Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 43_28. Oktober 1921 8. Jahrgang Zum Gruppenverbands-Tag. In rückschauenden Betrachtungen über den Karlsbader Kongreß wurde als eines seiner hauptsächlichsten Ergebnisse festgestellt, daß er die durch den Krieg schwer beeinträchtigte, lange Zeit fast vollständig gelähmte zionistische Organisation in grundlegender Weise umgestaltet und erneuert habe. Sehr viele werden von dieser Feststellung nicht sehr erbaut sein. Denn das Wort „Organisation“ hat bei uns in Deutschland und wohl auch sonst in der Welt, seinen Klang verloren, wir haben im Kriege und nachher ein solches Übermaß von Organisationen genossen, daß man leicht geneigt ist, die Schaffung einer neuen Organisation als ein ziemlich dürftiges Ergebnis des Kongresses zu betrachten. Und doch wäre diese Betrachtungsweise falsch. Wenn wir nach den Kriegserfahrungen von Organisation hören, so denken wir zunächst an eine laut klappernde, aber nur leere Hülsen mahlende Mühle, an ungezählte Verfügungen, Verordnungen, Bekanntmachungen, die — ohne Fühlung mit dem wirklichen Leben im Büro ausgeheckt — reich an Worten, aber jedes schöpferischen Gedankens bar sind. Wenn uns der Karlsbader Kongreß eine solche Organisation beschert hätte, dann wäre allerdings eine Fülle von. Kraft und Begeisterung, Zeit und Geld unnütz vertan worden. Die nächste Zeit wird das wahre Wesen der erneuerten zionistischen Organisation erweisen, sie wird zeigen, ob die zionistische Idee im Stande ist, die Organisation bis in in ihre letzten Ausläufer zu beseelen. Die letzten Ausläufer, das sind die Träger der wirklichen Arbeit, d. h. die einzelnen Zionisten. Kongresse und Kollegien können nur Richtlinien geben und Beschlüsse fassen, ausführen aber müssen sie die einzelnen, und di/e Ausführung erfordert weit mehr Opfer an Zeit und Kraft als der Beschluß. Wenn die Impulse des Kongresses wirksam genug sein sollen, um die einzelnen Zionisten zu diesen Opfern zu befähigen, dann dürfen sie auf dem langen Wege mit seinen Zwischenstationen, der vom Kongreß zum einzelnen Zionisten führt, nicht erlahmen. Eine dieser Zw Ischen Stationen ist die bevorstehende Gruppenverbandstagung, welche Ausführungsbestimmungen zu dien vom Kongreß gefaßten Beschlüssen treffen und den Zionisten unseres Bezirkes Richtlinien für ihre Arbeit geben soll. Nur dann wird diese Tagung auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen, wenn es ihm gelingt, die notorische Kraft des Kongresses ungebrochen weiterzupflanzen, und bei ihren Teilnehmern den entschlossenen Willen zur Erreichung der Ziele zu erwecken, welche die Tagung dem Gruppenverband stecken wird. Es ist hier nicht der Ort, ganz im einzelnen auf die ZiSelie des Gruppenverbandes einzugehen; auf dem Gruppenverbandstag selbst wird das Referat des Herrn Redakteur Glaser über den Zionismus in Bayern und Württemberg Gelegenheit zu einer eingehenden Aussprache über unsere Aufgaben bieten. Nur einiger besonders wichtiger Gegenstände unserer Beratung sei hier vorweg gedacht, und zwar an erster Stelle, der für die nächste Zukunft bedeutsamsten Aufgabe, des Keren Hajessod Arbeit. Der Aufbau Palästinas muß mißlingen, unsere politische und wirtschaftliche Stellung in Palästina wird unhaltbar, Tausende von Chaluzim sind dem Elend preisgegeben, wenn es nicht in kürzester Zeit gelingt, mit Hilfe des Keren Hajessod wenigstens die nötigsten Geldmittel zu beschaffen. Darum ist dem Keren Hajessod mit Recht ein besonderer Vortrag des Gruppenverbands- Vorsitzenden gewidmet. Mit der Frage unserer Gemeindepolitik wird sich der beste Kenner dieses Gebietes, Herr Rechtsanwalt Dr. Elias Straus in München, in einem Referat auseinandersetzen. Der Karlsbader Kongreß hat die Berechtigung und Notwendigkeit der Diaspora-Arbeit, unter welcher auch die Tätigkeit in den Gemeinden fällt, zweifelsfrei anerkannt. Immerhin aber wird zu erörtern sein, ob nicht beim Fehlen grundsätzlicher Voraussetzungen unserer Mitarbeit in den Gemeinden gewisse Schranken gesetzt sind. Dile Tagung wird sich u. a. im Rahmen der allgemeinen Aussprache auch mit dem durch den Rücktritt der Regierung Kahr-Pöhner noch keineswegs aus Bayern verschwundenen Problem des Antisemitismus sowie mit der Jugendarbeit zu befassen haben. Bekanntlich sind unsere unausgesetzten Bemühungen um Aufklärung der nichtzionistiischen Öffentlichkeit bei der Jugend nicht ohne Erfog geblieben, da große Teile der nicht zionistischen Jugend sich in erfreulicher Weise in unserem Sinne entwickelt haben. Der Gruppenverbandstag wird zu überlegen haben, wie hier weitergebaut werden kann. Was die zionistische Jugendbewegung betrifft, so können wir hier ebenfalls bemerkenswerte Fortschritte verzeichnen; allerdings könnte es dem Beobachter manchmal scheinen, als ob es ihr in unserem Bezirke im Vergleich mit anderen an Schwungkraft etwas fehlt. Wenngleich diese nicht von außen her eiiigeflößt werden kann, so wird sich doch die Tagung darüber unterhalten müssen, wie die nationaljüdische Jugendbewegung gefördert werden kann. Daß es Möglichkeiten dazu gibt, zeigt sich in Nürnberg, wo der Blau-Weiß daran geht, mit finanzieller Hilfe seiner erwachsenen Freunde ein Landheim mit eigenen Händen zu erbauen. Bei allen seinen Erörterungen darf sich die Tagung nicht ganz in Einzelheiten verlieren, niemals den Zusammenhang aller unserer Fragen mit dem „Aufbau Palästinas und de m W e 11 j u d e n t u m“ aus dem Auge lassen. Der am Vorabend über dieses Thema stattfindende Vortrag des Herrn Rechtsanwaltes Felix Rosenblüth, Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, wird gewiß allen Besuchern die Möglichkeit geben, die großen Zusammenhänge zu erkennen, die Schwere, aber auch die Größe unserer Aufgabe zu empfinden. Damit aber diese Möglichkeit zur Wirklichkeit wird, müssen die Geister offen, die Herzen empfänglich sein. Ist das bei uns und überall der Fall, dann wird die vom Kongreß geschaffene Organisation leben und Leben erwecken. Dr. N.