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Das jüdische Echo · 1922-03-31 · 13 (31.3.1922) · p. Seite 167

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
13 (31.3.1922)
Date
1922-03-31
Page
Seite 167 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 13 31. März 1922 9. Jahrgang Antisemitismus und kleine Gemeinden Man hat sich oft gefragt, weshalb die moderne jüdische Bewegung in den kleinen Gemeinden Süddeutschlands nur so geringe Fortschritte macht. Doch wohl deshalb, weil die jüdischen Menschen dort ganz eingesponnen sind in das Leben ihrer Umgebung, fest verwurzelt in einem Lande, das Juden seit einigen hundert Jahren bewohnen. „Es gibt hier keinen Antisemitismus“, wird einem immer wieder entgegengehalten. — Man lebt ja mit seinen Nachbarn auf Du und Du, kennt sie von klein auf, weiß Anteil nehmend von allen Ereignissen in ihrer Familie. Man kauft bei ihnen und verkauft ihnen; mit den Bauern der Nachbarschaft hält man guten Umgang, und heißt man auch gewöhnlich „der Jud“, so hat dies Wort weder einen spöttischen noch einen gehässigen Klang; es liegt etwas von einer selbstverständlichen Feststellung darin; es bedeutet nichts weiter als eine Artbezeichnung. Die Juden auf dem Lande und in den kleinen Städten in Bayern hatten daher allen Grund, sich sicher und geborgen zu fühlen; freilich keinen, die Fäden zur großen jüdischen Welt fast ganz abreißen zu lassen, die Beziehungen zum geistigen Judentum und zum politischen Sein der Judenheit zu vernachlässigen. Tatsächlich ist das jüdische Leben in den kleinen Gemeinden im Verdorren; oft reicht es nicht einmal zur mechanischen Befolgung des Religionsgesetzes. Die Landflucht tut das ihrige; die ererbten jüdischen Institutionen kann oder will man vielfach aus Geldmangel oder aus Interesselosigkeit nicht weitererhalten. Kurz, das Judentum auf dein Lande ist im ersten oder schon im zweiten Stadium der Auflösung. Diese Menschen nun, die so gern bereit und wohl auch im Stande wären, ihre Besonderheit zu vergessen, trifft der Antisemitismus mit all seiner Wucht. Es scheint, daß die Welle des Judenhasses in den Städten für den Augenblick im Abebben ist; desto heftiger ergießt sie sich über das Land. — Liegt da zwischen Nürnberg und Würzburg ein hübscher kleiner Platz, Neustadt an der Aisch. Die Judengemeinde dort hat sich immer sehr wohl gefühlt, sich durchaus sicher vor antisemitischen Angriffen gewähnt. Dementsprechend war Neustadt für alle jüdischen Bestrebungen der bekannte „steinige Boden“. Am Sonntag, den 26. März, fand nun dort die schon lange ängstlich erwartete antisemitische Versammlung statt. Trotz oder wegen schwächlicher und ungeschickter Gegenagitation war der größte Saal des Städtchens überfüllt. All die lieben Nachbarn, all die guten Freunde waren gekommen; nur die Juden, die sich so sicher gefühlt hatten, waren bis auf wenige Ausnahmen zu Haus geblieben und saßen dort in der Stimmung, die wir bei unseren Verfahren etwa zu Hamans Zeiten voraussetzen dürfen. Der antisemitische Redner, der berüchtigte Streicher aus Nürnberg, der sich, mit dem wegen Sittlichkeitsverbrechens zu Gefängnis verurteilten Nast anscheinend in die Führung der mittelfränkischen antisemitischen Gruppen teilt, hielt eine mehrstündige Rede, die alles, was man von antisemitischen Agitatoren in größeren Städten gehört hat, an Roheit bei weitem übertraf. Alles, was er sagte, war geschickt, wohlberechnet, auf eine ländliche Zuhörerschaft eingestellt. Ich habe, mit einer Art naturwissenschaftlichen Interesses, den Mann betrachtet. Ein mittelgroßer, stämmiger Bursche, ausdrucksloses Spießbürgergesicht, irgendwie ans Ausland gemahnender Dialekt. Wollte man seinen Theorien folgen, so wäre Grund vorhanden, an seinem Körper nach dem bekannten Mongolenfleck zu suchen: Die Deutschheit dieses Oberdeutschen scheint — er selbst sagt, daß der Körper Ausdruck der Seele sei — nicht unzweifelhaft: Gleichviel. Aber seht ihn reden: er spricht „mit de Händ“, der ganze Körper wirft sich in jedes Wort; sagt er gar „Jude“, so rötet sich seine Glatze, kriegerisch sträuben sich die Schnurrbartspitzen, die feisten Backen des, wie er selbst sagt, notleidenden, vom Verkauf seines Hausstandes lebenden Mittelständlers blähen sich auf und Lippen, Zunge, Gaumen, alles zugleich formt einen Laut des Abscheus, des Zorns, der Furcht, der Verachtung, so wohl einstudiert, so gut berechnet, daß alles im Saal von gleichen Regungen gepackt wird. Und mit diesem Wort hämmert er immer wieder auf seine Zuhörer, hämmert er den Beifall aus ihnen heraus, den Haß in sie hinein. Was er sagt, ist fast gleichgültig; interessant ist, wie er es sagt. Seine Redeweise ist derb, oft schwülstig pathetisch, voll Pose, manchmal voll einstudierter schmieriger Rührseligkeit und Weichheit. Gelegentlich schwelgt er in der Beschreibung schmutziger geschlechtlicher Vorgänge: so packt er das Interesse. Im übrigen sieht er, wie der Betrunkene, weiße Mäuse, überall und überall Juden: Verjudet alle Parteien, die nationalen und die linksstehenden, alle Zeitungen von Juden bestochen. Zu 60% verjudet der deutsche Adel, ein Jude Kaiser Wilhelm II., das alte Regime eine Judenherrschaft genau wie die Judenrepublik von heute. Deutschland in Not? Aber nicht Frankreich sei der Feind des deutschen Volkes, sondern die Juden, die Frankreich, ja die Welt unterdrücken wie Deutschland; drei jüdische Generale ständen mit Negertruppen am Rhein, um mit ihnen demnächst die armen Deutschen abzuschlachten, danach vielleicht die ebenso armen Franzosen, wie es die Juden zu Esthers Zeiten mit den Persern, heut mit den Russen getan hätten. Vorher aber solle Deutschland widerstandslos gemacht werden. Durch Schändung deutscher Mädchen, durch jüdischen Umgang mit Deutschen werde eine Bastardierung des Deutschtums erreicht, die seinen Untergang zur Folge haben müsse. Hier versenkte sich der Redner schmatzend, mit sichtbarem Behagen in geschlechtliche Einzelheiten; der ganze Kerl lebte auf, und es war fast sichtbar, wie seinen Anhängern das Wasser im Munde zusammenlief. — Dann aber kam, bejubelt, das Parteiprogramm: Schließt euch zusammen ihr judenverhetzten Völker Europas zu einer neuen Internationale und macht die größte, endgültigste, furchtbarste und fruchtbarste Weltrevolution: die gegen Juden, Bastarde, Judengenossen. England, Frankreich, Deutschland, Rußland — eine Gemeinschaft gegen die Judentyrannei. Dann kommt der blutrote Tag der Befreiung.

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