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Das jüdische Echo · 1922-02-10 · 6 (10.2.1922) · p. Seite 78

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
6 (10.2.1922)
Date
1922-02-10
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Das Jüdische Echo Nr. 6 Schnitzler und Felix Salten, Hugo Salus und Peter Altenberg sind die Dichter, welche das, was der Tag selbst dichtet, nachzuempfinden am besten verstanden haben — schön und vergänglich wie die Dinge selbst sind jene, welche Feuilletons schrieben, als man hier vom Feuilletonismus, der in romanischen Ländern, in Ungarn und Dänemark längst Blüten und Früchte trug, achselzuckend nichts wissen wollte . . . Und noch einer gehört dazu: Alfred Kerr, „der als Dichter ein Kritiker, als Kritiker ein Dichter ist und einer ganzen Generation das Gehen beibrachte“. Seine kurzen und prägnanten Ausführungen, alles sagend und alles erläuternd, in ein paar Sätze zusammengefaßt, können auf ein Blättchen geschrieben werden: „Feuilleton“. Die beiden Seiten, die allwöchentlich in dieser Zeitschrift dem Feuilleton überlassen bleiben werden, sollen also sich mit der Schönheit befassen, mit der Kunst — ist das nicht dasselbe? — und mit der Kritik. So wollen wir, die wir an ditesem Feuilleton mitarbeiten werden, es halten. Jeder ist uns willkommen, der dabei zu sein wünscht: je jünger er ist, umso lieber, und je mehr Künstler, umso besser. Wir werden nicht fragen, ob die Mitarbeiter aus Ost oder West kommen, ob sie deutsch, jiddisch oder sonst irgendwie schreiben; die Aufsätze in dieser Zeitschrift werden weiterhin in deutscher Sprache erscheinen, wie bisher, da wir in einem deutschen Lande leben. Fragen werden wir nur nach dem Geiste: maßgebend wird die literarische Bewertung sein, immer nach Gerechtigkeit strebend und jeder Kritik Raum gewährend. Aber der Geist, in dem wir arbeiten wollen, soll der Geist des Judentums sein: und dieser liegt nicht in Stoff oder Sprache, in Milieu oder Form: dieser ist das Glühen der Dichtung. Für die Kunst von Juden, für ihre Darstellung und Beurteilung sollen diese Blätter offen stehen. Dt. Jo Lherman. Gedichte deutscher Juden MAX BROD / Weltgeschichte Der Menschheit blutgedüngtes Saatenfeld Hab ich durchwandert mit entsetzten Augen. Was können wir, die jimgen Halme, taugen. In so verfluchte Furchen hingestellt! Kann mildre Regung nun die grüne Welt Aus diesem Boden in die Wurzeln saugen! Verdorrt Gebein, genäßt mit Tränenilaugen, Durchwiihlt der Pflug, der in die Scheunen fällt. So haben sie’s getrieben, Millionen, Wie sie der Erde Schoß seit je gebar. So treiben sie’s, die heute sie bewohnen. Und eines dünkt mich da nur sonderbar: Daß sich die Niedertracht in Kampf Äonen Nie selbst zu Ende auffrißt ganz und gar. (Aas „Das gelobte Land“, Wolff-Verlag 1917) ALBERT EHRENSTEIN / Bitte Mein Leben hängt Von Nacht zu Nacht, Von Schlaf zu Schlaf, Von Traum zu Traum. O, rafft mich nicht Aus mir empor. Ich bin, ich bin im Schlaf s© froh. (Aus „Die Gedichtet*, Stracke-Verlag 1921 HEDWIG LACHMANN / Erwartung Eine Mutter denkt: Kind in meinem Schoß! Wie mein Blut dich tränkt. So wächst dir ein Los. Eine Mutter denkt: Kind aus meinem Schoß! Nun du mir geschenkt. Wächst in dir mein Los. Eine Mutter denkt: Kind in meinem Schoß.... Mas „Gesammelte Gedichte“, Kiepenhauer-Verlag 191 ELSE-LASKER-SCHÜLER / Das Lied meines Lebens Sieh in mein verwundertes Gesicht... Tiefer beugen sich die Sterne, Sieh in mein verwandertes Gesicht, i Alle meine Blumenwege Führen auf dunkle Gewässer, Geschwister, die sich tödlich stritten. Greise sind die Sterne geworden ... Sieh in mein verwandertes Gesicht. (Aus „Gesammelte Gedichte“ WoIff-Verlag 1919) JO LHERMAN / Unrast der Wünsche Sie sind wie weinende Kinder mir immer Zur Seite geblieben und haben die heißen, Unsteten Hände in meine gelegt... Und haben mit ihrem Quälen mir immer Die zitternden Knie wieder bewegt... Mit ihrem geißelnden Wechselsinn Nach anderen Sternen und Meeren zu reisen, Der ewigen Sehnsucht: dort will ich hin! (Aus „Erotikon“ Reissner-Verlag 1919) HUGO SALUS / Glühende Wogen Meine Verse kommen wie rollende Wogen Aus der brausenden Flut meiner Leidenschaft An den weißen Strand meiner Liebe gezogen. Zeile an Zeile in schäumender Kraft Rollen sie her, du Venus am Strande, Durch deine Nähe emporgestrafft, Donnern sie her zum dröhnenden Lande Und verschäumen schmeichelnden Schaums Vor deinem Knöchel im durstigen Sande. Göttin du meines glühenden Traums... (Aus ,JJeae Garben“, Langen-Verlag 1904) LUDWIG ST RAU SS / Quell der Frühe Aus langen Küssen, trunknein Ringen Das Schweigen steigt durch dämmernd weiße Linnen. Die nicht mehr übertönte Quelle spricht: Von frühen Wassern leises, ewiges Singen. Wie die Bewegung uns in Knien und Kinnen Verspinnt in ein erblindend süß Gesicht! Ich fühle die gewölbte Seele innen Von Dingen leer und ganz erfüllt von Licht. (Aus „Die Flut“, Weih Verlag 1921) FRANZ WERFEL / Lied Ach, es ist nicht gut zu sagen. Denn wer sagt, versagt. Könnten wir den Schwall ertragen, Wär er Baum, der ragt. Alle Wesen — Augenabend — Kommen wie die Hirschkuh trabend, Lehnen zart das Innig-Scheue Ihres Haupts an unsre Atemtreue. Aber wir ein schwarzer Samen, Lügner, die zu Worte kamen, Tatlos Täuscher, Tuer, Täter, Weltzernenner, Weltverräter Morden Gott und uns mit Namen Namen. {Aus „Der Gerichtstag**, Wolff-Verlag 1917)

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