltungstrieb verwandelt den Fatalismus, der seinem philosophischen Charakter nach durchaus negativ ist, in einen gewaltigen positiven Faktor, als welchen er sich ja schon durch viele Jahrhunderte der Geschichte erwiesen hat. Und eben weil der Fatalismus als persönliche Lebensauffassung und der nationale Selbstbehauptungswille — wie auch der einstmals Europa so bedrohliche nationale Expansionstrieb — Teile ein und derselben psychischen Natur sind, iinstinkthaft verwurzelt, darum, bilden sie keinen Widerspruch im Strom des Lebens. (Daß der Fatalismus erst durch die Annahme des Islams zu solch integrierendem Bestandteil der türkischen Psyche geworden ist, spielt dabei keine Rolle.) Die seelische Struktur des türkischen Volkes, als dessen Type der Anatolier und nicht die von levantinischer Unkultur angegriffene obere Klasse von Konstantinopel gelten muß, ist nicht kompliziert. Der Türke ist noch unverbraucht und hat in sich noch einen Hang zum Nomaden und Krieger bewahrt, der es ihm leicht macht, Weib und Haus zu entbehren, und Soldatenschicksal auf sich zu nehmen, wenn er nur genug zu essen bekommt. Jener ursprüngliche Nationalinstinkt und ein fest verankerter religiöser Glaube sind die überpersönlichen Antriebe seines Lebens. Und trotzdem die Rasse des türkischen Volkes so schwer zu analysieren und definieren ist, zeigt es doch eine erstaunliche Einheitlichkeit, die nur einen tieferen Unterschied zwischen dem Städter, d. h. vor allem dem Bewohner Konstantinopels, einer alten, hochkultivierten und entartenden Aristokratie, die zum Hofe des Sultans gehört, und dem Landvolk im weitesten Sinn, dem auch die jungtürkischen Führer entstammen, zeigt. Dieses Landvolk entbehrt im allgemeinen jeder gründlichen Schulbildung, es besitzt eine gesunde Primitivität, wie sie nie anders gewesen; eine eigentliche Volkskultur hat das türkische Volk nicht besessen, die Kultur Stambuls war eine höfische und aufgebaut auf byzantinischen und arabischen Elementen. Der religiöse Konservativismus und jene fatalistische Weltauffassung haben der europäischen Zivilisation den Eintritt verwehrt. Dies zur Charakteristik des türkischen Volkes, das jetzt das allgemeine Interesse wieder nach dem Orient gelenkt hat. Trotz des außerordentlich Verbindenden der gemeinsamen Religion zeigt das arabische Volk ganz andere Züge. Wohl hat auch in ihm der Islam als gestaltende Kraft gewirkt, wohl ist auch die Lebensauffassung des Arabers eine fatalistische und doch ist er beweglicher, rühriger, elastischer. Andererseits ist sein Nationalinstinkt viel geringer entwickelt imd die nationale Bewegung, die uns Juden so viel zu schaffen macht, darf uns darin nicht täuschen. Denn während sie bei den Türken aus der Mitte des Volkes herauswächst und Nahrung findet — gerade die obersten Schichten stehen abseits.—, wird sie bei den Arabern von den Effendis angefacht und unterhalten. Das arabische Volk würde ohne diese dauernde Aufstachelung und ohne die Weckung seiner niederen Instinkte auf Raub und Macht friedlich sein. Freilich ist es überhaupt schwer, von einem arabischen Volk zu reden; denn es ist viel weniger einheitlich als das türkische. Welche Unterschiede bestehen zwischen den Beduinen und dem Landvolk, den Fellachen, zwischen den Städtern und der eigentlichen arabischen „Aristokratie“. Das sind Rassen-, Klassen- und Kulturunterschiede. Der Beduine ist relativ reinrassiger Semite, über die Rasse der ansässigen Bewohner streiten sich die Gelehrten. Die Masse des Volkes bilden die Fellachen, hörig, abhängig vom Großgrundbesitzer — ein Verhältnis, das man in Kleinasien nicht kennt — und verelendend. Die arabischen Länder sind Stätten einer verfallenen Kultur, der Fellache, dessen Leben ein Vegetieren ist, zeigt die Primitivität des Niedergangs, er ist verbraucht und ohne lebendige Impulse, ohne nationales Bewußtsein. Es gibt wohl eine hochkultivierte — auch nicht europäische — Aristokratie, aber sie lebt abgeschlossen vom Volk ein träumendes, reifes, verfeinertes Leben und ist ohne Einfluß. Ich weiß nicht, wie stark sie an der pseudonationalen, von dem materiellen Interesse und Machttrieb einzelner getragenen Bewegung aktiven Anteil nehmen. Jene bekannte Schicht der Effendis ist wahrlich nicht Träger alter arabischer Kultur, sondern zeigt einen stark levantinisehen Einschlag. Natürlich trägt solche Charakterisierung das Unrecht der Verallgemeinerung, es handelt sich hier aber auch nur um eine rohe

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