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Das jüdische Echo · 1922-08-11 · 32 (11.8.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
32 (11.8.1922)
Date
1922-08-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 32 11. August 1922 9. Jahrgang Kritische Zeit Einmal war der Staat alles, heut ist er wenig oder nichts. Wer Mut oder Frechheit genug hat, wirft sich zum Schützer oder Störer der Ordnung auf; was aber Ordnung sei, deutet man nach eigenem Gefallen. Es könnte sein, daß wir einem Zustand der Anarchie entgegengehen, da der Schwache fürchten muß, „des Mächtigen Beute zu werden.“ Nicht Deutschland allein befindet sich in solcher Lage; die Welt ist aus den Fugen. In Rußland, Irland, Mexiko, China ist oder war offener Bürgerkrieg. Südafrika bebt noch unter den Nachwehen des großen Arbeiteraufstandes. Indien, Ägypten, Marokko, die ganze islamische Welt gärt in Unruhe. Auf dem Balkan kommen Flinten und Bomben nie zur Ruhe, aber der Balkan erstreckt sich bis nach Mitteleuropa. In Ungarn terrorisiert der überführte Mörder Hejas an der Spitze seiner Pogrombanden ungestört von der eingeschüchterten Staatsautorität weiter das öffentliche Leben, ln Italien kommandiert der Fascistengeneral Mussolini eine Armee, die stärker ist als die königliche und erringt blutige Siege über Sozialisten und Populari; er vergewaltigt Krone, Regierung und Volksmehrheit und ist das leuchtende Beispiel unserer Rechtsradikalen. Der internationale Antisemitismus ist Vorbote, Wegbereiter, Nutznießer und Nachtrupp der internationalen Unruhe. Er ist allen finsteren Mächten aufs innigste verbündet und übertrifft die meisten an Skrupellosigkeit und Brutalität. Er wütet in Ost- und Südosteuropa, aber wir finden ihn auch in Vorderasien, in Amerika und selbst in England. Er hält enge Verbindungen unter seinen Anhängern aufrecht, die fester sind als alles, was sie sonst trennen könnte: Vieille France und Völkischer Beobachter, Budapest, München und Warschau sind durch mehr als einen Kanal miteinander verbunden. Seine geistige Fundamentierung fand der moderne Judenhaß in Deutschland. Hier hat er seine stärkste und entschlußkräftigste Organisation. Einiges davon ist seit dem Rathenaumord bekannt. Seitdem ist in manchen Teilen des Reiches manches dagegen geschehen. Wir wissen, daß auch die bayerische Regierung, daß mindestens Graf Lerchenfeld des Treibens der Pogromhetzer recht müde ist, und wirklich hat sie sich in den letzten Wochen mehrfach — auch in einer offiziellen Erklärung — gegen den Antisemitismus und seine Agitationsmethoden gewandt. Aber ob die bayerische Regierung den Rechtsradikalen gegenüber mächtiger ist als die italienische den Faseisten gegenüber, ist zweifelhaft. Jedenfalls ist Bayern noch immer für alle Verfolgten aus jenen Kreisen ein Asyl und ein Waffenplatz. Die von den deutschvölkischen Studentenverbänden einberufene Tagung zieht von Münster, wo man sie verbot, nach Wiirzburg, wo man sie freudig begrüßte. Augsburg ist Mittelpunkt zahlreicher Tagungen aufgelöster Vereinigungen. In München haben die Nationalsozialisten gar den Mut, auf großen Plakaten das einjährige Bestehen ihres Sturmtrupps zu feiern und die Beschlagnahme dieses Pogromaufrufes der Regierung als „Kapitulation vor dem Börsenbanditismus“ a.nzukreiden. Sie haben Recht, denn man wird nichts Entscheidendes gegen sie tun können. In München sitzt als große Hakenkreuzspinne General Ludendorff Im Mittelpunkt des Netzes, in das er mit der deutschen Republik das deutsche Judentum verstricken will. Der preußische Minister Severing nennt ihn „schwer belastet durch die neuesten Untersuchungen gegen die rechtsradikalen Mörderorganisationen“. Die Berliner deutsohnationale Zeitung, der „Tag“, greift ihn seiner Kampfesweise wegen heftig an, die Polizei findet zahlreiche Briefe und Instruktionen von seiner Hand, die seine Mitbeteiligung an der großen Verschwörung einwandfrei erhärten — aber die Münchener bügerliche Presse schweigt und verschweigt und die Regierung ist zu schwach, um etwas zu unternehmen. Im Gegenteil, man hat immer mehr den Eindruck, daß sie eine Gefangene der Kreise ist, die den Judenhaß benutzen, um ihre politischen Pläne zu fördern. Die Mittelpartei in Bayern hält im Gegensatz zu den Deutschnati'onalen im Reich den Zusammenhang mit den radikalsten Deutschvölkischen aufrecht. Sie ist heut führendes Mitglied der Regierungskoalition in Bayern. Wir wissen nicht, wie weit ihre Entschlossenheit geht, aber wir glauben, daß sie sehr weit gehen dürfte. Jedenfalls kann jeder Tag Ereignisse von großer politischer Tragweite und gefährliche Ausbrüche der Leidenschaften bringen. Worauf hätten wir dann zu hoffen? Auf die Einsicht der rechtsradikalen Antisemiten? Sie scheuen sich nicht, die Einheit des Reiches zu gefährden, ihre Agitatoren dürfen in bejubelten Reden es begrüßen, daß Poincare weitere deutsche Gebiete besetzen werde; denn das werde die Republik zu Fall bringen — sie setzen neben 8 bedeutenden jüdischen Politikern einen Mann wie Einstein auf die Mordliste, den die übrige Welt als einen der Größten ehrt — wovor sollten sie zurückschrecken? Ein Pogrom freilich würde Deutschland aller Sympathien in der übrigen Welt berauben, die französische Politik rechtfertigen und; unangreifbar machen, das in Amerika und England mächtige Judentum in Einheitsfront gegen das Reich zusammenschweißen, die deutsche Währung ins Bodenlose stürzen. Vielleicht sind, selbst in Bayern, Teile der Deutschnationalen Volkspartei, die das nicht wollen und nicht mitmachen würden. Aber eine Trennung hätte nur die Folge, daß die Propogandisten der Tat unbeschwert von dem Gewicht einsichtsvollerer Politik Vorgehen könnten. Wir hoffen, daß auch diesmal die Dinge weniger schlimm werden, als sie aussehen, aber wir glauben nicht, daß man noch irgend ein Ereignis für unmöglich halten darf. Wenn Gewölk am Himmel steht, versieht man sich mit einem Schirm. Man trifft, wenn Gefahr droht, nicht nur Maßnahmen für den Augenblick. Wir fragen — zum wievielten Male? — was ist bisher geschehen, um Existenz und Würde des bayerischen Judentums zu schützen? Wir meinen nicht die halben Maßnahmen, die wir genugsam kennen. — Voraussetzung erfolgreicherer Abwehr wäre eine Neutralisierung des Abwehrkampfes. Alle jüdischen Gruppen haben das gleiche Interesse, das gleiche Recht, die gleiche Pflicht und das gleiche Bestreben, daran teilzunehmen. Man könnte

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