Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 40 (7.10.1921)
- Date
- 1921-10-07
- Page
- Seite 506 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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506 Das Jüdische Echo Nr. 40 gleich jüdischen Gesichtspunkten behandelt. Joseph Klausner gibt eine „Geschichte der n e u h e b r ä i s c h e n Literatur“ mit klarer Gliederung der einzelnen Epochen und Richtungen, sowie mit anschaulichen kurzen Charakteristiken der wichtigsten Persönlichkeiten des neuhebräischen Schrifttums, eines Mapu, Smolenski, Gordon, Achad Haarn, Mendele, Perez, Bialik u. a. Die beiden Bände sind trotz des mäßigen Preises (br. Mk. 17.—, geb. Mk. 22.—, br. Mk. 15.—, geb. Mk. 20.—) sehr gut ausgestattet, sodaß siie sich ebenso sehr wie zum Studium auch zu Geschenkzwecken eignen. Feuilleton Der Zaddik vom Dorfe. Eine Volkslegende von S c h a 1 o m Asch. (Aus dem Jüdisch-Deutschen von Theodoir Zlocisti.) In tauglizerndem Grase liegt er versteckt und hütet die Schäfchen', die ihm sein Vater an vertraut. Man nennt ihn Jaschek. Wie er mit seinem jüdischen Namen heißt, weiß er selbst nicht mal, denn er iist noch niemals zur Thora aufgerufen worden. Alle aber wissen es, daß er ein Bauer, ein „grober“, ungeschlachter Mensch ist. Sein Vater Jizchok Milchiker hat ihn überhaupt schon aufgegeben. Er hat nicht einmal mehr die Hoffnung, daß der Junge nach ihm Kaddisch sagen werde. Dennoch läßt er, um seine Pflicht zu tun, einen Melammed aus der Stadt kommen. Der Lehrer arbeitet mit dem Jungen aus aller Kraft. Hundertmal und tausendmal muß er jedes Wort wiederholen. Aber Jaschek hört sich das alles vergnügt und mit größter Gemütsruhe an, als ob es ihn überhaupt nichts anginge. „Werd mal einer fertig mit so einem harten Schädel!“ wettert der Melammed und schüttelt seinen Kopf. Und die Mutter sieht auf ihr Söhnehen und stöhnt. Einen Siddur wagt man ihm schon gar nicht in die Hand zu geben. Und dawnen (beten)! ... Er — Jaschek! —soll dawnen? Was hat er mit Gott zu tun? Das wäre ja geradezu eine Gotteslästerung, wenn er das Sch’ma sagte. Und doch erkennt Jaschek Gott auf seine Weise. Und sein Herz empfindet Gott. Wo im stillen das Bächlein rauscht und dem ruhigen, grünen Berge Geheimnisse zuflüstert, da sieht er Gott. Und wenn er in weiter Ferne die dunklen, traurigen Wolken am Himmel vorüberwallen sieht, fühlt er ein geheimnisvolles Regen in einem Herzen, ein geheimnisvolles Wünschen, ein seltsames Bangen. Wonach? Wenn am Himmel ein Gewitter heraufzieht und es donnert und blitzt, wenn der Regen niederströmt und ein schwerer Nebel das Dorf umhüllt, fühlt er Gottes Nähe, oder als sie ein andermal unter der Schneidemaschine den alten Matschke hervorholten, von dessen zerhackten Füßen das Blut herabrann, da, auch da empfand er Gott. Manchmal denkt er: „Nicht im Himmel wohnt Gott. Nicht zum Himmel muß man den Kopf emporheben, will man Gott sehen. Nein, Gott wohnt irgendwo weit, weit in einer großen Stadt. Vielleicht gar dort, wo der Gutsherr wohnt und wo die großen und feinen Herren wohnen. Aber all die feinen Gutsherren und die großen Leute sind nichts weiter als Gottes Knechte, ebenso wie Stach und Woitek bei seinem Dorfherrn nur Knechte sind.“ Aber was hat er, Jaschek, mit Gott zu schaffen? Er könnte doch nicht einmal ein Hirte bei Gott sein. Denn ein Hirt bei Gott, denkt er, müßte auch schon ein großer Herr, ein Magnate sein. Vielleicht ilst sogar sein Gutsherr nicht einmal ein Kutscher bei Gottes Pferd. Darf sich da Jaschek hervorwagen? Nur zuweilen, wenn der Himmel rein ist und klar und verträumt daliegt in einem blauen, wallenden und fließenden Schleier, wenn die Gräser unten friedlich wachsen und wurzeln und still zum Himmel emporschauen, und wenn dort geradeüber der alte Wald träumend dasteht, der grüne Ahne des Dorfes, und dort weiter sich der Weg zwischen den Wiesen schlängelt — ein Bauer fährt und ein Jude geht irgendwohin... weit, weit — und hoch oben sich der Himmel in weiter Ferne dehnt und und: dann niedriger und niedriger fällt, büs er sich ganz auf die Erde herabsenkt, und er, Jaschek, auf der Schwelle des Speichers sitzt und guckt und starrt; dann denkt er bei sich: „Gott hat sich einmal freigemacht von den großen und stolzen und feinen Herren und i!st allein einhergekommen übers Feld, hat sich bequem gemacht und liegt nun da und wartet.“ Und Jaschek drängt es, Gott zu loben und zu danken für all die Schönheit... ringsumher. Und manchmal möchte er wandern und wandern so weit bis zu der großen Stadt, wo Gott wohnt und wo seih Palast steht. Will dann zu ihm gehen und seine liebe, liebe Hand küssen. Aber ihn quält ein Gedanke: „Wird man mich denn vorlassen? Man wird mich zu Gottes Palast nicht zulassen“, sinnt er. Denn dort stehen die Schweizer, hohe Gestalten mit blauen Bändern, gelben Stulpstiefeln und roten Fräcken (so wie er sie bei den: Dorfherren gesehen hat, die zu seinem Gutsherrn zu Besuch gekommen waren), und sie werden ihn iortjagen. Aber bald überlegt er sich: „Wozu wandern? Ist doch Gott auf dem freien Feld, und die Schweizer behüten einen leeren Palast, in dem Gott nicht ist.“ (Fortsetzung folgt.) DAS HAUS KRill-UCKO THEATINERSTR. 16 TELEFON 27831 — 32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNGMÄDCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN-GARDINEN-DECKEN