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Das jüdische Echo · 1921-12-30 · 52 (30.12.1921) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
52 (30.12.1921)
Article
Original - Ungeschnitten
Date
1921-12-30
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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532 Das Jüdische Echo Nr. 42 zugängig gemacht vviird. Darüber hinaus wird dieses Material im Interesse der Flüchtlinge bei den zentralen Behörden verwandt. Nur so, auf Grund der genauen Kenntnis der Sachlage und der Wirkungen etwa beabsichtigter Bestimmungen ist es möglich, die Regierung bei ihren Entschlüssen und Maßnahmen, die direkt oder indirekt ostjüdische Arbeiter in Deutschland betreffen, durch gutachtliche Äußerungen zu unterstützen. Der Flüchtling selbst wird nicht mehr wähl- und ziellos von einem Ort zum anderen geschoben, ein Verfahren, das sich an sich schon durch die ungeheure Erhöhung der Fahrpreise verbieten sollte, aber leider von einzelnen Gemeinden immer noch geübt wird, sondern er wird durch die vom Arbeiterfürsorgeamt unterhaltenen oder von ihm subventionierten Institutionen so lange am Orte festgehalten, bis die Möglichkeit eines Einsatzes an produktiver Stelle für ihn vorhanden iist. So ist die Kategorie der „Wanderarmen“ fast völlig zum Verschwinden gebracht worden, zum Segen der ostjüdischen Flüchtlinge selbst, die nicht mehr als Schnorrer betrachtet werden können, sondern von allen, die siie kennen, als ehrlich arbeitendes Element geachtet werden. Mit Hilfe der vom American Joint Distribution Committee zur Verfügung gestellten Gelder sind Einrichtungen geschaffen worden, die es ermöglichen, wie oben erwähnt, den Flüchtling längere Zeit am Orte zu belassen, wie u. a. in der bereits mehrfach genannten Herberge des jüdischen Flüchtlingsheimes im alten Asyl des Berliner Asylvereins, ferner in Baracken im Industriebezirk als Arbeiterwohnungen. Große Anstrengungen der deutschen Judenheit werden notwendig sein, um, wenn die vom American Joint Distribution Committee zur Verfügung gestellten Subventionen ausbleiben, das Hilfswerk aufrecht zu erhalten. Die deutsche Judenheit wird sich, daran zweifeln wir nicht, dieser Aufgabe nicht entziehen, deren Lösung, wenn sie im bisherigen Sinne geschieht, dem Interesse des Staates und der deutschen Judenheit nicht minder dient als dem der ostjüdischen Flüchtlinge. Die Enttäuschung. Wir haben, solange es ging, von den Verhältnissen der Ostjudenheit in Deutschland geschwiegen. Wir sahen unsere Brüder bedroht und wollten ihre Stellung nicht erschweren. Aber berechtigte Zurückhaltung wird zur falschen Scham, Schweigen zum Verschweigen, wenn dadurch verderbliche, Zustände gedeckt oder verdeckt werden. Als Tausende jüdischer Soldaten in Galizien, Polen und Rußland das Ostjudentum entdeckten, als Tausende jüdischer Arbeiter aus diesen Gebieten auf Befehl der Obersten Heeresleitung nach ♦040*o*o*a*o*a*o*c3K=>*o*04a*a«3*o Deutschland deportiert wurden, als diie Katastrophe im Osten zahlreiche jüdische Flüchtlinge über die Grenze spülte, da erwarteten viele, daß dies ungeheure Unglück ein Glück für die entwurzelte deutsche Judenheit sein würde. Ja die Besten standen erschüttert vor diesen Trümmern eines ihnen äußerlich fremden, innerlich vertrauten Volkes, dessen eigenartige Kultur, dessen Geistigkeit und ungeheure Vitalität ihnen überwältigend zu Bewußtsein kam. Nur so erklärt sich jene Begeisterung, jene Aufnahmefreudiigkeit, die lange allem Ostjüdiischem gegenüber bestand. Damals errangen sich Perez, Scholem Alechem und andere die Beachtung der deutsch-jüdischen Öffentlichkeit, damals erschienen in deutschen Verlagsanstalten Sagen und Legenden des jüdischen Volkes. Nicht nur Snobismus, nicht nur Augenblicksrausch begeisterte sich in jenen Tagen für jüdische Volkslieder, nicht nur Sentimentalität oder Romantik fand Geschmack an den Judenköpfen Strucks und den Hagadailllustrationen Budkos, nicht nur sensationslüsterne Literaten oder Ästheten mühten sich um die jüdische Mystik und die Ekstasen des Chassidismus. Man nehme doch wieder einmal gute Zeitschriften aus jener Zeit, den „Juden“, „Ost und West“, die „Neuen Jüdischen Monatshefte“ zur Hand und man wird erkennen, welche jüdischen, menschlichen und politischen Möglichkeiten in wenigen Monaten verloren gegangen sind. Gewiß standen schon damals die „Offiziellen“, die Masse der jüdischen Deutschen all dem unwillig und uninteressiert gegenüber. Aber auf die kam und kommt es ebensowenig an, wie auf die Deklarationszionisten oder die Novembersozialisten, die heute so und morgen oder übermorgen anders können. Die Jungen, die Schöpferischen, die Tätigen und Nachdenklichen waren ergriffen, die Träger jüdischen Geistes und jüdischen Willens waren bereit zu lernen und zu lieben. Damals hätte die Brücke zwischen Ost und West geschlagen werden können. Eine Synthese zwischen dem starken Judentum des Ostens und der Fülle und der Organisationskraft des Westens: welche Perspektive, welche Möglichkeiten! Vielleicht waren sie der älteren Generation verschlossen.; dann war es Sache der Jugend, danach zu streben. — Es entstand das jüdische Volksheim in Berlin; aber es blieb nach kurzem Aufschwung hier und anderswo beim Versuch. Gewiß trifft schwere Schuld an solchem Scheitern die deutschen Juden, auch die Nationaljuden, auch die Zionisten. Aber das wesentliche Verschulden tragen als die jüdisch Stärkeren die Ostjuden. — Wir wissen wohl, daß Eiend ein schlechter Lehrmeister des Gemeinsinns ist, daß L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass Nr. 42 Das Jüdische Echo 533 im Kampf um das nackte Leben leicht über der täglichen Mühe nationale Verbundenheit und Verpflichtung vergessen werden, daß der Anreiz groß isst, sein Schicksal von der allgemeinen Not zu trennen und sich als Einzelnen in Sicherheit zu bringen. Wir hätten es gut verstanden, wenn in der ersten schweren Zeit eine Überschätzung materieller Güter, die sonst in jüdischer Art nicht liegt, Raum gewonnen hätte. Wir hätten schließlich ohne viel Bedauern schnell reilch Gewordene missen können, die ihre neue Stellung zu genießen und daher iln diie deutsch-jüdische entjudete Gesellschaft ihineinzuwachsen wünschten. — Aber wir werden es nie verstehen, daß sich Massen von Ostjuden besonders in den großen Städten vom Leben, von den Hoffnungen und Aufgaben der Gesamtjudenbeit schmählich fernhalten, daß führende ostjiidische Vereine, mögen sie Achi Eser, Aha was Zion, Gesamtausschuß der Osjuden oder sonstwie heißen, nichts zu sein wünschen als baalbattische Unterstützungsorganisationen oder bestenfalls Synagogenvereine, in denen noch dazu persönlicher Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis eine schlimme Rolle spielen. Wir werden es nie verzeihen, daß man es verlernt zu haben' scheint, für große jüdische Dinge mehr als Worte zu geben, daß diie alte jüdische Kultur des Spendens vielfach verloren gegangen ist. Wir wollen es nicht begreifen, daß sogar die Jugend so oft riehtungs- und hemmungslos geworden ist und in Kinos, Kaffeehäusern und Tanzlokalen, bei Geschäft und Vergnügen sich mit einer Schnelligkeit ihrer Umgebung anpaßt, die sie alle Vorzüge des Ostjudentums verlieren, diie des Westjudentums nicht gewinnen läßt. — Gottlob gibt es noch ein anderes Ostjudentum, auch in Deutschland, ein Ostjudentum der Arbeit, und des Idealismus. Das müht sich in Fabriken und Bergwerken, das „lernt“ nach der Art der Väter, oder kämpft mit heißem Herzen um der Menschheit und des Judentums große Gegenstände. Auch hiler gibt es Irrungen und Wirrungen, viel Gefährliches und unsere Zukunft Gefährdendes. Aber diese Orthodoxen und Atheisten, diese Zionisten und Bundisten, diese Sozialisten aller Richtungen, die sich oft erbittert bekämpfen, sind in ihrer Mehrzahl Menschen reinen Willens und so Bürgen jüdischer Erneuerung. Wir aber haben die Aufgabe, immer und immer wieder um die Seele auch der anderen zu ringen. Können wir sie nicht gewinnen, so sind doch wenigstens ihre Kinder nicht verloren, noch nicht verloren. Die in Breslau blühende „Awodah“, die iim Volksheimsinne arbeitet, weist den Weg. Hindern die ostjüdischen Vereine die Gesundung, so mögen sie verschwinden. Die Ostjuden gehören prinzipiell in die allgemein-jüdischen Organisationen; denn letzten Endes sind Ostjudentum und Westjudentum zufällige Zuständte, Sehutzvereilnigungen der Ostjuden zur Wahrung ihrer speziellen wirtschaftlichen oder politischen Interessen: gut! Aber die jüdische Zukunft und die Arbeit dafür ist unsere gemeinsame Sache. Solche Erkenntnis durchzusetzen ist vor allem Pflicht der Zionistischen Organisation. Sie hat kostbare Zeit verloren. Sie möge bald die Männer finden und die Mittel aufbringen, die sie braucht, um den endgültigen Verlust wertvoller Kräfte zu hindern. Bald könnte es zu spät sein. — G—. Die Stellung der Ostjuden in Deutschland. Vor einiger Zeit hat das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands in Berlin als 2. Heft in der Reihe seiner Schriften eine Broschüre „Ostjuden in Deutschland“ herausgegeben, die uns willkommene Veranlassung bietet, unsere Leser mit diesem Teil des Judenproblems in Deutschland bekanntzumachen. Die Broschüre, deren Lektüre aufs wärmste empfohlen werden kann, bringt im sachlicher Darstellung eine wertvolle Übersicht über Zahl und Gliederung der Ostjuden in Deutschland und über die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes. Daß die Ostjudenfrage in Deutschland zu den brennendsten und schwierigsten politischen Problemen gehört, ist den Lesern dieser Blätter nicht neu. Es gibt wenig vom Unglück Deutschlands, an dem nicht gerade die Ostjuden Schuld sein sollen und es wäre nicht, verwunderlich, wenn gelegentlich etwa die Dürre des vergangenen Sommers den Ostjuden zur Last gelegt würde. Angesichts dieses Zustandes ist das erstaunlichste an der ganzen Organisation der Ostjuden-Fürsorge in Deutschland (in erster Linie der sowohl politisch als sozial außer ordentlich umfangreichen Tätigkeit des „Arbeiterfürsorgeamtes“), daß sie nahezu ohne jede aktive Mitwirkung der Ostjuden durchgeführt wird. Vielleicht die schwierigste und beachtenswerteste Seite des ganzen Ostjudenproblems in Deutschland ist die Passivität, welche in den ostjüdischen Siedlungen zutage tritt. Hier ist offenbar noch immer nicht annähernd das Verständnis für die Lage erwacht, in denen sich diese schwächste und exponierteste Bevölkerungsgruppe im Deutschen Reiche befindet. Man mag diese Tatsache zum Teil damit erklären, daß wir es hier mit völlig zusammenhangslosen, aus den verschiedensten Teilen des Ostens stammenden Bevölkerungselementen zu tun haben, die außerordentlich langsam zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenwachsen, deren Gemeinschaftsgefühl andererseits durch die auf sie eins türmen den Einflüsse der neuen Umgebung fortwährend geschwächt wird. im Städtchen des Ostens ist die Gemeinschaft der jüdischen Siedlung eine außerordentlich enge und die Kontrolle, die die öffentliche Meinung ausübt, sehr scharf. Demgemäß ist das Pflichtgefühl und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Allgemeinheit außerordentlich entwickelt. Der Einzelne ist in seinen Handlungen der Kontrolle der öffentlichen Meinung unterworfen und wird sich selten der Mitwirkung an den Aufgaben der Gemeinschaft entziehen können. Dieser Zustand ändert sich mit einem Schlage bei der Auswanderung. Die in den Städten Deutschlands lebenden ostjüdischen Siedlungen bestehen eigentlich aus lauter Einzelnen, die eine Kontnve der Öffentlichkeit in ihrem privaten Leben überhaupt Wer sich geschmackvoll kleiden will, der besuche die Hussteliungs- und Verkaufsräume der Firma Adalbert Schmidt Kglbayer. Hoflieferant München, Residenzstrasse 6 v Feine Herren- und Damenschneiderei nach Mass

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