Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 27 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145559--05070-9077738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 27_ 7. Juli 1922 9. Jahrgang Das Oberhaus gegen das Palästinamandat Im englischen Oberhaus haben sich 60 Lords bereit gefunden, gegen die bisherige Fassung des Palästinamandats zu protestieren. Das ist nicht übermäßig viel, wenn man bedenkt, daß der 2. Kammer der Vereinigten Königreiche 700 Peers an gehören und daß es sich offenbar um die gesamte Macht der Opposition gegen die Palästinapolitik der Regierung handelt. Das ist noch Weniger, wenn man den politischen Einfluß der Körperschaft in Erwägung zieht, die den Beschluß faßte, und sich die Motive klarlegt, aus denen dieser Beschluß gefaßt wurde und gefaßt werden konnte. Das Oberhaus besitzt seit jenen Kämpfen, in denen sich lange vor dem Krieg Lloyd George den. Ruf eines besonders energischen Staatsmannes sicherte, nicht mehr die Macht, in die Politik des Landes bestimmend einzugreifen. Sein Einfluß beschränkt sich auf gewisse Gebiete — im allgemeinen ist es heute mehr eine beratende, als eine beschließende Körperschaft. — Nicht bestritten soll übrigens werden, daß der moralische Einfluß seiner Stellungnahme nicht gering ist — und daß die Opposition des äußersten konservativen Flügels gegen Lloyd George diesen Einfluß aufs geschickteste auszunutzen versteht. Es ist zweifellos, daß die Herren des Oberhauses mit ihrem Palästinabeschluß mindestens ebenso sehr oder mehr die englische Regierung treffen wollten wie die jüdische Kolonisation in Erez Jisroel. Wir haben ja ähnliches bei Lord Northcliffe erlebt, der nach vierundzwanzigstündiigem Aufenthalt im Lande gegen die jüdischen Bestrebungen Stellung nahm — sicherlich weniger, weil er ihre Untunlichkeit und Zwecklosigkeit erkannt hätte, als weil er der Regierung auch hier Schwierigkeiten machen wollte. Neben solchen Erwägungen mögen antisemitische Stimmungen mitgesprochen haben, die gerade auch der englischen Nobilitz nicht fremd sind; gewiß aber wird die arabische Delegation hier den ersten sichtbaren Erfolg ihrer Arbeit feststellen dürfen. Zweifellos hat diese Kommission, die unter erheblichen Schwierigkeiten ihre europäische Mission begann, die unter Gleichgültigkeit in der Heimat, Geldmangel, dlem Fehlen von Konnexionen und der Feindschaft der Regierungen zu leiden hatte, geschickt verhandelt. Sie war übrigens nicht ungeschickt zusammengestellt; das im wesentlichen mohammedanische Arabertum Palästinas hat sich zumeist von Christen vertreten lassen, deren Einfluß auf die christliche Welt, deren Argumentation vor allem auf die hochkirchlich gesinnte Aristokratie Englands wirksam werden konnte. Was sonst auf die edlen Lords wirkte, welchen Einflüssen sie sich weiter hingaben — das ist schwer festzustellen. Handelsneid, wie er bei den Debatten über das Ruthenbergprojekt zum Ausdruck kam, Sorge um den Eindruck der Förderung jüdischer Siedlungsarbeit auf die islamische Welt, Einflüsterungen gewisser Vertreter der Agud'as Jisroel — kurz, es kam viel zusammen, um der arabischen Delegation den Demonstrationserfolg zu verschaffen, den sie brauchte, um ihren Kredit bei den eigenen Landsleuten aufrecht zu erhalten. Tatsächlich tut sie alles, um den Eindruck ihres Erfolges zu verstärken. Sie vermeidet es, auf die große Rede Lord Balfours während der Debatte, auf die unfreundliche Aufnahme, die der Beschluß im größten Teil der englischen Presse fand, oder auf den peinlichen Eindruck einzugehen, den er in Amerika machte, wo soeben die wichtigsten staatlichen Faktoren ihre grundsätzlichen Bedenken gegen die Mandatspolitik zu Gunsten des Palästinamandats zurückgestellt hatten. „Wir haben das Gefühl,“ schreibt sie in einer kürzlich, veröffentlichten Erklärung, „d'aß die Abstimmung die wirkliche Gesinnung Englands veranschaulicht. Sie bestätigt uns, was wir unserem Volke in Palästina schon bald, nachdem wir nach England kamen, erzählten: nämlich, daß das Gefühl von Ehre und Gerechtigkeit in England es diesem Lande niemals gestatten werden, eine erbarmungslose Ungerechtigkeit gegen unser schwaches kleines Volk zu begehen, indem es von seinem Heim vertrieben und das Land zu einer Heimstätte für die Juden gemacht werden soll. Palästina ist unser Heim und kann daher nicht das jüdische nationale Heim sein.“ Man kann diese Note werten, wie man will; man wird nicht verkennen, daß sie bereits den Verzicht auf gewisse hochgespannte panarabische Wünsche zu bedeuten scheint. Die Balfourdeklaration wird durch sie nicht berührt. Der Kunaige wird sich vielmehr der Diskussionen darüber erinnern, ob Palästina „d a s“ nationale Heilm oder „ein“ nationales Heim der Juden werden sollte. Auch die Juden waren damit einverstanden, daß Palästina ein nationales Heim der dort.wohnenden Araber zu bleiben habe und doch ein nationales Heim des jüdischen Volkes werden könne. Die Balfourdeklaration hat nie eine Unterdrückung völkischer Majoritäten oder Minoritäten in Betracht gezogen und die zionistische Politik ebensowenig. Es scheint, daß die Erklärung der arabischen Delegation die Möglichkeit der Verständigung nicht ausschließt Es scheint auch, daß die UnterhiausdCbatte über Palästina Anfangs Juli ein ganz anderes Resultat zeitigen wird1, wie die des schlecht beschickten, von einer entschlossenen Minorität überraschten Oberhauses, an dessen Sitzung nilcht einmal, wie Lord1 Balfouir indigniert bemerkte, die jüdischen 'Lords teilnahmen. Dennoch bleibt der unangenehme Eindruck des Oberhausbeschlusses bestehen. Man wird, ihn nicht über-, aber auch nicht unterschätzen dürfen. Man wird daran zu denken haben, daß die Balfouirdeklaration, dile von fast allen jüdischen Gruppen als ein allgemein-jüdischer Erfolg gewertet wird, ein Gut ist, das verteidigt werden, das immer neu erworben werden muß. Die Exekutive der zionistischen Organisation in London wird sicher nichts versäumen, um durch einen großen Erfolg in England die Annahme des Mandats durch den Völkerbund sicherzustellen. Den Zionisten erwächst die Verpflichtung, ihre Organisation so zu stärken, daß sie ein aktionsfähiges Instrument in der Hand! ihrer verantwortlichen Führer bleibt. Das wichtigste aber ist und