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Das jüdische Echo · 1921-12-30 · 52 (30.12.1921) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
52 (30.12.1921)
Article
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Date
1921-12-30
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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530 Das Jüdische Echo Nr. 42 gung der Tatsache, daß diiese aus Osten zugewanderten Unglücklichen nicht zu einem ernsten Übel werden, durch das das deutsche Leben geschädigt und beeinträchtigt wird. Diese große und bedeutungsvolle Aufgabe hat das „Arbeiterfürsorgeamt“ zu lösen. Die Arbeit, di!e dieses Institut vollbracht hat, ist nach meiner Ansicht eine vortreffliche. Die großen Schwierigkeilten, die vorhanden gewesen sind, wurden nach Möglichkeit bewältigt. In welcher Weise, darüber geben die nachstehenden Einzelberichte Auskunft. Diese selben Aufgaben bleiben auch in Zukunft zu lösen, und eine neue Aufgabe wird immer stärker in den, Vordergrund treten. Es wird dafür gesorgt werden müssen, daß die in Deutschland befindlichen Ostiuden, die schon jetzt in beträchtlicher Menge aus Deutschland abwandern, schließlich in immer größerer Anzahl Ländern Zuströmen, die für das Fortkommen der jüdischen Auswanderer besonders geeignet sind. Wer die Tätigkeit des „Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisation Deutschlands“ vorurteilslos in der Vergangenheit beobachten konnte, und wer die Aufgaben überblickt, die dem Arbeiterfürsorgeamt in Zukunft noch zu lösen verbleiben, der muß im Interesse der Gesamtheit der deutschen Juden und im Interesse der geflüchteten Ostjuden den dringenden Wunsch hegen, daß auch in der Zukunft sich die nötigen Mittel für die Tätigkeit dieser Organisation in Deutschland bei Gemeinden, bei humanitären Vereinen und Einzelpersonen aufbringen lassen. Die Beträge sind nicht gering zu veranschlagen, die hergegeben werden müssen. Werden sie aber in entsprechendem Umfang in Deutschland zur Verfügung gestellt, so werden die amerikanischen Glaubensgenossen, die so ungeheure und bewundernswerte Opfer für die Ostjuden bereits gebracht haben, ihre Hilfe auch in der Zukunft nicht versagen. Ich möchte wünschen und hoffen, daß die nachfolgenden sachlichen Ausführungen und meine kurzen einleitenden Worte dazu beitragen, die Gebefreudiigkeit der Juden in Deutschland anzuregen, damit die Fortführung einer Tätigkeit ermöglicht wird, die im Interesse Deutschlands, im Interesse des deutschen Judentums und im Interesse menschlicher Humanität unbedingt erforderlich ist. Das Ärbeiterfürsorgeamt. (Alle diese Zahlen beziehen sich nur auf die direkte Fürsorge der Zentrale Berlin. Die von den örtlichen Fürsorgestellen behandelten Fälle sind hier nicht einbegriffen. Die Leistungen der Fürsorgestellen in der Provinz sind in ihrer Gesamtheit ungefähr in der gleichen Höhe zu veranschlagen.) Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands, ursprünglich entstanden aus einer jüdischen Abteilung der Deutschen Arbeiterzentrale und einer jüdischen Abteilung der deutschen Gewerkschaften, hat in eigenartig zusammenhängender Weise den politisch-konsularischen Schutz der jüdischen Arbeiter in Deutschland und ihre sozial-fürsorgerische Betreuung übernommen. In dler Tat sind diese beiden Zweige der Fürsorgetätigkeit bei den eigenartigen Verhältnissen des ostjüdischen Arbeiters in Deutschland gar nicht zu trennen. Von der Vertretung seines Heimatstaates, besonders Polen, oft preisgegeben, durch die Üngeklärtheit der staatsrechtlichen Verhältnisse im nahen Osten oft überhaupt ohne jeden konsularischen Schutz, als „Staatenloser“, war der jüdische Arbeiter an sich der Willkür und dem Antisemitismus unterer Polizeiorgane preisgegeben. Treueste sorgfältigste Arbeit, die Anerkennung und der gute Wille seines Arbeitgebers konnten ihn oft nicht auf seiner Arbeitsstelle halten. So kam es, daß zahlreiche ostjüdische Arbeiter gegen ihren Willen gezwungen waren, die Großstädte, wo sie doch leichter Unterschlupf vor den Verfolgungen und Schikanen finden konnten, aufzusuchen. Da griff das Arbeiterfürsorgeamt ein. Es gelang angesichts der besonderen Verhältnisse der ostjüdischen Arbeiter, für d'iie es zum Teil auch bei anderen ausländischen Arbeitern keine Parallelerscheinung gibt, die Anerkennung dieser besonderen Lage durch entsprechende ministerielle Verfügungen zu erreichen. So konnte das Arbeiterfürsorgeamt, finanziell besonders durch amerikanische Gelder dazu instand gesetzt, daran gehen, die im Interesse der ostjüdischen Arbeiter selbst, im Interesse aber auch der deutschen Volkswirtschaft an einer sozialpolitischen Regelung der ostjüdischen Arbeiterfrage in Deutschland liegenden Dezentralisierung der ostjüdischen Arbeiter von den Großstädten fort, insbesondere in die Industriebezirke hinein, vorzunehmen. Der Verbindung zwischen konsularisch-politischer Tätigkeit und sozialer Fürsorge, die für den plötzlich arbeitslos Gewordenen durch Gewährung von Unterkunft und Beköstigung für eine gewisse Zeit, durch Gewährung von Reisezuschüssen nach ihm nachgewiesenen Arbeitsstellen, einsprang, die für Arbeiter Arbeiterwohnungen in Baracken schuf, billige und gute Arbeiterküchen errichtete, ist es zu danken, wenn den heute in Deutschland befind^ liehen, seit 1919 zugewänderten und hiiergebliebenen höchstens 55—60 000 Ostjuden wohl über 35 000 im Lande dezentralisiert, in der deutschen Industrie arbeiten und nur noch etwa 20—25 000 in Berlin sich befinden. Die konsularisch-politische Tätigkeit war es, die durch, Erleichterung der Legitimierung, Schutz gegenüber antisemitischen Maßnahmen einzelner Behörden, Schutz vor unberechtigten Ausweisungen, die Produkti vierung der ostjüdischen Arbeiterschaft in Deutschland ermöglichte; die soziale Fürsorge war es, die dile so geschaffenen Möglichkeiten für den jüdischen Arbeiter ausnutzte, zu seinem eigenen Wohle, im Interesse des Staates und im Interesse der gesamten deutschen Judenheit, die mit Stolz auf das Vorhandensein einer jüdischen Arbeiterschaft in Deutschland hin weisen kann. Dieses ganze geleistete Werk ist, das muß gesagt werden, schwer bedroht, da die bisher vom American Joint Distributions Comitte zur Verfügung gestellten Subventionen eingestellt worden sind. Höchste Anstrengung der deutschen Judenheit ist erforderlich, um das notwendige Werk weiterzuführen. Mode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise V. SraiiD&Cie.,MQnGben ■•uhauterstr. 151, gegen* Bfcer der alten Akademie Nport Nr. 42 Das Jüdische Echo 531 Das Büro des Arbeiterfürsorgeamtes in Berlin wurde im Laufe eines Jahres von zirka 65 000 Petenten aufgesucht. Seit Mai 1920 wurden über 24 000 statistische Karten für Einzelfälle ausgestellt. Es wurden zirka 12 500 Ausweisungsfälle behandelt, der weitaus größte Teil mit Erfolg. In 14 000 Fällen wurde von unserer Stelle ein deutsches Legitilmatiionspapier besorgt. Heimatspapiere wurden in 5600 Fällen beschafft. In unserer Herberge in der Wiesenstraße wurden durchschnittlich monatlich zirka 8000 Personen beherbergt. Es wurden durchschnittlich in einem Monat 20 100 Mittagessen, 7290 Frühstücke, 6390 Abendessen ausgegeben. In der Zeit vom 1.1.1921 bis 31.5.1921 wurden durch uns zirka 2000 Personen in die Heimat gesandt. In der Toynbeehalle in Berlin (in der hebräische, jiddische, deutsche, polnische, russische Zeitungen aufliegen) wurden durchschnittlich im Monat 11 000 Portionen Tee verabreicht. An Kleidung haben wir durchschnittlich monatlich verausgabt; a) Männersachen: 160 Hemden, 180 Unterhosen, 200 Paar Strümpfe, 100 Paar Schuhe, 90 Hosen, 28 Jaketts, 4 Westen, 35 ganze Anzüge, 17 Mäntel, zirka 140 Kragen, Vorhemden usw. b) Frauensachen: 15 Hemden, 15 Beinkleider, 8 Blusen, 8 Röcke, 15 Paar Schuhe. 28 Paar Strümpfe, 8 Unterröcke, 10 Mäntel, zirka 150 div. In der Herberge in der Wiesenstraße wurden durch den Heimarzt behandelt: von Oktober 1920 bis 31. Mai 1921: 1. Revierkranke 343, 2. ins Krankenhaus überwiesen a) Insassen 109, b) Auswärtige, die aber unter der Fürsorge des AFA. stehen 45, insgesamt also 154, 3. Ambulant Behandelte 1210. Als Gesamtzahl ergibt sich die Ziffer von 1707 Personen. Fürsorgestellen im Reich Berlin, Auguststr. 17; Allenstein, Kaiserstraße; Beuthen, O.-S., Hohenzollernstraße 11; Bochum, Wittelsbacher Str. 5; Breslau, Freiburger Str. 12; Chemnitz, Brückenstr. 1; Dresden, Zeughausstr. 2; Duisbuirg, Quergasse 4; Frankfurt a. Main, Langestraße 30; Hamburg, Hartungstr. 9/11; Kattowitz, O.-S., im Hause der Synagogengemeiude; Köln a. Rh., Mozartstr. 56; Königsberg, Köttelstr. 11; Königshütte, O.-S., Poststr. 2; Mannheim, F 3, 13a; Saarbrücken, Futterstr. 25; Stettin, Elisabethstr. 10; Leipzig, Löhrstr. 10. Die politische Tätigkeit des A. F. A. Dem Arbeiterfürsorgeamt ist es gelungen, durch die Errichtung zahlreicher Stellen in der Provinz, durch die sofort einsetzende Sammlung von Material dort und beil der Zentrale Berlin, diie Staatsregierung objektiiv und ausreichend zu informieren. Offenbar hat diese informatorische, die Verhältnisse ungeschminkt, objektiv darstellende Tätigkeit der jüdischen Organisationen die Regierung in ihrem Entschluß, die Regelung der Ostjudenfrage in Deutschland auf dient Wege der Sozialpolitik zu betreiben, bestärkt. Was dies bedeutet, kann man ermessen, wenn man bedenkt, wie stark oft die Interessen dier einzelnen Ressorts mit einer im gesamten Staatsinteresse liegenden sozialpolitischen Lösung der Ostjudenfrage kollidierten. Es ist erreicht worden, daß bei allen irgendwie grundsätzlichen Entscheidungen, die die ostjüdischen Arbeiter in Deutschland betrafen, das Arbeiterfürsorgeamt herangezogen wurde, um ein Urteil über die Möglichkeit und Durchführbarkeit etwaiger Maßnahmen, soweit sie speziell Ostjuden betrafen, oder soweit sie die ostjüdischen Arbeiter auch nur berührten, abzugeben. Wenn die Regierung dem drängenden Ansturm von antisemitischer Seite auf eine Lösung der Ostjudenfrage in Deutschland durch unzweckmäßig radikale Gewaltmaßnahmen bisher standgehalten hat, so ist dies der aufklärenden Wirksamkeit der in Betracht kommenden jüdischen Organe zu danken, die stets das Problem, in seinen innenwie außenpolitischen Zusammenhängen darstellend, gleichzeitig auf die praktische Undurchführbarkeit irgendwelcher Gewaltmaßnaihmen in großem Maßstabe hingewiesen haben. Darüber hinaus hat das Arbeiterfürsorgeamt aber durch praktische Sozialpolitik, Dezentralisation und Produktivierung der zunächst nach den Großstädten strömenden jüdischen Arbeiter sein Teil dazu beigetragen, durch positive Leistungen die Schwierigkeit des vorhandenen Problems zu mindern. Dem schnellen Ausbau der Organisation im Frühjahr des vergangenen Jahres ist es zu danken, daß tausende von jüdischen Arbeitern Arbeitsstellen im besetzten Rheinland-Westfalen und in Obersehlesilen gefunden haben und trotz aller durch die Besetzung entstehenden Schwierigkeiten auf ihren Arbeitsstellen verbleiben konnten. Hier wären, darauf muß nachdrücklichst hingewiesen werden, ohne dli’e nur durch Zentralisation der politischen Tätigkeit geschaffene direkte Verhandlungsmögliehkeit mit den zentralen Regierungswie auch Besatzungsbehörden, Katastrophen nicht zu vermeiden gewesen. In diesem Zusammenhang muß an dem Beispiel Bayerns, das zu spät zu einer solchen Zentralisation der politisch-konsularischen Fürsorge für die heimatlosen Ostjuden schritt, gezeigt werden, wie notwendig gerade diese Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes ist. Man darf annehmen, daß auch die bayerische Regierung bei ausreichender Information durch eine von dem Vertrauen der gesamten jüdischen Öffentlichkeit getragene Stelle Maßnahmen, wie die Ausweisung aller „Ausländer“ (lies Ostjuden) binnen 5 Tagen wohl nicht getroffen hätte. Die Fürsorge für die ostjüdischen Flüchtlinge. Aber auch die Interessen der Flüchtlinge selbst werden durch die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes in einer Weise wahr genommen, die gerade durch die Verbindung der politisch-konsularischen Tätigkeit mit der sozialen Hilfstätigkeit wohl ihresgleichen sucht. Durch die iibver das ganze Reich verzweigte Organisation, ist es möglich, eine sachgemäße, umsichtige Sozialpolitik zu betreiben. Es ist durch die täglich bei der Zentrale einlaufenden Meldungen über die Lage in den einzelnen Bezirken möglich, wenn es nottut und wo es nottut, die veränderte Sachlage zu berücksichtigen, Entlastungen vorzunehmen oder durch Zuweisungen von neuen Arbeitern, wo sie gebraucht werden, eine sich darbietende Gelegenheit für die Flüchtlinge rasch auszunutzen. Durch die bei der Zentrale zusammenlaufenden wöchentlichen Berichte über dlile Lage in den einzelnen Provinzen, über die Tätigkeit und Absichten der einzelnen Provinzialbehörden, der Landesarbeitsämter usw. ist bei der Zentrale ein umfassendes Material vorhanden, das wiederum durch die Herausgabe eines internen Informationsblattes allen Fürsorgestellen

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