Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 34 (26.8.1921)
- Date
- 1921-08-26
- Page
- Seite 417 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 34 26. Äugust 1921 Kurze Geschichte des Kongreß-Zionismus. Von Dr. Hillel Hugo Schachtel. Immer war im jüdischen Volke das Streben nach Zion und Jeruschalajim wach, nicht bloß als ein idealer, im Gebet sich äußernder Wunsch, sondern als ganz im Realen wurzelnder Gedanke. So sehen wir in den Memoiren der Glückei von Hameln, die im 17. Jahrhundert in Deutschland lebte, wie ernst die deutschen Juden von damals den Ruf „Sabatai Zwi’s“ zur Rückkehr nach Erez Jisrael aufnahmen, wie sie schon Tonnen und Truhen mit Lebensmitteln und Sachen vollpackten und für den Augenblick der Abreise bereitstellten, und wie enttäuscht sie waren, als es dazu nicht kam. Nur Teile des westlichen Judentums waren es, die unter dem Einfluß der Emanzipationsgedanken des neunzehnten Jahrhunderts von solchen Wünschen abkamen und mit ihren ultralibeiralen Rabbinern Zion nicht bloß aus den Gebetbüchern, sondern auch aus den Herzen strichen. Gleichsam als eine Reaktion auf diese Extreme begannen andere Teile des Judentums praktische Versuche der Wiederinbesitznahme des alten Vaterlandes, indem sie nicht mehr wie frühere Generationen nur zum Beten und Sterben dahingingen, sondern um dort zu wirken und zu schaffen und mit der Hände Fleiß es sich zu erobern. So kam es zur Gründung der ersten Kolonien um 1880 durch die Chowewe Zion, die Freunde Zions, die sich im östlichen Europa in meist kleineren Organisationen vereint hatten. Als Krönung ihres Strebens schwebte ihnen von allem Anfang an die gänzliche Inbesitznahme der alten Volksheimat vor, Männer wie Moses Heß, Kalischer, Smolenskin, Pinsker, Rülf, Nathan Birnbaum, sprachen dies als notwendige Konsequenz des jüdischen Schicksals aus. Von dem Letztgenannten wurde auch der Name Zionismus geprägt. Aber nur der Name entstand. Zur Tat, zur großen, weltbewegenden Tat wurde die Idee erst, als Theodor Herzl kam und gänzlich unabhängig von den anderen, ohne Kenntnis von irgendwelchen Vorgängern, seine Gedanken vom „Judenstaat“ als eines „Versuches einer modernen Lösung der Judenfrage“ der Öffentlichkeit übergab. Und sofort kristallisierten sich um ihn all die vielen Einzelnen, die mehr oder weniger das Gleiche wollten und anstrebten und sich sogar schon „Zionisten“ nannten. Jetzt aber erstand unter dem Einfluß und in der unermüdlichen Arbeit dieses Einen, Genialen der Zionismus, die Zionistische Organisation. Am 29. August 1897 präsentierte sich der aufhorchenden Welt das neuerwachende jüdische Volk im ersten Zionistenkongreß zu Basel, den aller Spott und Hohn, alle geistliche und weltliche Gegnerschaft nicht hatten verhindern können. Das jüdische Volk formulierte seine Forderungen: Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zu ihrer Durchsetzung wurde eine Leitung mit dem Sitze in Wien eingesetzt, der neben Theodor Herzl noch Kahn, Kokesch, Kremenezky und Oscar Marmorek angehörten. Sie war die Spitze der neuen Weltorganisation, der jeder Jude und jede Jüdin sich durch Zahlung des alten Schekel (der einer Mark gleichgesetzt wurde) anschließen konnte. Die nächsten Jahre sind angefüllt von rastloser, unermüdlicher Arbeit vor allem des genialen Führers, alljährlich nur unterbrochen durch die große Heerschau, die weiteren Kongreße, die bis zum siebenten alle, mit Ausnahme des vierten, in Basel stattfanden. Hier wurde Rechenschaft abgelegt über das Geleistete, wurden neue Richtlinien für die weitere Arbeit beraten und festgelegt. Schon der erste Kongreß beschloß wenigstens in der Idee die Schaffung eines großen, allgemeinjüdischen Fonds, des „Jüdischen Nationalfonds“, aus dessen Mitteln der Grund und Boden von Erez Jisrael zu dauerndem Gemeinbesitz des jüdischen Volkes erworben werden sollte. Aber erst 4 Jahre später, beim fünften Kongreß, wurde er wirklich ins Leben, gerufen und wurde bald die beliebteste jüdische Institution. Die 30 Millionen Franken, die ihm bisher zugeflossen sind, und die meist in kleinen und kleinsten Beträgen hergegeben wurden, beweisen es. Auf dem zweiten Kongreß wurde die Schaffung der „Jüdischen Kolonialbank“ als eines finanziellen Instrumentes für die Zwecke der Organisation beschlossen. Auf dem dritten Kongreß wurde als praktisch zu erstrebendes Ziel der „Charter“ proklamiert, gegeben von der türkischen Regierung im Einverständnis mit den Großmächten. Daß Herzl die zionistischen Institutionen sämtlich in London domizilieren ließ, trotz mancher Einwände, die dagegen mit guter Begründung erhoben wurden, — daß er den vierten Kongreß in London abhalten ließ, obwohl die Arbeit des Kongresses darunter leiden, mußte, ist ein Zeichen seines politischen Weitblickes. Er sah von allem Anfang an in Englan d die Großmacht, die für die Verwirklichung des Zionismus von allergrößter Bedeutung sein würde, und traf danach seine Maßnahmen. Aber trotz der anstrengendsten Arbeit, die Herzl vor allem selbst leistete, und bei der er nur von verhältnismäßig wenigen unterstützt wurde (was bei dieser Arbeit ja auch kaum anders möglich war), war doch kein Näherkommen an das Endziel zu sehen. Indessen wuchs die Not der jüdischen Massen im Osten und auch die seelische Not in Zentraleuropa und in Teilen des YVestens. Die Lage der Juden drängte auf Abhilfe. Andererseits wurden Teile der zionistischen Anhängerschaft ungeduldig und verlangten nach einer Betätigung. Daß der fünfte Kongreß die Gegenwartsarbeit proklamierte, die Hebung der jüdischen Lage durch körperliche und geistige Ertüchtigung, und diese Arbeit an vielen Orten und nicht ohne Erfolg einsetzte, konnte nicht genügen. Pogrome hatten stattgefunden, die an Grausamkeit zu übertreffen damals kaum möglich erschien (inzwischen hat die Ukraine uns anderes gelehrt), ein Ausweg aus der Not des Tages mußte geschaffen werden. Einer alten Anregung Davis Trietsch’s folgend, hatte Herzl mit der englischen Regierung Verhandlungen angeknüpft wegen des südlichsten Zipfels Palästinas, der unter englischer Oberhoheit stand, wegen El Arisch. Diese Ver-