Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 15 (14.4.1922)
- Date
- 1922-04-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Kummer 15_ 14. Äpril 1922 9. Jahrgang Leschonoh Habooh Von Meer zu Meer, über Berg und Tal klingt alljährlich in gleicher Stunde ein sehnsuchtsvoller Ruf: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Jahraus, jahrein mit der Regelmäßigkeit einer unversiegbaren Naturkraft kehrt er wieder. Jahrtausende haben ihn gehört; in Millionen von Herzen, die einst gepocht und die noch jetzt pochen und schlagen mit dem Schlage der Zeit, hat er gelebt, als Wunsch, als dürstendes Verlangen, als heimliche, aber umso lebendigere Hoffnung, bevor er zum Wort wurde, das in die Welt hinausflog... Alljährlich um dieselbe Stunde sammelten sich die Zerstreuten und die Verirrten, näherten sich einander und umschlangen sich brüderlich im allgewaltigen Wunsche, der in ihrem Herzen schlummerte. In dem Rufe des Wiedersehens, der nahen Erfüllung zitterten alle Töne des verlebten Lebens mit, des Lebens, das ist und das nicht mehr ist. Es ist der Ruf des Blutes, — die Sehnsucht eines lebendigen Volkes. Jedes Geschlecht und jede Zeit hat diesen allerinnersten Seelenwunsch mit verschiedenen Nebenfarben umgeben und geziert. Wie ein Bild, das, ewig bleibend, immer aufs neue umrahmt und geschmückt und auch verschieden gedeutet wird... Nicht in all den langen Jahren des Lebens des jüdischen Volksschmerzes klang der Wunsch nach endlichem Freiwerden in gleicher Weise, mit gleicher Kraft. Gar oft änderte sich sein Klang, — weil die Töne des Lebens ihn übertönten, ihn übertüchten. Manchmal nahm das Ideal des Volkes die Gestalt der mystischen Sehnsucht nach dem „Jerusalem von oben“ an, manchmal klang es wie ein Kampfruf für die Zukunft der Menschheit. Immer für die Zukunft — und nur selten galt der Ruf dem Leben von heute, dem Kampfe des nächsten Tages. Nie griffen Wirklichkeit und Ideal des jüdischen Volkes ineinander. Sie gingen verschiedene Wege. Und deshalb blieben beide nur Schein, nicht volle Wirklichkeit — das Leben — ein Halbleben, das Ideal — ein Wortideal! Und wiederum erklingt das alte Wort, — die Geisterstunde kehrte wieder. Aber das Wort ist Wirklichkeit, die Sehnsucht Tat geworden. Für uns, die wir mit Liebe und Hingebung das alte Wort der Väter hinausjauchzen, ist es kein Wort mehr. Nicht bloß von einem Passahabend zum andern wacht es in uns auf, — es lebt in uns, und wir leben darnach. Jeder Schritt unseres Lebens ist zu diesem Ziel der Jahrtausende gerichtet, denn es ist auch unser wirkliches, lebensvolles Ziel geworden. Mit der ganzen Stimmung der neuen Menschen, der kämpfenden und rücksichtslos strebenden, nähern wir uns diesem Ziele — und wollen die Sehnsucht des Volkes zum Dasein des Volkes machen. — Nächstes Jahr in Jerusalem! rufen wir den Zerstreuten und Verirrten unseres Volkes zu. Und unser Ruf ist wie ein Lied der Deborah, ein Lied des mutigen Kampfes! Welz mann in Rom Audienzen beim italienischen König und im Vatikan Rom. (J. C. B.) Am Sonnabend, den 1. April, empfing König Viktor Emanuel II. den« Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann in einer Audienz, welche dreiviertel Stunden gedauert hat. Während des Gespräches bekundete der König großes Interesse für alle Palästina betreffenden Fragen, sowie für die Lage der Juden in Rumänien, Polen und Rußland. Am Sonntag, den 2. April, besuchten Dr. Weizmann und der Sekretär der italienischen Föderation, Dr. Dante Lattes, den Kardinal-Staatssekretär GasparrL Der Kardinal erklärte, weder der Vatikan noch er persönlich seien gegen die Errichtung einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina, solange die Interessen der anderen Religionsgemeinschaften im Lande geschützt sind und die Juden keine bevorzugte Stellung einnehmen. Der Kardinal drückte jedoch seine Unzufriedenheit über den § 14 des Palästina-Mandats (Regelung der Verwaltung der heiligen Stätten), sowie über einige andere Punkte des Mandats aus. Die Audienz dauerte eine halbe Stunde.— J. C. B. Während seines Aufenthaltes in Rom hat der Präsident der zionistischen Organisation, Dr. Chaim Weizmann, eine vielseitige Tätigkeit entwickelt. Wie es heißt, hat er eine große Anzahl Mitglieder des italienischen Senats und der italienischen Kammer, ebenso viele Industrie- Magnaten dafür gewonnen, daß sie sich an der Arbeit für den Keren Hajessod beteiligen. Voraussichtlich wird als Resultat dieser Besprechungen ein überparteiisches Keren Hajessod-Komitee für Italien gegründet werden, welches auch viele Nichtzionisten zu seinen Mitgliedern zählen wird. Zu Beginn dieser Woche empfing Dr. Weizmann Vertreter der gesamten hiesigen Presse. Die Zeitungen widmen der Person und der Tätigkeit Dr. Weizmans große Aufmerksamkeit. Dr. Weizmann besuchte auch viele hervorragende italienische Politiker und Publizisten, so u. a. den Minister für die Kolonien Professor Armendola, den früheren Minister Senator Ruffini und den früheren Minister, jetzigen Deputierten die Cesaro, ferner auch den Sekretär der Katholischen Volkspartei Populari Don Szurzo- —