Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 533 im Kampf um das nackte Leben leicht über der täglichen Mühe nationale Verbundenheit und Verpflichtung vergessen; werden, daß der Anreiz groß ist, sein Schicksal von der allgemeinem Not zu trennen und sich als Einzelnen in Sicherheit zu bringen. Wiir hätten es gut verstanden, wenn in der ersten schweren Zeit eine Überschätzung materieller Güter, die sonst in jüdischer Art nicht liegt, Raum gewonnen hätte. Wir hätten schließlich ohne viel Bedauern schnell reich Gewordene missen können, die ihre neue Stellung zu genießen und daher iin die deutsch-jüdische entjudete Gesellschaft hineinzuwachsen wünschten. — Aber wir werden es nie verstehen, daß sich Massen von Ostjuden besonders in den großen Städten vom Leben, von den Hoffnungen und Aufgaben der Gesamtjudenbeit schmählich fernhalten, daß führende ost jüdische Vereine, mögen sie Achi Eser, Ahawas Zion, Gesamtausschuß der Osjuden oder sonstwie heißen, nichts zu sein wünschen als baalbattische Unterstützungsorganisationen oder bestenfalls Synagogenvereine, in denen noch dazu persönlicher Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis eine schlimme Rolle spielen. Wir werden es nie verzeihen, daß man es verlernt zu haben scheint, für große jüdische Dinge mehr als Worte zu geben, daß die alte jüdische Kultur des Spendens vielfach verloren gegangen ist. Wir wollen es nicht begreifen, daß sogar die Jugend so oft riichtungs- und hemmungslos geworden ist und in Kinos, Kaffeehäusern und Tanzlokalen, bei Geschäft und Vergnügen sich mit einer Schnelligkeit ihrer Umgebung anpaßt, die sie alle Vorzüge des Ostjudentums verlieren, die des West Judentums nicht gewinnen läßt.— Gottlob gibt es noch ein anderes Ostjudentum, auch in Deutschland, ein Ostjudentum der Arbeit, und des Idealismus. Das müht sich in Fabriken und Bergwerken, das „lernt“ nach der Art der Väter, oder kämpft mit heißem Herzen um der Menschheit und des Judentums große Gegenstände. Auch hier gibt es Irrungen und Wirrungen, viel Gefährliches und unsere Zukunft Gefährdendes. Aber diese Orthodoxen und Atheisten, diese Zionisten und Bundisten, diese Sozialisten aller Richtungen, die sich oft erbittert bekämpfen, sind in ihrer Mehrzahl Menschen reinen Willens und so Bürgen jüdischer Erneuerung. Wir aber haben die Aufgabe, immer und immer wieder um die Seele auch der anderen zu ringen. Können wir sie nicht gewinnen, so sind doch wenigstens ihre Kinder nicht verloren, noch nicht verloren. Die in Breslau blühende „Awodah“, die iim Volksheimsinne arbeitet, weist den Weg. Hindern die ostjüdischen Vereine die Gesundung, so mögen sie verschwinden. Die Ostjuden gehören prinzipiell in die allgemein-jüdischen Organisationen; denn letzten Endes sind Ostjudentum und Westjudentum zufällige Zuständle, Schutzvereilnigungen der Ostjuden zur Wahrung ihrer speziellen wirtschaftlichen oder politischen Interessen: gut! Aber die jüdische Zukunft und die Arbeit dafür ist unsere gemeinsame Sache. Solche Erkenntnis durchzusetzen ist vor allem Pflicht der Zionistischen Organisation. Sie hat kostbare Zeit verloren. Sie möge bald die Männer finden und die Mittel aufbringen, die sie braucht, um den endgültigen Verlust wertvoller Kräfte zu hindern. Bald könnte es zu spät sein. — G—. Die Stellung der Ostjuden in Deutschland. Vor einiger Zeit hat das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands in Berlin als 2. Heft in der Reihe seiner Schriften eine Broschüre „Ostjuden in Deutschland“ herausgegeben, die uns willkommene Veranlassung bietet, unsere Leser mit diesem Teil des Judenproblems in Deutschland bekanntzumachen. Die Broschüre, deren Lektüre aufs wärmste empfohlen werden kann, bringt iin sachlicher Darstellung eine wertvolle Übersicht über Zahl und Gliederung der Ostjuden in Deutschland und über die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes. Daß die Ostjudenfrage in Deutschland zu den brennendsten und schwierigsten politischen Problemen gehört, ist den Lesern dieser Blätter nicht neu. Es gibt wenig vom Unglück Deutschlands, an dem nicht gerade die Ostjuden Schuld sein sollen und es wäre nicht, verwunderlich, wenn gelegentlich etwa die Dürre des vergangenen Sommers den Ostjuden zur Last gelegt würde. Angesichts dieses Zustandes ist das erstaunlichste an der ganzen Organisation der Ostjuden-Fürsorge in Deutschland (in erster Linie der sowohl politisch als sozial außerordentlich umfangreichen Tätigkeit des „Arbeiterfürsorgeamtes“), daß sie nahezu ohne jede aktive Mitwirkung der Ostjuden durchgeführt wird. Vielleicht die schwierigste und beachtenswerteste Seite des ganzen Ostjudenproblems in Deutschland ist die Passivität, welche in den ostjiidiischen Siedlungen zutage tritt. Hier ist offenbar noch immer nicht annähernd das Verständnis für die Lage erwacht, in denen sich diese schwächste und exponierteste Bevölkerungsgruppe im Deutschen Reiche befindet. Man mag diese Tatsache zum Teil damit erklären, daß wir es hier mit völlig zusammenhangslosen, aus den verschiedensten Teilen des Ostens stammenden Bevölkerungselementen zu tun haben, die außerordentlich langsam zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenwachsen, deren Gemeinschaftsgefühl andererseits durch die auf sie einstürmenden Einflüsse der neuen Umgebung fortwährend geschwächt wird. Im Städtchen des Ostens ist die Gemeinschaft der jüdischen Siedlung eine außerordentlich enge und die Kontrolle, die die öffentliche Meinung ausübt, sehr scharf. Demgemäß ist das Pflichtgefühl und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Allgemeinheit außerordentlich entwickelt. Der Einzelne ist in seinen Handlungen der Kontrolle der öffentlichen Meinung unterworfen und wird sich selten der Mitwirkung an den Aufgaben der Gemeinschaft entziehen können. Dieser Zustand ändert sich mit einem Schlage bei der Auswanderung. Die in den Städten Deutschlands lebenden ostjüdischen Siedlungen bestehen eigentlich aus lauter Einzelnen, die eine Kontrore der Öffentlichkeit in ihrem privaten Leben überhaupt Wer sich geschmackooll kleiden will, der besuche die Husstellungs- und Verkaufsräume der Firma ßdalbert Schmidt Kgl. bayer. Hoflieferant München, Residenzstrasse 6 \ Feine Herren- und Damenschneiderei nach Mass