Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 88)
- Language
- German
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fil4 Das Jüdische Echo Nr. 48 stina und die Erlangung: einer Mehrheit in diesem Lande, mit dem es durch eine vieltausendjährige Geschichte verbunden ist bedeutet für das jüdische Volk eine Lebensfrage. Das arabische dagegen, das Arabien und andere große Länder sein eigen nennen kann, ist nicht auf Palästina angewiesen. Also muß bei einem gerechten Ausgleich der Interessen der jüdische Anspruch auf Palästina vor dem arabischen den Vorrang erhalten. Wenn sich die Araber mit Gewalt seiner Verwirklichung widersetzen, ist das jüdische Volk berechtigt, diesen Widerstand mit Gewalt zu brechen — natürlich ohne in einen „Legionismus“ zu verfallen oder gar eine Knechtung der Araber zu versuchen. Ein Nationalismus, der in dieser Weise die Gerechtigkeit als höchstes Prinzip anerkennt, ist mit gutem Europäertum sehr wohl vereinbar. Dabei soll gar nicht geleugnet werden, daß im berechtigten Kampfe um die Lebensmöglichkeit auch bei uns Ausschreitungen Vorkommen, chauvinistische Tendenzen sich geltend machen können. Im Leben der Völker bleibt ebenso wie im Leben des tätigen Einzelmenschen die Reinheit der Idee nicht immer gewahrt. Nur Weltflucht kann vor allen Anfechtungen des Lebens schützen. Aber eine derartige Flucht vor der Realität des Lebens, wie sie die Nation darstellt, würde der Wahrheit der Idee widersprechen und vor allem auch die Idee selbst gefährden. Denn wenn die nationalen Geschicke nur in den Händen der reinen Tatsachenmenschen ruhen und die Träger der großen Menschheitsideen, die guten Europäer, den nationalen Angelegenheiten gleichgültig gegenüberstehen, dann und nur dann muß der Nationalismus in Chauvinismus ausarten. . Dr. N. Für die jüdische Arbeiterbank in Palästina Ich hatte die Absicht, bei der zionistischen Tagung des Gruppenverbandes für Bayern und Württemberg ein kurzes Referat über die jüdische Arbeiterbank zu halten. Da mir dort nicht zur rechten Zeit das Wort erteilt wurde, wende ich mich jetzt hierdurch an alle wirtschaftlich und sozial denkenden jüdischen Menschen mit der Forderung: Zeichnet Aktien für die jüdische Arbeiterbank! Die jüdische Arbeiterbank ist durch Gesetz von der palästinensischen Regierung bestätigt worden. Die Bank hat die Aufgabe, Helfer und Berater der arbeitenden jüdischen Menschen zu werden. Die Bank soll das zentrale Finanzinstitut der jüdischen Arbeiterschaft — zu der wir alle selbst arbeitenden Menschen zählen — werden. Dte jungen Menschen, die alles von sich werfend, hinaufgehen nach Erez Israel, wollen nicht Arbeiter nach Golusbegriff sein. Sie wollen zu glieicher Zeit ihre Herren und ihre Knechte sein. Sie arbeiten in Gemeinschaften und sind von der Notwendigkeit der Konsumgenossenschaften überzeugt. Wir wissen alle, daß wohl nur sehr wenige als Besitzende nach Erez Israel gehen. Die Genossenschaften. die von den Arbeitern ins Leben gerufen wurden, konnten also nicht bestehen und sind entweder eingegangen oder vegetieren. Die Konsumgenossenschaft „Hamaschbir“ hat bei einem Kapital von 5000 £ einen monatlichen Umsatz von 8000 £. Durch Mangel an Kapital ist die Hamaschbir nicht in der Lage, ihre Produkte aus den ersten Quellen zu beziehen, sondern sie muß die Waren bei den Kaufleuten am Platz gegen Kredit kaufen. Dadurch können die Arbeiter nicht mit billigen Lebensmitteln beliefert werden. Ich sagte schon, daß die jüdischen Arbeiter Unternehmer und Arbeiter in eigener Person sein wollen. Daß diese Gedanken durchführbar sind, beweisen die italienischen Gewerkschaften, die Regierungsarbeiten auf eigene Rechnung übernommen haben. Die Arbeiten, die die pal. Regierung ausgeben, können ständig mehr Menschen beschäftigen. Unsere Pioniere wollen nun diese Arbeiten auf eigene Rechnung übernehmen und benötigen dazu Geld — zur Stellung von Kaution, zur Beschaffung von Geräten, Zelten usw. Es liegt im Interesse des jüdischen Palästinas, es den jungen Menschen zu ermöglichen, in Gemeinschaften diese Arbeiten zu übernehmen. Andererseits sind die Kwuzoth gezwungen, das eingebrachte Getreide stets sofort zu verkaufen, um die Schulden des Vorjahres zu bezahlen, um dann mit neuen Schulden zu beginnen. Die jüd. Arbeiterbank soll also das zentrale Finanzinstitut der arbeitenden jüdischen Menschen in Palästina werden. Sie soll die Zentrale der Ein- und Verkaufsgenossenschaften sein. In ihr sollen alle Teile zusammenlaufen. Sie soll sich mit den Konsumgenossenschaften des Auslandes -in Verbindung setzen und soll die Möglichkeit suchen und finden, billig zu importieren und vorteilhaft die einheimischen Produkte zu exportieren. Außerdem soll sich an dieses Institut eine Unfall- und später auch eine Lebensversicherung angliedern. Wir wissen, daß Palästina schon durch seine gesundheitlichen Verhältnisse noch mehr Menschen fordern wird. Wir haben schon den Tod unserer Pioniere zu beklagen, die durch Unfall, bei der Arbeit ihr Leben für uns gaben. Unsere heiligste Pflicht ist es, eine Einrichtung zu schaffen, die erstens eine Beruhigung für den arbeitenden Menschen sein wird und zweitens für die Hinterbliebenen richtig sorgt. Die Arbeiterbank hat vorläufig 30 000 Aktien zu 1 ägypt. £ ausgegeben, die von den jüdischen Menschen aufgebracht werden müssen. Diese 30 000 Aktien setzen sich zusammen aus: 100 Grün der aktien zu ... 1 £ 14 900 gewöhnliche Aktien zu . 1 £ 15 000 Vorzugsaktien . . . . 1 £ Die Gründeraktien verbleiben — entsprechend den Gründeraktien der „Jewish Colonial Trust“ in den Händen der Allgemeinen Arbeiterorganisation. Sie besitzt 50% Stimmen auf der Generalversammlung (ausgenommen bei Beschlüssen betreffs Gewinn- und Dividendenverteilung). Durch . diese Maßnahme soll Sicherheit dafür gewährt werden, daß der bei der Begründung festgesetzte Zweck der Bank nicht gewandelt wird. Den Vorzugsaktien wird eine Dividende von 5% garantiert; im Falle eines Defizits der Bank oder der Liquidation gehen sie den gewöhnlichen Aktien voraus. Dagegen haben sie auf der Generalversammlung der Bank nur beratende Stimme. Ihr Einfluß auf die Bank äußert sich darin, daß sie proportionale Vertretung bei der Wahl der Direktoren finden. Sie wählen mit den gewöhnlichen Mode ff. Herrenschneider« Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise l.tauCMMei Naiihaumstr. 15t, |eg«n- Ohar dar altan Akadamla Sport Nr. 48 Das Jüdische Echo 615 Aktien zusammen 3 Direktoren. Die zion. Organisation gewährt der Bank ein Darlehen von 30 000 £ sofort, 9000 £ im Laufe des ersten Jahres, weitere 10 000 £ in der nächsten Zeit. Die gesamte Summe als Darlehen. Die zion. Organisation wird stets soviel Aktien kaufen —- vom Darlehen — wie die arbeitenden Menschen ihrerseits aufgebracht haben, sodaß sich das Kapital! ddr Bank stets um so viel verdoppelt, wie von außen her Aktien umgesetzt werden. Es wird dann der Moment kommen, wo das Darlehen sich selbst erledigt hat. Die Vertreter der Arbeiter-Organisationen im Direktorium sind die Herren E. Blumenfeld, Twerski, Katznelson, Sprinzak. Außerdem entsendet die zion. Organisation einen Direktor — als Generaldirektor —-, 3 Direktoren werden von den Aktionären gewählt. Ich habe in meinen Ausführungen kurz dargelegt, wie notwendig es ist, diese Bank zu schaffen und ihr die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben. Schaffen wir diese Möglichkeit, dann wird sich über ganz Palästina ein Netz von Darlehenskassen und Konsumgenossenschaften ausbreiten, was zur gesunden wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas führen wird. Unsere jungen Freunde und Brüder, die hinaufgehen nach- Palästina, haben durch die Beschaffenheit Palästinas schon genügend Hindernisse zu übersteigen, daß es nicht notwendig ist — kalt und unberührt — auch ihnen noch die materiellen Sorgen schlimmster Art zu überlassen, durch die der Aufbau Palästinas gefährdet wird. An alle Leser wende ich mich nun: Lassen Sie sich durch die schwankende Valuta nicht beeinflussen, geben Sie der Bank die Möglichkeit gesunder wirtschaftlicher Entwicklung, indem Sie Aktien für diese Bank zeichnen. Sie haben die Verantwortung für den Aufbau Palästinas. Zionist oder Nichtzionist — Sie können sich dieser Verpflichtung nicht entziehen — zeichnen Sie. Leo Satonower. Um Angaben von Adressen an das Jüdische Echo wird1 gebeten, damit Besuch erfolgen kann. Nach auswärts würde ich Zeichnungsscheine senden. Landrichter Mendes Von M o r o r Die Judengemeinde von Steinsfeld befand sich in freudiger Erregung. Die Lützelburgische Regierung hatte sich endlich zur Anstellung jüdischer Staatsdienstanwärter entschlossen und Steinsf e 1 d zum Wirkungskreis des ersten jüdischen Landrichters ausersehen. Dabei war neben der Rücksicht auf die Bekämpfung notorischer Mißstände im dortigen Handelswesen der Umstand bestimmend gewesen, daß gegen den bisherigen Landrichter seitens einiger jüdischer Parteien Klagen wegen angeblich ungerechter Behandlung eingelaufen waren. Diese Beschwerden waren, wie die Staatsregierung wußte, unbegründet. Der Landrichter war streng, aber gerecht. Wenn er jüdische Wucherer hart anfaßte, so geschah es, weil sie Wucherer, nicht, weil sie Juden waren. Auch pflegte er ihre zahlreichen christlichen Artgenossen nicht glimpflicher zu behandeln. Im Gegenteil! .Er war, wenn er einen jüdischen Sünder vor sich hatte, eher geneigt, diesem zu gute zu halten, daß hinter den Mauern des Ghettos neben manchem anderen auch der Charakter bei ihnen verkümmert war. Im übrigen konnte Jedermann seine Unbefangenheit schon daraus erkennen, daß er täglich im Cafe Germania mit dem Tierarzt — und dem Rabbiner tarockte. Wenn die Lützelburgische Staatsregierung trotzdem seine Versetzung verfügte, so geschah es, um sowohl dem loyalen wie dem minder loyalen Teil ihrer jüdischen Untertanen jeden weiteren Vorwand zu Klagen zu entziehen. Die Juden von Steinsfeld erkannten diese gute Absicht denn auch dankbar an und sahen der Ankunft des neuen Landrichters mit freudiger Spannung entgegen. Man wußte von diesem in Steinsfeld zunächst nichts weiter, als daß er Mendes heiße, einer hochangesehenen Kaufmannsfamilie entstamme und den Staatskonkurs mit Auszeichnung bestanden habe. Allein schon der Umstand, daß er als erster den Wall von Vorurteil überwunden hatte, der bisher der Anstellung befähigter Juden im Staatsdienste entgegengestanden war, hätte ihm die Sympathien der Juden von Steinsfeld gesichert. Der Zeitpunkt seines bevorstehenden Eintreffens war irgendwie in der Stadt bekannt geworden, und so Ließen es sich mehrere männliche und weibliche Mitglieder der Gemeinde nicht nehmen, sich am Bahnhof einzufinden, um die Ersten zu sein, die ihn begrüßten. Diese Neugierigen kamen, wie sie gestehen mußten, nicht ganz auf ihre Rechnung. Sie erzählten nachher, der Landrichter Mendes habe mit eisiger Kälte die ihm zugedachte Blumenspende ab ge lehnt, und er unterscheide sich von anderen Landrichtern, die nicht Mendes heißen in nichts, als in dem sichtbaren Bestreben, sich in nichts von ihnen zu unterscheiden. So verhielt es sich in der Tat Der Landrichter Mendes war ein mittelgroßer, hagerer Mann mit einer Habichtsnase, der streng und ernst in die