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Das jüdische Echo · 1922-06-30 · 26 (30.6.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
26 (30.6.1922)
Date
1922-06-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 26 30. Juni 1922 9. Jahrgang Rathenaus Ermordung Rathenau ist gefallen nicht als Jude, sondern als Träger deutscher Politik — aber doch auch, weil er. Jude war. Sein guter Wille, die Lauterkeit seiher Gesinnung und Lebensführung, seine Begabung, ja sogar Erfolge seiner Tätigkeit werden heute auch seine Gegner anerkennen. Daß er Feinde hatte, ist begreiflich, daß er Totfeinde hatte, unfaßbar und durch nichts gerechtfertigt. Er hatte keinen Anteil am Ausbruch der Revolution und gewiß keinen am Abschluß des Friedensvertrages. Wir Juden freilich wissen, weshalb er, gerade er nach der Ermordung Erzbergers und dem Attentat auf Scheidemann auf der reaktionären Mordliste stand: sein Judentum war seine Schuld, das machte ihn vogelfrei; weil er Jude war, schlugen die rechtsradikalen Wölfe ihre Fangzähne mit besonderer Lust in seinen verblutenden Körper. Manche „Glaubensgenossen“, die sonst von Deutschtümelei strotzen, werden zähneklappernd bemerken^ Rathenau hätte sich eben als Jude nicht so „herausstellen“ sollen. Gewiß wäre es besser, wenn bedeutende Juden ihre Kräfte in dieser Zeit der Entscheidung ihrem Volke weihten, dessen Dankbarkeit sich kaum in Pistolenschüssen und Handgranatenwürfen ausdrücken würde. Rathenaus Stellung zum Judentum —• einst ganz ablehnend — hatte sich in den letzten Jahren in positiver Weise verändert, die Judenfrage war ihm zum Problem geworden, das ihn viel beschäftigte, und vielleicht hätte ihn bei längerer Lebensdauer die Entwicklung zu positiven Folgerungen geführt. Aber noch fühlte er sich nur als Deutscher und tausendmal als Deutscher und dieser Überzeugung gemäß hat er gehandelt. Er war eben ein anderes Kaliber wie die Zweckmenschen', deren Art ihm immer als verächtlich erschienen ist; ganz furchtlos war er und tat, was er mußte und nicht, was Kleineren die feige Seele vorgeschrieben hätte; er starb dafür und so senkt mit dem anständigen Deutschtum auch das jüdische Volk die Fahnen vor dem hingeschlachteten Sohn. Wir deutschen Juden aber werden uns zugleich der Gefahr bewußt, in der wir schweben. Jene mächtigen Bünde, die über Tod und Leben ihrer Mitmenschen entscheiden und deren beliebtestes Kampfmittel der Mord ist, sind zugleich Träger des infamsten Judenhasses. Noch schützt uns der Staat. Aber steht dieser Staat so fest, daß wir unter allen Umständen auf seinen Schutz rechnen können? Was wäre, im Ernstfälle, nicht schon alles unter Kahr möglich gewesen? Wer wird uns im entscheidenden Augenblick schützen wollen oder vielleicht auch nur schützen können? Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens führt den Kampf gegen den Judenhaß. Er sammelt Material, erhebt Klage, veröffentlicht Aufsätze, beschwert sich bei der Regierung und veranstaltet Aussprachen mit wohlmeinenden Nichtjuden. Er will die deutschen Juden in ihrem Daseinskämpfe vertreten und führen, obwohl er in innerjüdischen Fragen einen Standpunkt einnimmt, der von einem guten Teil der deutschen Judenheit nicht geteilt wird und nie geteilt werden kann. In seiner Führung sitzen zumeist ältere, verdiente Herren, deren Blütezeit in jene Epoche fiel, der Heinrich Mann in seinem „Untertan“ ein Denkmal gesetzt hat. Wir kennen ihre Politik der Vorsicht um jeden Preis, des ewigen Abwartens; wie wissen, was man leider oft unter „Abwehrkampf“ verstanden hat und noch versteht. Wir wissen auch, wie groß gerade in der jüngeren Generation die Unzufriedenheit mit dieser Taktik ist. Zugegeben, daß sie in ruhigen Zeiten manches Gute hat. Aber wenn es hart auf hart kommt? Können wir dann auf zielbewußte Führung, auf stählerne Energie rechnen? Oder werden wir uns gleich unserer Budapester Glaubensgenossen verstecken und warten müssen, bis man uns einzeln aus den Löchern holt? Wir fragen den Zentralverein und wir in Bayern haben vor allem ein Recht zu fragen: Was wurde getan und was soll getan werden? Glaubt man auch heute noch, die deutschen Juden in den Geleisen einer veralteten und unwirksamen Politik führen zu dürfen — bis zum bitteren Ende? Ist es nicht Zeit, so fragen wir, auf eine Führung zu verzichten, die immer mehr zu einer Geschäftsführung ohne Auftrag wird, die Abwehr der Judenhetze aus dem Streit der Parteien herauszuheben und es dem deutschen Judentum und seinen Gruppen zu überlassen, neu zu bestimmen, wie und von wem der Kampf geführt werden soll? Wir sind nicht ängstlich. Vielleicht haben: wir Unrecht und es geht gar nicht um die Existenz der Juden in Deutschland. Wir wollen nichts Vorhersagen. Wir wollen vor allen Dingen nicht behaupten, daß unser Dasein das wertvollste sei, was wir einzusetzen haben. Es geht aber sicher um die jüdische Ehre — und das ist mehr. G—. Der fränkische Kurier als Organ des Deutschvölkischen Schutz« und Trutzbundes In einem Artikel „Die Edda und die Gegenwart“ in seiner Abendausgabe vom 26. Juni 1922 schreibt das immer noch demokratische Blatt 3 Tage nach der Ermordung Walter Rathenaus, die es im politischen Teil zu mißbilligen vorgibt: „Die Geistes- und Gesinnungskultur jener Zeit (der Zeit der Edda. D. Schrftl.) muß schon aus dem Grunde als hochstehend angenommen werden, weil sie früher würdig befunden wurde, von allen dunklen Mächten bekämpft zu werden. Und in der Tat setzt hier bereits die Geschichte der Unterdrückung unserer rassisch-arisch-germanischen Kultur, Kunst- und Weltanschauung an. Diese Verfolgung hat heute noch nicht aufgehört und alle unarischen und ungermanischen Weltherrschaftsvertreter, sei es nun Juda, Kapitalismus oder Sozialismus, sind darauf aus, unseren ererbten Leib und unsere eingeborene Seele in Fesseln zu schlagen.“ Das ist die Sprache der Nationalsozialisten und des Schutz- und Trutzbundes. So oder ähnlich wurde zum Mord, so wird zum Pogrom gehetzt. Und die Nürnberger Juden halten dies Blatt, veröffentlichen in ihm ihre Familienanzeigen, geben ihm Inserate! Das wird nun hoffentlich aulhören. Besser einen offenen Feind, als einen versieckten und umso heimtückischeren!

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