Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 3 (20.1.1922)
- Date
- 1922-01-20
- Page
- Seite 38 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Das Jüdische Echo Nr. 3 Schabbes nicht eine Zeile schrieb. Alle Lehrer — mit der einzigen Ausnahme des Turnlehrers — waren seines Lobes voll. Hatte sich ein anderer Schüler schlecht vorbereitet oder wurde er auf irgend einer Unart betroffen, so bekam der Sünder unweigerlich zu hören: „Warum kann der Vogel seine Wörter wie am Schnürchen?“ oder „Warum macht der Vogel keine solchen Lausbiibereien?“ Kurz: der Vogel war ein Musterknabe. Dabei war er ein echter Jude. Wenn einer auf das Judentum schalt, was nicht selten vorkam, so verteitigte es der Vogel mit orientalischer Leidenschaftlichkeit. Grund genug, daß ihn die Mehrzahl seiner Mitschüler aufs tiefste verachtete: ein Streber und ein jüdischer Streber noch dazu! Solch ein Schwein! Da war der Tal heim er ein anderer Kerl! Der war niemals.ordentlich vorbereitet und bekam in sämtlichen Fächern bestenfalls seinen Dreier, obwohl er sogar an den höchsten jüdischen Feiertagen nie eine Schulstunde versäumte. Dem Talheimer konnte das Judentum gestohlen werden. Sein Ehrgeiz war, daß man es ihm „nicht ansah“. Er ging mit Vorliebe in Jägersche Normalwolle gekleidet und trug eine Matrosenmütze auf dem Kopf, auf welcher stand: „S. M. S. Hohenzolle/rn“. Der Bockei sah es dem Talheimer freilich trotzdem an. Er entwarf während der Liiviusstunde eine Porträtstudie von ihm, über die man sich nach allgemeinem Urteil der Klasse schief lachen konnte. Der Talheimer hätte ihn dafür ohne Zweifel tüchtig verhauen, wenn der Bockei nicht zu seinem Heil der Sohn des Klassenhauptlehrers gewesen wäre. Unter so bewandten Umständen zog es der Talheimer vor, den Bockei mit Mandeln und Rosinen zu bestechen, die er aus dem väterlichen Spezereiladen gestohlen hatte. Der Bockei schwur feierlich, den Talheimer n i e mehr zu karrikieren und, da er ein leidenschaftlicher Mandeln- und Rosinenesser war, hielt er auch seinen Schwur. Er übte seine Kunst seitdem nur noch zum Nachteil des Vogel. Mit der Zeit erwarb er eine wahre Virtuosität als Vogelmaler. Er stellte ihn am liebsten in der Gestalt eines Marabu dar mit dem Motto: „Nicht reizen! Vogel ist bösartig!“ Die Klasse brüllte vor Vergnügen, wenn sie sich am Anblick dieser Kunstwerke ergötzte. Jeder behauptete, den Primus allein schon an seinem wohlgetroffenen Schnabel deutlich wieder zu erkennen. Der Fuchs, der die Bockelschen Blätter mit Liebe sammelte, legte eines Tages dem Vogel sein Album vor, und fragte ihn vor der ganzen Klasse, was er dazu sage. Der Vogel sah sich die Karrikaturen mit der Miene eines Naturforschers an, der das Gewölle eines Aasvogels untersucht. Dann sagte er, die Zeichnungen schienen ihm die Gehässigkeit des Künstlers besser zum Ausdruck zu bringen, wie die Häßlichkeit des dargestellten Tieres. Vielleicht wäre aber ein gutes Geschäft damit zu machen, wenn man einen tüchtigen Verleger dafür finden könnte. „Fein! Gut hat ers dem Bockei gegeben“, erklärten darauf einige, die den Vogelmaler nicht leiden konnten. Der Bockei aber war wütend. Er war im seiner Künstlerehre gekränkt und beschloß, sich furchtbar zu rächen. Den Vogel eigenhändig zu verprügeln, fühlte er sich nicht stark genug, da dieser erfahrungsgemäß i!n der Abwehr eine Körperkraft und eine Ausdauer zu entfalten pflegte, die ihm seinem Äußeren nach niemand zugetraut hätte. Aber war nicht der Talheimer ein baumstarker Kerl, der jeden andern mühelos schmeißen konnte? Was hätte daher für den Bockei näher liegen können, als der Gedanke, das Geschäft, das er mit dem Vogel vorhatte, durch den Talheimer besorgen zu lassen? Der Talheimer zögerte indessen, den heiklen Auftrag anzunehmen. „Wenn Du den Vogel nicht verhaust“, drohte der Bockei mit der Unerbittlichkeit des kaltblütigen Erpressers, „so wirst auch D u wieder gezeichnet. Aber gleich wie zehn Juden, das sag ich Dir zum voraus!“ Dem Talheimer fiel das Herz in seine normalwollenen Trikothosen. „Wenn ich Dir aber eine große Schachtel voll Mandeln und Rosinen dafür gebe, daß ich den Vogel nicht zu verhauen brauche?“ suchte er in kläglichem Tone zu handeln. Allein dem Bockei war sein herrlich ausgedachter Racheplan nicht um den ganzen Spezereikram des alten Talheimer feil. „Der Vogel muß verhaut werden,“ beharrte er mit katonischer Strenge. „Er hat mich beleidigt.“ „Aber Du hast ihn ja zuerst beleidigt und er hat Dich doch auch nicht verhauen,“ wandte der Talheimer mit talmudischer Logik eiin. „Ja, weil er zu feig dazu ist,“ entgegnete der Bockei verächtlich. „Wer mich beleidigt, wird verhau t.“ „Gut, so verhau ihn nach Herzenslust,“ platzte da der Talheimer heraus, indem er mit einem plötzlichen heroischen Entschluß seine Sklavenfesseln zerbrach. „Aber verhau 'ihn selber. Was geht mich der Vogel an?!“ — „Wenn Du den Vogel nicht verhaust,“ zischte der Bockei mit grausamer Betonung jedes einzelnen Wortes, „so verrate ich noch heute meinem Vater, von wem der Saly Talheimer seine sämtlichen Mathematikaufgaben abschreibt.“ — „Was für ein hundsgemeiner Kerl!“ dachte der L. Kielleuthner ü 8 ö kgl. bayer. Hoflieterant 43 Maximilianstrasse 43 8 8 ö 8 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass