Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 36 (8.9.1922)
- Date
- 1922-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Mrnnmer 36 8. September 1922 9. Jahrgang Die Karlsbader Jahreskonferenz und die deutschen Juden „Heute ist eih Fest. Es ist aber nicht nur ein zionistisches Fest. Denn Erez Israel ist keine zionistische Sache, sondern es gehört dem ganzen jüdischen Volk an. Wir haben niemals daran gedacht, ein Monopol auf Erez Israel in Anspruch zu nehmen, sondern wir haben gewußt, Israel gehört es. Unsere Augen sind nach vorne und nicht nach rückwärts gerichtet Heute ist die Zeit gekommen zum ganzen jüdischen Volk zu sprechen. Von dieser Tribüne, die die Fortsetzung der Basler Tribüne ist, wenden wir uns nochmals an das Volk und rufen: Israel, stehe auf, erwache, nimm Teil an unserer Arbeit! Wir glauben an das jüdische Volk. Wir glauben, daß es kommen wird. Namens der Zionistischen Organisation und namens all derer, die an unserem Volke mitgearbeitet haben, rufe ich nochmals: Israel, für dich haben wir gearbeitet, und nun kommen wir zu dir nicht mit leeren Händen. Wir haben das Mandat des Völkerbundes in Händen und du antworte nach Gerechtigkeit mit Taten, nimm Teil an unserer Arbeit! Von dir muß die Losung ausgeben, die laute Proklamation an das jüdische Volk in allen Teilen der Welt, wo es wohnt, in allen seinen Schichten und Richtungen, alle sollen kommen, sich vereinigen. Von dieser Versammlung möge der Geist ausgehen, der die Herzen reinigt und Wege bahnt zur Vereinigung, dieser Geist, der uns ein Vierteljahrhundert durch die Wüste geführt hat, bis zu dieser letzten Station auf dem Wege einer neuen Epoche. Ascbrenu, (heil uns, daß es uns vergönnt war, diesen Tag zu erleben!“ Soll dieser flammende Aufruf an alle Juden gleich welcher Partei und Richtung in allen Ländern der Diaspora, mit dem der Präsident der zionistischen Exekutive Nahum Sokolow am 25. Jahrstage des I. Basler Kongresses kurz nach der, Mandatsbestätilgung durch den Völkerbund die Jahreskonferenz in Karlsbad eröffnete, ungehört oder unbeachtet vorübergehen an uns Juden in Deutschland, die wir uns immer rühmen durften, in jüdischen Dingen an der Spitze zu marschieren? Soll es weiter so sein, daß man in Deutschland gleichgültig und skeptisch dem Wiedererstehen Palästinas als Erez Israel gegenüber steht? Will man, was noch widerwärtiger wäre, es mit Sympathiekundgebungen und billigen Einverständniserklärungen bewenden lassen? Der 25. Jahrestag des Basler Kongresses ist ein Festtag für uns Zionisten: gewesen. Ohne Überhebung und falschem Stolz können wir frohen Herzens auf das zurückschauen, was in dieser kurzen Zeitspanne geleistet wurde. Vor 25 Jaihh ren waren wir, wie Ussischkin in seiner Begrüßungsansprache sagte, eine kleine Gruppe, heute sind wir eine große Organisation, die nach Hunderttausenden zählt. Vor 25 Jahren hatten wir ein heiliges Land, dessen Besitz wir zwar beanspruchten, aber von niemandem zugestanden erhielten; heute erkennen nicht nur die eine oder die andere Macht, sondern alle Völker und alle Regierungen das Recht unseres Volkes auf unser Land an. Vor 25 Jahren hatten wir eine Sprache, die bloß Besitz einzelner Auserwählter war, die Sprache des Gebetes und der Bücher, ohne jede Anerkennung; heute nach der Mandatsbestätigung ist sie eine offizielle Sprache des Landes. Das Volk, das Land, die Sprache anerkannt; das ist der Erfolg, den wir im Laufe von 25 Jahren errungen haben. Grund genug, diesen Gedenktag festlich zu begehen. War dieser 25. Jahrestag auch ein Fest für diejenigen, die sich nicht oder doch nicht aktiv an der Arbeit für das jüdische Volk betätigt haben? Unbedingt. Was die Männer, denen die Führung der zionistischen Organisation anvertraut war und ist, in zäher unermüdlicher Arbeit geleistet haben, haben sie nicht, für einen nach einer bestimmten Richtung orientierten Kreis jüdischer Menschen, sondern für alle Juden der ganzen Welt mit und gegen ihren Willen getan. Die Tatsache des jüdischen Palästina ist heute nicht mehr fortzudiskutieren. Gründe für und wider mögen ein gewisses Interesse beanspruchen, Tatsachen können dadurch nicht mehr aus der Welt geschafft, nicht mehr geändert werden. Alles, was heute für Palästina und in Palästina getan wird, ist zu einer Angelegenheit eines jeden von uns geworden, die je länger desto stärker in das Zentrum unseres Gedankenkreises rücken wird. Und muß.nicht für alle, die noch jüdisch empfinden können und denen ihr Judentum nicht ein „Unglück“ bedeutet, hierdurch ein Gefühl hoher Freude ausgelöst werden? Palästina wieder das Land, die Heimat für den ewigen Wanderer, den Juden? Trotzdem aber wird ein Unterschied in der Bedeutung dieses Festtages, für den Zionisten und den Nichtzionisten unverkennbar sein. Während diesem gewissermaßen eine reife Frucht ohne sein Zutun, auch nur ohne die geringste Anstrengung seinerseits in den Schoß gefallen ist, kann jener mit Befriedigung die Vollendung eines Werkes konstatieren, an dessen Schaffung er nach Maßgabe seiner Kräfte beteiligt ist Mit anderen Worten, wir meinen, es müßte bei denen, die bis jetzt mit untätigen Händen abseits gestanden haben, ein gewisses Gefühl der Beschämung vorhanden sein, geerntet ohne gesät zu haben. An die Menschen, die die ganze Größe des Freudentages empfinden, aber zugleich dieses Gefühl der Beklemmung nicht loswerden können, und von denen wir wissen, daß sie, Gott sei Dank, in großer Anzahl bei uns vorhanden sind, wenden sich die Männer der Jahreskonferenz und sagen: Es ist nicht zu spät zur Arbeit. Politisch allerdings haben wir das, was wir wollten, zum größten Teile erreicht, wenngleich auch hier noch manches zu tun bleibt. Die politische Situation ist augenblicklich, wie Sokolow sagte, die denkbar günstigste. Aber jeder, der weiß, wie Politik gemacht wird, wird ein,sehen, daß man den Wert politischer Zugeständnisse und Versprechungen zwar nicht zu gering einschätzen darf, daß es aber ein Gebot dringender Notwendigkeit ist, möglichst schnell den am grünen Tisch errungenen Erfolg in die Wirklichkeit umzusetzen Meinungen können sich von heute auf morgen ändern, Beschlüsse umgestoßen werden. Gründe finden sich, wenn man sie haben will. Wir müssen das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Der Rahmen ist uns gegeben; ihn auszufüllen muß jetzt unsere i