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Das jüdische Echo · 1922-09-15 · 37 (15.9.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
37 (15.9.1922)
Date
1922-09-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 37 15. September 1922 9. Jahrgang Verax Als Theodor Herzl seinen „Judenstaat“ vollendet hatte, übersandte er ein Exemplar der gerade aus deT Druckerpresse gekommenen Broschüre an den damaligen österreichischen Außenminister, Exzellenz Badeni. In einem Begleitbrief schrieb er dazu die folgenden Worte: „Diese Schrift wird vermutlich eine gewisse Bewegung hervorrufen: Gelächter, Geschrei, Wehklagen. Beschimpfungen, Mißverständnisse. Dummheiten, Schlechtigkeiten. Ich blicke alledem höchst gelassen entgegen. Les chiens aboient — la caravane passe. Die Hunde bellen und die Karawane zieht vorüber.“ Man hat auf den Judenstaat genau so reagiert, wie Herzl vorausgesagt hatte. Schon heute, nach der verhältnismäßig kurzen Zeit von 25 Jahren gibt es kaum mehr einen Juden, wenige unter den gebildeten Nichtjuden, die das durch den „Judenstaat“ in die Massen geschleuderte Problem der jüdischen Blutsverbundenheit und die eng mit ihr zusammenhängende Frage der räumlichen Verbundenheit, die das Problem der Wiedervolkwerdung nicht in mehr oder weniger intensivem Maße beschäftigt hätte. Die Karawane, das jüdische Volk, ist ins Marschieren gekommen. Mit Aufwendung äußerster Energien und unter großen Opfern ist es gelungen, eine mächtige Organisation zu schaffen, deren Fühler heute in jedem Lande ausgestreckt sind, um immer neue Kräfte an sich zu ziehen, eine Organisation, die unter Überwindung von Hindernissen., deren Beseitigung über menschliche Kraft zu gehen schien, zielbewußt und unbeirrbar ihren Endzweck verfolgt, die Zusammenfassung des jüdischen Volkes im jüdischen Lande — in Palästina. Die Karawane marschiert. Ihre. Spitze, die Pioniere, die Chaluzim sind schon an gelangt. Das Gros folgt. Langsam aber unaufhaltbar schieben sich die jüdischen Massen vorwärts. In allen Ländern der Welt regen sich Hände, das große Werk zu fördern, jedes Land der Diaspora stellt sein Kontingent an Menschen, denen Erez Israel höchstes Ziel bedeutet. — Der Weg ist frei. Das Mandat verbürgt dem jüdischen Volk die ungehinderte Rückkehr in sein Land. La caravane passe. Aber auch all das andere, was, wie Herzl wußte, als unvermeidbare Begleiterscheinung kommen mußte, Spott und Hohn. Bestürzung und Wut, sind nicht aüsgeblieben. Es gibt keine Taktik, die man nicht versucht hätte, kein Hemmnis, das man nicht in den Weg geworfen hätte, um das Scheitern des Palästinagedankens zu bewirken. Als das sonst häufig so gut wirkende Totschweigen nichts nützte, fehlte es nicht an lauten Protesten und schleichender Verleumdung. Wer sich offen zum Zionismus bekannte, wurde als Verbrecher oder mindestens als Mensch zweiter Klasse betrachtet, von dem man in Gesellschaft weit abrückte, dessen Nähe man wie die eines Aussätzigen mied. Die Zeiten sind heute vorbei. Alle Proteste und Unterdrückungsversuche, alle Verleumdungen haben das Gegenteil von dem erreicht, was man wollte. Ein ähnlicher Vorgang, wie ihn Bismarck durch die Antisozialistengesetzgebung hervorrief, war auch bei uns Juden durch die zwar nicht offizielle aber mindestens ebenso wirksame Antizionistengesetzgebung zu beobachten. Der Zionismus hat sich durchgesetzt und das laute Bellen ist einem leisen, aber umso widerwärtigeren Gekläff gewichen. In der vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens herausgegebenen Zeitschrift, der C.-V.-Zeitung, mit der wir uns wegen der Harmlosigkeit ihres Inhaltes bisher nicht beschäftigen zu müssen glaubten, findet sich in der am 31. August 1922 herausgegebenen Nummer unter der vielverheißenden Überschrift „Jüdische Rundschau“ ein von dem „deutschen“ Ostjuden Bin jamin Segel unter den nom de guerre „Verax“ — ein incognito, das begreiflicherweise erst verhältnismäßig spät gelüftet wurde — verfaßter Artikel, der für die von uns behauptete „Umgruppierung“ in der gegnerischen Taktik bezeichnend ist. Da es nicht mehr angeht, die Bestätigung des Mandates abzuleugnen, da erfreulicherweise im jüdischen Volke die Erkenntnis, welch ungeheure Bedeutung diesem politischen Erfolge für uns alle zukommt, durchzubrechen beginnt, sucht „Verax“ mit Kniffen und Mittelchen, die dem Juristen nur ein verständnisinniges Lächeln ablocken können, die Größe der Sache zu leugnen, und dadurch, daß er sie in einen völlig falschen Fragenkomplex eingliedert, dem politisch und vor allen Dingen jüdisch-politisch ungeschulten Leser die Überzeugung beizubringen, es werde von den Zionisten „viel Lärm um nichts“ gemacht, die ganze Sache sei eine Mühle, die mit viel Geklapper, aber völlig leer laufe. Daß wir der Wahrheit, oder vielmehr „Verax“ mit diesen Behauptungen nicht unrecht getan haben, soll im folgenden gezeigt werden: „Der Völkerbund breitete seine Fittiche über die ganze Judenheit aus. Aber in das Land der Väter sollten wir uns nicht etwa einschleichen, nicht gnädigst hineingelassen werden, wie nach Amerika, sondern es wurden unsere historischen Rechte auf Palästina feierlichst anerkannt. Wir kommen dorthin und nehmen nur Besitz von dem, was uns gehört. Das war alles der Erfolg der glorreichen zwei oder drei Jahre der Arbeit in London und Paris. Was hatte es all diesen Triumphen gegenüber zu bedeuten, daß in der Ukraine genau 24 Tage nach Gewährung der Nationalautonomie, am 26. Dezember 1917, knapp 7 Wochen nach der Balfour-Deklaration, der erste Pogrom, der von Owrutsch, die neue Epoche blutig einleitete.“ Nach einer sehr eingehenden Schilderung der furchtbaren Pogrome, die in die letzten Jahre fielen, fährt „Verax“ dann fort: „Das war alles sehr, sehr bedrückend... aber wenn wir den Blick zu den Sternen erhoben, wo bekanntlich die ewigen Rechte hängen, sahen wir unser „National Home“ und die nationale Autonomie und alles andere, fehlt nur noch das Mandat, gleichsam die Krönung des ganzen Gebäudes, das Kapitell auf der Säule. Das war jetzt unsere einzige Sorge.“ Herr Segel sagt also, wenn wir seine ironischpathetischen Ausführungen in die Sprache der ge-

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