Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 5 (3.2.1922)
- Date
- 1922-02-03
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 4 27. Januar 1922 9. Jahrgang Der Untergang der bayerischen Juden Dr. Felix A. Theilhabers Buch vom .Untergang der deutschen Juden*) ist soeben in zweiter Auflage erschienen; man erinnert sich des Aufsehens, das seine Veröffentlichung dereinst gemacht hat. Der Verfasser hat inzwischen seine Zahlen überprüft und neue Erfahrungen gesammelt; aber, seine Prognose ist nicht günstiger geworden. Er malt ein Bild des heutigen Judentums in Deutschland; es trägt deutlich die Züge fortschreitender Auflösung. Der jüdische Volkskörper ist. in Zersetzung; an Stelle des Ghetto von vorgestern, der Kleingemeinde von gestern ist die Großstadt mit all ihren nivellierenden Einflüssen getreten; an Stelle einer stammesbewußten, in religiös gebotener Inzucht lebenden, gesetzestreuen Gemeinschaft Taufe und Mischehe. Sexuelle Gesundheit, urjüdische Freude am Kindersegen hat dem Zwei- oder gar Einfcindersystem Platz gemacht; an Stelle der Fi;ühehe trat Ehescheu; die Zerrüttung des Familienlebens, die Zügellosigkeit der Geschlechter hat zugenommen und beeinträchtigt die Erhaltung des Ganzen. Wäre nicht die starke Zuwanderung aus dem Osten, bliebe nicht ihre Sterblichkeitsziffer unter dem Durchschnitt, niemand würde mehr am schließlichen Untergang der deutschen Juden zweifeln. Das bayerische Judentum vor allem sollte ernsthaft an die Prüfung seiner gegenwärtigen Lage gehen. Bis vor gar nicht langer Zeit befand es sich in einer recht günstigen Lage, die es seiner eigenartigen historischen, sozialen und ökonomischen Struktur zu danken hatte. In Bayern gab es bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ein lebenskräftiges Landjudentum. Den beiden einzigen Großgemeinden, München und Nürnberg, standen zahlreiche mittlere und kleine Gemeinden gegenüber, die alle doch groß genug waren, um Träger blühenden jüdischen Lebens zu sein. Heute sind viele dieser Kleingemeinden verschwunden oder zu Zwerggemeinden geworden, deren wenige Familien nichts zur Befriedigung notwendigster jüdischer Bedürfnisse tun können. Keine organisatorische und finanzielle Hilfe von außen, keine Maßnahme des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden wird auf die Dauer die Folgen dieser langjährigen Entwicklung abwenden können. Die Existenz der bayerischen Juden ist, die Ziffern Theilhabers beweisen es, zweifellos gefährdet. Ihre Zahl ist im Abnehmen: sie betrug im Jahre 1840: 59 168, im Jahre 1910: 55 069 Seelen, ln der gleichen Zeit hat sich die Zahl der Nichtjuden stark vermehrt. — Es ist zu erwarten, daß die heut bestehende Einwanderungssperre für Ostjuden in Verbindung mit d'en zahlreichen Ausweisungen sehr bald diesen Rückgang der jüdischen Bevölkerung noch erkennbarer machen wird, zumal vor dem Krieg Bayern eine erhebliche jüdische Einwanderungsziffer hatte; von der nichtjüdischen erwerbstätigen Bevölkerung waren damals nur 5% im Ausland geboren, gegen 29,5% bei den Juden! *) Zu haben in der „Ewer“-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. Wie schnell die Zerstörung des bayerischen Landjudentums vor sich geht, beweisen folgende Zahlen, die freilich ein entsprechendes Anwachsen der jüdischen städtischen Bevölkerung erkennen lassen: Oberbayern (München) hatte gegenüber dem Jahre 1895 itm Jahre 1910 einen jüdischen Zuwachs von 4214, Mittelfranken (Nürnberg) einen solchen von 1928 Köpfen. Alle anderen Regierungsbezirke außer Niederbayern, das eine unerhebliche Zunahme aufweist, also Unterfranken, Rheinpfalz, Schwaben, Oberfranken und Oberpfalz hatten teilweise sehr erhebliche Einbußen erlitten. — Davon blieben selbst recht bedeutende Gemeinden nicht verschont. So verminderte sich die jüdische Bevölkerung Fürths von 3017 auf 2826, Würzburgs von 2567 auf 2514, Kaiserslauterns von 741 auf 726, Landaus von 874 auf 785, Regensburgs von 571 auf 493, Speyers von 520 auf 478 Köpfe. Bamberg blieb seit 1880 stationär. Das Anschwellen der jüdischen Bevölkerung der beiden Großgemeinden München und Nürnberg, das, wie an gedeutet, zum Teil auf ostjüdische Einwanderung zurückzuführen ist, bedeutet diesen Verlusten gegenüber umso weniger einen Ausgleich, als sich die der jüdischen Gemeinschaft schädlichen Folgen des Großstadtlebens sehr schnell zeigten.^ Das Fortschreiten der Assimilation in beiden Städten ist ein rasches und gründliches; auch die Ostjuden unterliegen ihr erfahrrungsgemäß in merkwürdig kurzer Zeit. Die Folgen sind dieselben wie überall; zu den gefährlichsten zählen wir den zunehmenden Geburtenrückgang, über den folgende Tabelle Rechenschaft gibt: Es kamen in Bayern: 1891/95 auf 364 jüd- Eheschliessungen 1093 Geburten 1896/00 „ 392 „ „ 977 1901/05 „ 427 „ . 934 1906/10 „ 388 „ * 873 1913/14 , 384 , * 738 Auf eine jüdische Eheschliessung kamen also: 1891/95 3,0 Geburten 1896/00 2,5 1901/05 2,25 1906/10 2,15 1912/13 1,9 Einen Überblick über die Fruchtbarkeit in Stadt und Land gibt folgende Statistik: Danach gab es Geburten: Jahre in größeren Städten im übrigen Land Summa 1891/95 488 595 1083 1897/00 496 470 966 1901/05 473 460 933 1906/10 460 374 834 1912/13 444 294 738 1917 216 118 334 Theilhaber fügt hinzu, daß sich seit 1879 die Zahl der Juden in den bayerischen Großstädten mehr als verdoppelt habe. Dementsprechend habe