Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 90)
- Language
- German
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616 Das Jüdische Echo Nr. 48 Welt sah und sich ängstlich hütete, den amtlichen Ausdruck seiner Züge durch unvorschriftsmäßiges Mienenspiel zu verderben. Der ganze Mensch war wie aus Holz geschnitzt und sah in seiner Grandezza, die mit einem grünen Tirolerhütchen seltsam kontrastierte, mehr einem Sprossen des Herzogs von Alba ähnlich, als einem Nachkommen des Jsaak Mendez, der vor Jahrhunderten in Cordoba einen ansehnlichen Handel in arabischem Vollblut betrieben hat. Kein Wunder, also, wenn die Juden von Steinsfeld von dem ersten Eindruck wenig befriedigt waren. Dieser ersten Enttäuschung folgten indessen bald weitere. Der Landrichter Mendes lehnte die freundliche Einladung des Tierarztes und des Rabners, in ihrer Tarockpartie die Stelle seines Amtsvorgängers einzunehmen, mit höflicher Entschiedenheit ab und zog es vor, mit dem Revierförster und dem Rentamtsassessor Schafkopf zu spielen. Er ging auch weder in die Synagoge noch besuchte er einen jüdischen Geselligkeitsverein. Kurz: er ließ deutlich merken, daß es nichts gab, was ihn mit den Juden von Steinsfeld verbunden und zu ihnen hingezogen hätte. Er war ein durchaus gewissenhafter und rechtlich denkender Mann. Daß er an Strenge seinen Amtsvorgänger bedeutend überbot, hätte außer den Betroffenen selbst niemanden peinlich berührt, wenn nicht die Wahrnehmung zu machen gewesen wäre, daß sich diese Strenge gegen jüdische Sünder ganz besonders kehrte. Dieser Landrichter — das konnte ein Blinder sehen —■ ließ das Ghetto nicht als Milderungsgrund gelten, und hatte sein Amtsvorgänger die jüdischen Wucherer mit Geißeln geschlagen, so züchtigte sie der Landrichter Mendes mit Skorpionen. Immerhin: Dagegen war nicht allzuviel einzuwenden, wenn es auch nicht im Sinne absoluter Gerechtigkeit war; handelte es sich doch um Wucherer. Schlimmer war, daß Landrichter Mendes auch solche Leute wie Wucherer behandelte, die nichts weiter verbrochen hatten, als daß sie Händler und Juden waren. In einer großen Judengemeinde, wie es die Steinsfelder ist, bleiben die Spuren des Ghettos in der Sprache der Menschen länger haften als anderswo. Es war darum nichts Unnatürliches, wenn jüdische Parteien sich manchmal vergaßen und die deutsche Gerichtssprache mit irgend einem landfremden Ausdruck vermischten, wie er ihnen eben geläufig war. Auf solche sprachliche Entgleisungen reagierte der Landrichter Mendes mit einer ungeheuren Empfindlichkeit. Er rechnete sie den armen Leuten geradezu als Verbrechen an. Besonders konnte ihn der Gebrauch der in Steinsfeld noch sehr häufigen jüdischen Beteuerungsformel „ 0 s e r “ in Harnisch bringen. Als sich gar eines Tages eine Partei erkühnte, seiner wiederholten ernstlichen Rüge dieses Ausdrucks mit den Worten zu begegnen: „Herr Landrichter, ,Oser‘ sagt Schiltler“, nahm er sie in eine Ungebührstrafe von solcher Höhe, daß sogar einer seiner bäuerlichen Beisitzer meinte: „Herr Landrichter, ich an Ihrer Stell’ ließ die Judde redde, wie Ihne der Schnawel gewachse is.“ Dies war christlich gedacht. Allein Landrichter Mendes dachte in diesem Punkte absolut unchristlich. Diese Leute ließen alles Augenmaß dafür vermissen, wie die Art ihres Auftretens auf Nichtjuden wirken mußte. Es war doch elinleuchtend, daß jeder Verstoß gegen die Gesetze der Sprache genau so Wasser auf die Mühle der Antisemiten treiben mußte, wie jeder Verstoß gegen die Gesetze des Anstandes und gegen die Strafgesetze. Was nützte es, daß eitn Mann, wie er, der Landrichter Mendes, auch strengste Selbstzucht und absolut einwandfreies dienstliches wie außerdienstliches Verhalten die größten moralischen Eroberungen machte, wenn andere durch sträfliches Sichgehenlassen und Taktlosigkeiten aller Art das mühsam Gebaute wieder zerstörten?! Von solchen Erwägungen aus faßte es der Landrichter Mendes schon als einen persönlichen Affront auf, wenn eine jüdische Partei lebhafter gestikulierte, als er im Hinblick auf die Sachlage für angemessen hielt. Fiel sie vollends durch den Tonfall ihrer Sprache oder die von ihr gebrauchten Ausdrücke auf, so hatte der Landrichter Mendes die unabweisbare Empfindung: „Dieser Mann kompromittiert mich“ und wurde bei allem Bestreben, streng objektiv zu bleiben, ein Gefühl der Bitterkeit gegen den Betreffenden nicht los. Er schämte sich tief für ihn und ließ ihn seine Verachtung deutlich merken. So kam er, obwohl von den lautersten Absichten geleitet, nicht selten zu unangebrachten Härten und Schroffheiten, ja zu ausgemachten Fehlsprüchen gegenüber jüdischen Parteien und machte sich dermaßen unbeliebt, daß schließlich in der ganzen Judengemeinde zu Steinsfeld keiner war, der nicht dem früheren Landrichter den Vorzug vor ihm gegeben hätte, selbst diejenigen nicht ausgenommen, die sich früher über ungerechte Behandlung beschwert hatten., Unter diesen Umständen hielt es die Lützelburgische Staasregierung eines Tages sowohl aus allgemein politischen Gründen wiie ian Interesse der Rechtspflege für richtig, den alten Landrichter von Steinsfeld seinem gewohnten Wirkungskreis zurückzugeben, den Landrichter Mendes aber an einen Ort zu versetzen, wo es weder Mißstände i)m Pferdehandel noch mangelhaft assimilierte Juden gab.— „Nichts komischer als ein Jude, der jüdisches Wesen haßt“, meinte der Rabbiner von Steinsfeld, als er wieder mit dem Tierarzt und dem Landrichter beim Tarock im Cafe Germania saß. KRELI-UCKO AS HAU S mifchb W%|%VTHEATINERSTR 16 TELEFON 27831 — 32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNG MÄDCHEN-KONFEKT ION TEPPICHEN-GARDINEN-DECKEN N r. 48 Das Jüdische Echo 617 „Es gibt Ghettojuden, die den Ghettojuden verachten, ohne zu merken, wie tief sie selber noch im Ghetto stecken.“ — „Sagen Sie lieber: nichts tragischer“ verbesserte der Tierarzt. „Nicht selten endet der Konflikt ja auch so. Man hat Fälle von Melancholie, ja von Selbstmord erlebt, die einzig in diesem Konflikt wurzeln.“ „Ich finde den Fall tragikomisch“, vermittelte der Landrichter, indem er die Karten kräftig mischte. „Wie das ganze menschlich-unmenschliche Spiel überhaupt“ fügte er nachdenklich hinzu und ließ den Rabbiner abheben. — Personal» Professor Dr. David Hoffmann sei. And. Im Alter von 78 Jahren verschied am 20. November der Rektor des Berliner Rabbinerseminars, Professsor Dr. David Hoffmann. Mit ihm ist einer der wenigen hervorragenden Geistesheroen des deutschen Rabbinertums dahingegangen. Geboren in Ungarn als Sohn eines Dajan und Jeschiwahlehrers hat er schon frühzeitig Beweise seiner geistigen Begabung an den Tag gelegt. Nach Besuch verschiedener Jeschiwahs in Ungarn besuchte er die Universität in Wien um von da aus seine erste Stelle an der Präparandenschule in Höchberg anzutreten. Im Jahre 1869 sehen wir ihn in Berlin seinen Studien unter Esriel Hildesheimer s. A. obliegen; von 1871—73 wirkte er als Lehrer an der von Samson Raph. Hirsch s. A. in Frankfurt am Main begründeten Schule der Israelitischen Religionsgesellschaft. 1873 berief ihn Hildesheimer nach Berlin an das Rabbinerseminar, woselbst er bis ans Ende seine segensreiche Tätigkeit entfalten konnte. Nach dem Tode seines Lehrers wurde er zum Rektor des Seminars gewählt und auf diesem Posten kam seine hervorragende wissenschaftliche Bedeutung erst recht zur Geltung. Die jüdische Wissenschaft verdankt H. viele Schriften und Aufsätze; seinen Schülern war er ein ebenso guter Freund wie Lehrer. Was ihn besonders auszeichnete, war seine Toleranz und Friedensliebe, welche nur von seiner außerordentlichen Bescheidenheit übertroffen wurde. Auch die zionistische Bewegung verlor in ihm einen warmen Freund; der Kulturkommission des Misrachi übergab er eine seiner wertvollsten Arbeiten zur Veröffentlichung in hebräischer Sprache und gab auch für die Ausgestaltung der Bibliothek wertvolles Material. Mit Hoffmann, so schreibt die „Jüd. Presse“, ist der letzte der Kämpen aus großer Zeit dahingegangen. Unsere Hoffnung ist, daß er nicht der letzte dieser Streiter gewesen ist. Aus der jüdischen Welt Palästina. Weinbau in Palästina. Die „Handelsberichte der Vereinigten Staaten“ vom 24. Oktober enthalten einen bemerkenswerten Artikel von Addisen S. Southard, dem amerikanischen Konsul in Jerusalem. Southard schreibt u. a.: „Obgleich die Weinbereitung einen alten palästinensischen Industriezweig ausmacht, ist ihre gegenwärtige Blüte doch erst während der letzten 35 Jahre von jüdischen Kolonisten, die fremde Weine gepflanzt haben, erzielt worden. Palästinas Weinberge sind gesund und widerstandsfähig gegen Krankheiten. Das Zentrum der Weinindustrie ist die jüdische Kolonie Rischon-le-Zion, aber beträchtliche Mengen Weintrauben werden auch in den jüdischen Siedlungen Rechebeth, Petach - TikWah, Katrah, Sichron-Jakob und in der deutschen Kolonie Sarena gewonnen. Die palästinensische Weinernte beginnt etwa am 18. Juni und dauert 6 Wochen; die erste Ernte wird für herbe und die letzte und reifste für Süßweine benutzt.“ ( Ziko.) Mineralien in Palästina. In der „Zeitschrift für praktische Geologie“ wird1 auf die reichen Phosphat- und Asphaltlager in Palästina hingewiesen. Ein Mitarbeiter des Blattes hebt hervor, daß das Land sich auch als kräftige Quelle für Rohöl erweisen könne. (Ziko.) Eröffnung eines Landesmuseums in Jerusalem. Am 31. Oktober hat Sir Herbert Samuel im Jerusalemer Davidsturm das erste palästinensische Landesmuseum mit jüdischen und moslemitüschen Abteilungen eröffnet. Dr. Sloutch wurde von der Regierung zum Inspektor des jüdischen Departements ernannt. (Ziko.) Amerika. Die zionistische Delegation. Der zionistischen Delegation, die für die Sammlung des Keren Hajessod sich nach New York begeben hat, ward dort ein feierlicher Empfang zu teil. Es wurde ihr ein Bankett, an dem 1200 Personen teilnahmem, gegeben, dem der Vorsitzende des Aufbaufonds, Sam. Untermeyer präsidierte. In seiner Begrüßungsrede betonte er, daß Zionisten und Nichtzionisten, nationalistisch und nichtnationalistisch gesinnte Juden sich zusammentun müßten, um den Fonds zum Aufbau Palästinas zu sammeln. Der nächste Redner, Sokolow, wurde mit lebhaften Beifall begrüßt. Er sprach die Hoffnung aus, daß Palästina eine lebendige Bibel werden würde und erklärte, auf welchen Prinzipien der modlerne Zionismus begründet sei. Unter anderem sprach auch Professor Otto YVarburg. in englisch und deutsch, gab Einzelheiten 3 8 8 8 8 8 8 8 8 8 L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43 0 0 5 $ ö 0 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass