Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 12 (24.3.1922)
- Date
- 1922-03-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jttdische Echo Nummer 12_ 24. März 1922 9. Jahrgang Klamauk und Hetz Fünfhundert „Halbstarke“ ziehen mit einer schwarz weißroten Fahne durch halb Berlin, drängen sich der großen Mittelstandsversammlung, die am 12. März im Lustgarten tagte, auf und wenden sich von der Entrüstung zahlreicher Versammlungsbesucher verscheucht jenen heiteren Gefilden des Berliner Westens zu, auf denen an sonnigen Sonntag-Vormittagen und wohl auch sonst die selbst heut noch nicht kleine Schar derjenigen zu lustwandeln pflegt, die nicht säen und nicht ernten und doch überreichlich genährt zu sein pflegen. — Man ist in Berlin ziemlich neugierig auffallenden Erscheinungen des Straßeniebens gegenüber und pflegt irgendwie Komisches recht genau zu betrachten. Ich glaube also kaum, daß die fünfhundert Heldenjünglinge auf die promenierende jeunesse dores den Eindruck gemacht haben, wie Barquois Geist auf Macbeth; da man aber Eindruck machen wollte, erhob man ein gellendes Kriegsgeheul, das wahrhaft nationale Gesinnung mit dem Ruf „Nieder mit den Juden“ bekräftigen sollte. Ich weiß nicht, ob der Bummel auf Kurfürstendamm und Tauentzienstraße von besonders viel Juden besucht ist; es werden schon einige dabei sein. Unsere tapferen Judenfeinde jedenfalls vermeinten hier die günstigste Gelegenheit zu unsterblichen Taten gefunden zu haben und machten sich sofort ans Werk: Was schwarze Augen und dunkle Haare hatte, wurde verprügelt; die elektrischen Bahnen, die Autos wurden angehalten und Passagiere, die jüdisch aussahen, herausgeholt und verprügelt; ach, es waren gar keine Juden, deren man habhaft wurde, sondern nur eine Anzahl Serben, Rumänen und sonstige Balkanier und daneben ein paar waschechte Deutsche, die vielleicht ebensogut wie irgendein Angehöriger des Germanenordens ihre Abstammung von Thor, seinen Böcken oder doch wenigstens von Wotans heiligem Eber hätten nachweisen können. Vielleicht ist die Tatsache, daß sich trotz liebevollster Auswahl unter den Verprügelten keine Juden befanden, bezeichnend dafür, daß der jüdische Einschlag auch unter diesem Publikum geringer ist, als man im allgemeinen, selbst unter Juden annimmt; vielleicht hält der Durchschnittsbürger, der sich mit Recht über mancherlei Häßliches ärgert, genau wie jene Radaubrüder jeden „anders“ Aussehenden für einen Juden undurteilt danach. — Gleichviel. Als unsere Demonstranten sahen, daß sie ihre recht tauglichen Mittel an untauglichen Objekten vertaten, begannen sie die Polizeibeamten anzugreifen, die sie aufforderten, auseinanderzugehen und sich bemühtem dem Unfug ein Ende zu machen. Die wüsten Szenen, die sich nun ereigneten, werden für die Beteiligten unangenehme Folgen haben, denn den Verhafteten steht Anklage wegen Landfriedenbruchs, Widerstands, Beleidigung und anderer Delikte bevor. Auch die Lamentationen der „Deutschen Zeit“, die zu behaupten wagt, daß diese als Frontsoldaten auffrisierten Sechzehn-Achtzehnjähirigen — ihr Fahnenträger war ein halbwüchsiger Friseur — von dem Publikum, ausgerechnet von diesem Publikum! angegriffen worden seien und sich nur gewehrt hätten, werden sie vor der Strafe nicht retten können. Der Berliner bezeichnet Auftritte wie den eben geschilderten weniger schön als treffend mit dem Dialektwort „Klamauk“. Wir in Bayern erinnern uns gleich, daß auch wir an „Klamauk“ keinen Mangel haben; nur klingt uns das Wort „Hetz“ vertrauter. Wir denken an jene uns aus alter Gewohnheit beinahe lieb gewordenen roten Plakate, auf denen Herr Hittier seine lieben Münchener zu den Versammlungen einläd, zu denen Juden keinen Zutritt haben. Herr Hittier ist Österreicher, Ausländer, und vor kurzem zu mehrmonatlicher Gefängnisstrafe verurteilt worden, für deren größten Teil ihn freilich die wahrhaft mütterliche Güte der bayerischen Justiz Bewährungfrist gewährte. Man denke, was einem ausländischen Juden geschehen wäre, wenn er einen Beamten der Münchener Polizeidirektion auch nur schief angesehen, wenn er auf der Straße auch nur den kleinsten Auflauf verursacht hätte! — Nun, auch im Falle Hittier läßt die bayerische Regierung nicht mit sich spassen; sie zieht seine Ausweisung in Erwägung. O möchten doch diese Erwägungen noch recht lange währen, möchten sie doch, wie es die Münchener Zeitung ersehnt, dahin führen, daß uns dieser wahrhaft national empfindende Mann erhalten bleibt! Wir könnten weit eher den Generalmusikdirektor Walter, den Juden, entbehren, als jenen einzigen Mann, der neben Fasching, Salvatorausbruch und Oktoberfest so getreu dafür sorgt, daß die Hetz in München nimmer ausgeht. Wir Juden sollten solchen nicht gerade weltbewegenden Ereignissen mit einer gewissen Gelassenheit Zusehen. Sie sind ganz erheiternd — freilich bleibt als bitterer Nachgeschmack das Bewußtsein, daß meist wir die Objekte der süddeutschen „Hetz“ oder des norddeutschen „Klamauk“ sind. Diese Erkenntnis könnte, wären wir zu unbefangenem und unvoreingenommenem Nachdenken geneigt, zu der nützlichen Folgerung führen, daß die Bekämpfung des Radauantisemitismus und der ernster zu nehmenden Wühlarbeit großer Interessentengruppen, nicht Sache einzelner Menschen oder historisch noch so berechtigter Organisationen sein dürfte, sondern die der ganzen deutschen Judenheit. Diese Einsicht ist freilich augenblicklich noch nicht Allgemeingut geworden; sie wird es werden, wenn die Judenheiit anfangen würde, nach dem Wesen des Judenhasses zu forschen, dessen Symptome ja immer nur Erscheinungen wie die oben geschilderten sind. Die Sitzung des A."C. in Berlin Berlin, den 15. März 1922. Die Sitzung des Aktions-Comites wurde Mittwoch, den 15. ds. Mts., 4 Uhr nachm., eröffnet. Folgende Herren sind anwesend: Von der Exekutive die Herren Weizmann, Lichtheim, Motzkin, Soloweitschik, Judge Rosenblatt; vom Finanz- und Wirtschaftsrat die Herren Naiditsch und Dr. Barth; vom Aktions-Comite Dr. Chajes, Dr. Hantke, Dr. Jacobson, Grünbaum, Dr. Reich, Rosoff, Blumenfeld, Struck, Lewin-Epstein, Farbstein, Rabbiner Rubinstein, Kaplan, Dr. Abr. Katzeneisohn, Twersky, Mereminsky, Rubaschow.