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Das jüdische Echo · 1921-12-30 · 52 (30.12.1921) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
52 (30.12.1921)
Article
Original - Ungeschnitten
Date
1921-12-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 42_21. Oktober 1921 8. Jahrgang Ostjuden in Deutschland. Dr. Paul Nathan.*) Die nachfolgenden Ausführungen sind zu dem Zweck verfaßt worden, um die jüdische Öffentlichkeit über das „Ostjudenproblem“ aufzuklären, soweit es innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches in die Erscheinung tritt. Wir haben in Deutschland 60 000, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger Ostjuden, die zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten in Deutschland ansässig sind, die zum Teil während des Krieges im Interesse der Munitionsherstellung aus den besetzten russischen Gebieten nach Deutschland (überwiegend zwangsweise) gebracht worden sind, und es gibt endlich eine dritte Kategorie von Ostjuden bei uns in Deutschland, dlie vor den Pogromen, die sich in Polen abgespielt haben, über die Grenzen flüchtend, zu uns gekommen sind. Durch die Agitation der Antisemiten sind diese Erscheinungen ganz außerordentlich aufgebauscht worden. In antisemitischen Kreisen, aber auch in irregeleiteten christlichen und jüdischen Kreisen gelangte man zu der Annahme, daß es sich um Hunderttausende und Hunderttausende von Ostjuden handele, die die deutschen Grenzen überschritten hätten und nunmehr die Wohnungsnot bei uns verschärften, die Lebehsmittelknappheit erhöhten, und überdies sollten diese Scharen die Kriminalität in außerordentlicher Weise vergrößern. Nichts von alledem entspricht der Wahrheit. Dile Zahl der Personen, um die es sich handelt, ist eine eng begrenzte und bei einem 60 Millionen- Volk, wie es auch heute noch Deutschland bewohnt, kann ein Zuwachs wie jener im vorliegenden Falle überhaupt nicht ernst ins Gewicht fallen. Vor allem aber muß daran festgehalten werden, daß die Zahl der in Deutschland befindlichen Ostjuden sich schon seit längerer Zeit nicht mehr vermehrt hat, sondern abnimmt. Ein neuer Zustrom ist seit langem unmöglich, da die Grenzen nach Osten abgesperrt sind, und durch eiben fortgesetzte Abwanderung der Ostjuden nach Westen, nach den Vereinigten Staaten und in geringem Grade nach Palästina, vermindert sich in nicht unerheblichem Umfang und überdies beständig ihre Zahl bei uns. Es ist also ein agitatorisches Märchen, daß Deutschland von Ostjuden überflutet wird. Es muß des ferneren immer wieder klargestellt werden, daß jene Ostjuden, die in Deutschland tatsächlich vorhanden, keineswegs ausschließlich als Pogromflüchtlinge zu betrachten sind.. Die bei uns jetzt wohnhaften Ostjuden setzen sich vielmehr, worauf nochmals hingewiesen sei, aus drei Kategorien zusammen. Ein Teil der Ostjuden iist lange vor dem letzten großen Kriege in Deutschland eingewandert. Sie *) Vorwort zum Heft 2 der Schriften des Arbeiterfürsorgeamtes. Philoverlag, Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, Wagmüllerstr. 19. konnten ihren Wohnsitz in Deutschland bleibend wählen, weil die damalige kaiserliche Regierung, wie die Regierungen der Einzelstaaten aus wohlerwogenen, wirtschaftlichen Gründen die Anwesenheit dieser jüdischen Elemente als zweckmäßig und nützlich im deutschen Interesse betrachteten. Denjenigen Personen, die amtlich das Wirtschaftsleben zwischen dem Kaiserlichen Deutschland und dem damaligen Zarenreich zu beobachten hatten, war es bekannt, daß ein sehr erheblicher Teil des deutsch-russilschen Warenverkehrs durch diese Ostjuden vermittelt wurde, die damit eine in hohem Grade nützliche Funktion für den deutschen Handel zu erfüllen hatten. Diese Funktion wird dann wieder aufgenommen werden können, wenn geordnete politische und wirtschaftliche Verhältnisse im Osten Platz greifen; voraussichtlich in nicht zu langer Zeit. Jenen Personen, die früher für unsere Handelsbeziehungen von erheblichem Wert gewesen sind, — sie werden es demnächst wieder sein, — den Aufenthalt in Deutschland zu erschweren und zu verleiden, würde unmittelbar eine durch nichts gerechtfertigte Schädigung der Entwicklungsmöglichkeit deutscher Wirtschaft bedeuten. Die zweite Kategorie der hei uns zur Zeit sich aufhaltenden russischen Juden sind jene, die unter milderem oder stärkerem Zwange aus den Ostgebieten des damaligen Rußland zu uns hinübergeführt worden sind, um in den deutschen Watfen- und Munitionsbetrieben während des Krieges Verwendung zu finden, und um damit deutsche Arbeiter aus jenen Fabriken zur Verwendung an der Front, freizubekommen. Diese Elemente, die durch ihre Mitarbeit, insbesondere bei der Munitionsfabrikation, sich um die Verteidigung Deutschlands verdient gemacht haben, nunmehr gegen ihren Willen in die östlichen Gebiete zurückzuschicken, wäre eine unkluge Barbarei, deren Wirkung zweifellos zum Nachteile Deutschlands ausschlagen müßte. Eine solche Handlungsweise würde zweifellos von unseren Feinden überall jenseits der Grenze in gebührender Weise gegen die deutsche Republik ausgenutzt werden, und Deutschland würde keine Verteidiger in diesem Falle bei jenen finden, die geneigt sind, unsere demokratische Politik vorurteilslos zu betrachten. Genau so stände es aber auch mit jener letzten Kategorie von östlichen Juden, die sich bei uns aufhalten, weil sie vor den Greueln der Pogrome zu flüchten gezwungen waren. Schiffbrüchige auf das offene Meer zurückzustoßen, galt immer für barbarisch, und als eine Pflicht der Küstenbewohner betrachtet man es, Gestrandeten zu helfen; diese Pogromflüchtlinge sind Schiffbrüchige, die sich mit Mühe aus dem Meere östlicher Vergewaltigung zu retten versucht haben. Menschlichkeit wie Klugheit empfiehlt uns in Deutschland also eine Politik, die es ermöglicht, die heute bei uns anwesenden Ostjuden in einer Weise zu betreuen, daß sie dem deutschen Wirtschaftsleben und dem deutschen öffentlichen Leben nicht zur Last fallen, daß süe sachgemäß untergebracht, bekleidet, beköstigt, zur Arbeit angehalten werden, immer unter sorgfältigster Berücksichti-

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