Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 25 (23.6.1922)
- Date
- 1922-06-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 25 25. Juni 1922 9. Jahrgang Ex Oriente lux Ein Brief Du hast, liebe Freundin, Dein Leben in Palästina geschildert: von Euch einunddreißig Menschen hast Du gesprochen, die der glühenden Sonne und dem verwahrlosten Boden Frucht und Existenzmöglichkeit abringen. Du hast die Zelte beschrieben, dile Euch nun seit 16 Monaten beherbergen, Euer klägliches Mahl, Eure Krankheiten und die Mühe des fieberdurchglühten Schaffens. Du sprachest von Freundschaften und Verstimmungen, die dias ewige Anein ander gekettetsein bewirkt, von Freuden Eurer tätigen Gemeinschaft und von Sorgen über Euer künftiges Schicksal. Ihr seid vier Frauen unter siebenundzwanzig Männern; das mag zu manchen Spannungen führen. Aber Du hast Deinen Mann und Deinen Buben, der im Land geboren ist und dem ein Leben wie das Eure Selbstverständlichkeit sein wird. Er gedeiht, Gott sei Dank; Ihr werdet bald hoffentlich ein eigenes Häuschen und ein wenig Behaglichkeit für Euch und Euer Kind haben. Auch dann bleibt Eure Arbeit schwer und unsicher, trotz Eurer guten* landwirtschaftlichen Kenntnisse. Wäret Ihr angesiedelt, irgendwie selbständig tätig auf Natiiohalfondsboden oder sonstwo — vielleicht wäret Ihr glücklicher als heut in dem engen Nebeneinander einer erobernden Schar auf dem Schlachtfeld der Arbeit. Aber die Mittel des jüdischen Volkes sind gering, der Anforderungen viele und die Ansiedlung ist teuer. Niemand kann sagen, wann dies Glück Euch werden wird. Das jedenfalls ist gewiß, daß aus Euren Erfolgen und Mißerfolgen, aus Euren Freuden und Euren Nöten das jüdische Land und die Menschen, deren es bedarf, erwachsen. — Erstinge werden immer geopfert: Euer Kind wird es leichter haben. Mirjam, Du fragst mich nach! unserer Welt. Du entstammst ihr und kennst ihre Menschen und Möglichkeiten wie ich. Soll ich Dir das Leben in Berlin, in München, in Frankfurt, in Köln schildern? Du wirst mir glauben, daß die äußeren Schäden des Krieges ausgebessert sind, und daß wir an Freuden keinen Mangel haben. Aus allen Cafes, Dielen, Bars kreischt, fiedelt, lacht, johlt unsere glückliche Zeit! Wir haben jeden Tag ein Fest, mehr als vor dem Kriege, da; die Mark Gold wert und unser Reichtum unerschütterlich war. Es wird viel! über die Not des deutschen Volkes oder über die jüdischer Institutionen geklagt und tatsächlich gibt es Wohltätigkeitsfeste, auf denen getanzt und getrunken, und Opfertage, während denen man von hübschen Mädchen angesprochen wird. Wir wissen, daß die Not riesengroß ist, aber sie läßt sich nicht blicken. Auf der Straße ist alles nett und gut gekleidet, alle Lokale sind' überfüllt und jeder, der mag, hat seinen teuren, ach so teuren Schatz. Wir Juden spielen in diesen Hexensabbath keine beherrschende Rolle. Wir sind irgendwie auch dabei, aber hübsch bescheiden; ach, die jüdischen Zeitungen und Organisationen haben uns so oft vor auffallendem Benehmen, und provozierenden Genüssen, als einzigen Grund des Judenhasses, gewarnt. Wir sind bescheiden geworden und sehr zufrieden, wenn Herr Hittier uns nur wöchentlich einmal beschimpft. Unsere Beziehungen zu Nichtjuden haben sich etwas eingeschränkt; die einzigen nationaldeutschen Kreise, die mit Juden allenfalls noch verkehren, haben sich im Verband nationaldeutscher Juden gesammelt. Aber sonst ist alles herrlich eingerichtet. Der Zionismus hat sogar entscheidende Erfolge errungen: Zionismus ist kein Verbrechen mehr. Die gute Gesellschaft ist daran, den Zionisten zu rezipieren. Nicht ganz vorbehaltslos gerade, wenn man ihm auch manches Lob und jene mit einer kleinen Infamierung verbundene Bewunderung zollt, die früher die bürgerliche Welt für Dichter, Maler oder Schauspieler übrig hatte. Aber so beginnt jede Emanzipation und wer weiß, was uns noch alles gelingen wird, wenn wir die hohen Erwartungen erfüllen, die man in unsere Tätigkeit im Dienste der mancherlei jüdischen Institutionen setzt, denen wir führend angehören dürfen. Tatsächlich ist der rauhe Ton des Kampfes um die jüdische Seele, der Auseinandersetzung über das Wesen des Judentums verschwunden. Mußte aber deshalb dieser Kampf, diese Auseinandersetzung gleich mit verschwinden? Du weißt, Mirjam, wie wir einst um jeden jüdischen Menschen rangen, jeden zu überzeugen, zu bekehren suchten. Hat man keine Zeit mehr dafür? Manche erklären nicht werben zu können: sie hätten die Gründe ihrer zionistischen Überzeugung vergessen. Andere sprechen von hartem Existenzkampf, der alle Kräfte in Anspruch nähme, von individuellen Bedürfnissen, die vornehmlich zu befriedigen wären, oder von Verpflichtungen jener guten Gesellschaft gegenüber, die uns so freundlich entgegen käme. Darüber haben sie das Streben nach der etwas rauhbeinigen Gemeinschaft vernachlässigt, die ihnen eben noch einzig erstrebenswert schien. Dergleichen Stimmungen, solche Anpassung an eine eigensüchtige, Idealen feindliche Zeit gibt es auch bei unserer zionistischen Jugend. Ich denke, wie Ihr himauszogt — voller Hoffnung und doch, in eine unbestimmte Zukunft. Ihr gingt als wahre Pioniere, daß einige auch von Euch versagten, ist unwesentlich. Sie mögen zurückkehren, wir werden ihr reines Streben zu achten wissen. Wir werden durch schärfere Auslese, sorgfältigere Vorbereitung, tätigere Anteilnahme an Eurem Ergehen die Zahl der Nichttauglichen zu mindern, die Möglichkeit des Ausharrens zu vergrößern haben. Da gibt es aber heutzutage Viele, die glauben, grundsätzlich anders Vorgehen zu müssen wie Ihr. Sie haben sich gewiß eingehend mit allen Fragen beschäftigt, sicher die Rentabilität palästinensischer Unternehmungen, die Eignung westjüdischer Menschen für Palästinaberufe genau geprüft. Sie haben erkannt, wie schwer eine Existenz, wie die Eure ist, wie unsicher die Chance der Ansiedlung, wie groß die Verantwortung derer, die eine begeisterte Jugend in ein unwirtliches Land schicken, ohne ihnen versprechen zu können, daß sie in absehbarer Zeit sich in zwar primitiven aber doch1 einigermaßen gesicherten Verhältnissen befinden wird. —. Und doch macht es traurig zu sehen, wie leicht unsere besten Menschen bereit sind. Eurem Vorbild zum Trotz zu glauben, der breite, bequeme, gewohnte Weg