Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 41 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- Seite 513 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 41 14. Oktober 1921 8. Jahrgang In dunkler Zeit. Es ist nicht die Zeit, das Problem des Antisemitismus zur innerjüdischen Streitfrage werden zu lassen. Wir haben nun einmal je nach unserer allgemeinen Einstellung verschiedene Auffassungen vom Wesen des uralten Hasses und von den Mitteln, die zu seiner Überwindung führen sollen. Aber heute handelt es sich nicht um so fernes Ziel, sondern um Abwehr gegenwärtiger Gefahr. Denn wenn auch der Sturz der Regierung Kahr und ihres Polizeipräsidenten Pöhner eine augenblickliche Entspannung zur Folge hatten, so verhehlen wir uns doch nicht, daß auch weiterhin geheime Bünde und offene Hetze am Werke sind, um unsere wirtschaftliche und soziale Stellung, ja unsere nackte Existenz zu gefährden. Schlimmes zu verhüten finden sich Juden aller Richtungen in gemeinsamer Front zusammen und haben nur den Wunsch, daß der Kampf würdig und wirksam geführt werden möge. Denn je weniger gern man sich mit dem Gesindel abgibt, das neben einigen Idealisten die Reihen unserer Gegner füllt, je unsympathischer es ist, sich mit den Lügenaufsätzen des „Völkischen Beobachters“ und anderer Blätter seines Schlages, mit den Verleumdungen der Hitler, Eckart und Konsorten zu befassen, desto nötiger scheint es, sich die Kraft dazu durch positive Arbeit an unserer Gemeinschaft zu erwerben. Wiir werden gute Kämpfer sein, wenn wir kennen und lieben, wofür wir kämpfen: unser Judentum, seine Geschichte, seilne leidvolle Gegenwart, wenn wir mitschaffen helfen, was allein unser Vorgehen rechtfertigen kann: eine bessere jüdische Zukunft. Wir werden umso wirksamer kämpfen, je weniger wir vergessen, daß alle Juden unlösbare Schicksalsgemeinschaft verknüpft, und daß jede Verschlechterung der jüdischen Lage ‘irgendwo in der Welt — in München oder in Pinsk — unser aller Sein beeinträchtigt. Arbeit an uns selbst, Dienst an unserem Volke legitimiert uns erst zu Streitern wider den Judenhaß und seine Schürer. Seine Schürer: das sind einmal die Nichtjuden, die ehrlich oder nicht die antisemitische Hetze betreiben. Das sind zum anderen jene Juden, deren menschliche oder jüdische Min der wertig keilt unsere Gemeinschaft schändet. Keine jüdische Solidarität kann — darin sind wir einig — Identifizierung mit Übeltätern, mit Schiebern und Wucherern, bedeuten. Es gibt solche in unserem Volke wie in allen anderen. Wir fordern für sie Gerechtigkeit. Man tue ihnen nach dem Gesetz, nicht weniger — aber nicht mehr. Denn wir wollen um unserer selbst willen nicht dulden, daß man sie härter anfaßt als ihresgleichen, nur weil sie Juden sind! Aber nicht nur sie erkennen wir als Schädlinge und Träger der Gefahr. Nicht weniger bekämpfenswert sind jene, die ihre eigene Gemeinschaft schmähen und unseren Feinden Waffenhilfe gegen ihre Brüder leisten. Es ist nur ein Gradunterschied zwischen jenem mehrmals getauften Lincoln-Trebiitsch, der unter der Hakenkreuzfahne des Kapp-Putsehes in Berlin einzog, und dessen antisemitische Vorträge noch in der Erinnerung sein dürften, und jenen Juden, die unter Hervorhebung der eigenen Loyalität andere als minderwertig denunzieren, die der eigenen Vorzüglichkeit die Unzulänglichkeit und Verworfenheit der Ostjuden gegenüberstellen. Es ist eine nicht ungefährliche Preisgabe jüdischer Selbstachtung, wenn sich Mitglieder des Verbandes nationaldeutscher Juden öffentlich „gegen Auswüchse jüdischen Geistes“ wenden und wenn der Verband selbst zusammen mit deutschnationalen Rüpeln den „Einsteinrummel“' als jüdische Reklame bekämpfen zu müssen glaubt. Man könnte mancherlei dieser Art aufzählen und naehweisen, daß auch ganz „gute Juden“ oft das richtige Augenmaß in solchen Dingen vermissen lassen. Es ilst jedenfalls einleuchtend, daß derartiges Verhalten „mehr Wasser auf dile Mühlen des Antisemitismus treiben“ muß, als alle zionistischen Kundgebungen zusammen. Man lerne erkennen, wo der Gegner steht! Solch innerjüdische Stellungnahme und Scheidung würde Stärkung nach außen bedeuten. Sie schafft Klarheit und Bündniisfähigkeit zwischen den jüdischen Gruppen. Si!e schafft die Voraussetzungen für energisches Auftreten. Das aber verlangen wir. Welche Veranlassung sollten wir haben, die Öffentlichkeit noch länger zu scheuen und darauf zu verzichten, unseren Gegnern die Maske der Heuchelei und der Lüge endgültig abzureißen? Wir wollen hoffen, daß die neue Regierung unsere Sicherheit und unsere verfassungsmäßigen Rechte besser zu schützen versteht als die alte, die sehr gut mit zweierlei Maß zu messen wußte. Wir wollen hoffen, daß der deutschvölkische Schutz- und Trutzbund und sein Ableger, die nationalsozialistische Arbeiterpartei, nicht fürder in geheimen Konventilkeln Pogrom und Mord betreiben können. Wir erwarten, daß die jüdische Ehre nicht länger straflos in den bewußten Hetzblättern und auf den bekannten Plakaten besudelt werden darf. Wir fordern, daß die Polizeigewalt sich nicht wie unter dem unseligen Pöhner darauf beschränkt, die Wehrlosesten der Wehrlosen, arme Ostjuden, zu drangsalieren, wegen geringfügiger Paßvergehen einzukerkern, Greise, Kinder, schwangere Frauen grundlos aus dem Lande zu hetzen. Daß man sich vielmehr angelegentlich jener Burschen annimmt, die unbekannten Oberen bedingungslos gehorsam, jüdische Versammlungen sprengen, jüdische Rechner verprügeln, jüdische Gotteshäuser mit ihrem Mordkreuz beschmieren! Noch mehr: wir wenden uns mit dem Recht, das gekränkte Ehre verleiht, aufs schärfste gegen eine Justiz, die es fertig bringt, gegen den Anstifter des Memminger Pogroms, den berüchtigten Dr. Siccius. der mit den sonst so gehaßten Kommunisten bündelte, um die Bevölkerung des Städtchens gegen die Juden in Aufruhr zu bringen, auf einen Monat Gefängnis mit Bewährungsfrist für die ganze Strafe zu erkennen; ein unverständliches Urteil, wenn man es mit dem Vorgehen bayerischer Volksgerichte in anderen, leichteren Fällen vergleicht! — Es scheint ja manches in den letzten Tagen besser geworden zu sein. Wir erwarten weitere