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Das jüdische Echo · 1921-08-19 · 33 (19.8.1921) · p. Seite 410

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
33 (19.8.1921)
Date
1921-08-19
Page
Seite 410 (sequence 8)
Language
German
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410 Das Jüdische Echo Nr. 33 Beengungen. Andere untergehende Völker fanden nicht mehr den Weg zum Leben. So die Indianer, die aus ihren alten Lebensbedimgungen verdrängt, ihrer früheren Kultur entwurzelt, der modernen Zivilisation kein Paroli bieten können. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Analogie ihres Schicksals mit dem der Westjuden darzulegen, aber eines gehört festgehalten. Die Indianer haben keine Kulturwerte geschaffen, der Welt keine Bibel, keine Sabbathruhe, kein Recht des Fremden und keinen M en sc hl ich k e i tsg ed an k en ge geben. „Ein Volk, das von Moses bis zu den Propheten, bis Hillel und Jesus von Nazareth, von Spinozza bis Mendelsohn, und Heinrich Heine bis Karl Marx und Lombroso, mit soviel Wirklichkeit und Glanz dem menschlichen Geist und der Zivilisation diente, hat seine letzten Worte noch nicht gesprochen“, glaubte bereits 1911 A. Valensis in den Dokumenten des Fortschrittes prophezeien zu können. Und weiter heißt es dort: „Auf dem Boden seiner Väter physisch neugeboren und der Verwirklichung eines alten durch die soziale Gerechtigkeit verjüngten Ideals nachstrebend, wird es der Menschheit ohne Zweifel eines Tages um so schönere und eigenartigere Früchte bieten, als sie auf den gesegneten Feldern der Freiheit gereift werden.“ Heine meinte, Gott verläßt überhaupt kein Volk und wenn ein Volk aus Ermüdung oder Faulheit einschläft, so bestelle er ihm seine Wecker, die verborgen in irgend einer Abgeschiedenheit ihre auf rüttelnde Stunde erwarten. Und wirklich in den Jahren, in denen die Zersetzung das europäische Judentum erfaßte, entstand eine nationale Bewegung, welche die Juden von den Einwirkungen der europäischen Einflüsse befreien, die normale soziale Struktur und die jüdische Kultur im Lande der Väter erneuern und dort die sichernde Erhaltung der jüdischen Art bewerkstelligen will. Und ein gesundes jüdisches Volk wird werden, allerdings abseits von den Trümmern dieser Judenheit und diese Judenheit verachtend. Diese Pseudojudenheit mit ihrer unjüdischen Politik, mit dem Bruderkrieg aller gegen alle, der Unzahl der religiösen Richtungen, der Nationalen, der Fremdbürtigen. — Diese absterbende Judenheit mit unverbesserlichem, fast verbrecherischem Optimismus jener wie ein Morphiumrausch Dilirierenden oder der im praktischen Pessimismus und im Zynismus Frohlockende, die real das sinkende Schiff verlassen. — Diese demoralisierte Judenheit, deren Mitläufer im Indifferentismus nur den Sinn auf das eigene Wohl, den Beruf und die Genüsse des Lebens gerichtet haben. Wie im Jahrmarktstrubel treiben unverständige Millionäre, schwerfälliger Mittelstand, flatterhafte Juden in Ghettofurcht, Angst vor Pogromen, das Unglück einer anormalen Geschichte und eines unnatürlichen Lebens. Und so bleibt das unglückliche Häuflein der deutschen Juden, schaffenslustig und wissensdurstig, von Erfolgen gesegnet und von Neid und Mißgunst verfolgt. Und ihrem Tun und Leben scheint die alte verklärende Sonne, unbekümmert um die Frage: Ob ihre Gemeinschaft erfolgreich dieses Jahrtausend durchsegeln wird zum sicheren Port, oder ob es wie ein Wrack auf hohem Meer nach vielen glücklichen und schweren Fahrten, von allen Wellen und Winden getrieben, zuletzt ziel- und zwecklos umhergepeiitscht, sich mühselig über Wasser hält bis die Fluten über das lecke Schiff zusammenschlagen. . . . Feuilleton Schmilik.*) Von Scholem Alejche m. Schmilik ist kein erfundener Namen, und das, was ich euch erzählen will, keine Legende. Schmilik ist ein wirklich existierender Mensch, lebt in unserer Gegend, und ich kenne ihn! Ein Bursche von siebzehn Jahren, ein einfacher Junge, ein Dorfjunge von einer Eisenbahnstation. Sein Vater — er heißt Naftali, und die Bauern nennen ihn Pantelej — wohnt bei der Station und lebt von der Eisenbahn; und' da er hier seit mehr als dreißig Jahren lebt und sich in dem Dorfe noch vor den Judenverfolgungen des Grafen Ignatjew niedergelassen hat, so hört er auf alle Minister und ihre Zirkulare wie der Bösewicht Haiman auf die Grager1), vom Pristaw und Revieraufseher schon gar nicht zu reden. Gar mancher Pristaw und mancher Revieraufseher haben sich hier seit der Zeit abgelöst, und ein jeder von ihnen ließ sich Naftalis Papiere zeigen und hatte große Lust, den Juden aus dem Dorfe zu jagen. Es half ihnen aber wie der vorjährige Schnee. Naftali pflegte ganz offen zu erklären: „Ich habe schon mehr als einen Pristaw und einen Revieraufseher überlebt; eher werde ich euch von hier ausräuchern als ihr mich.“ Und er behielt jedesmal recht, denn wie der Pristaw so auch der Revieraufseher gingen nach ganz kurzer Zeit zugrunde, und zwar an unheilbarer Liebe. Ihre Liebe war ungeheuer groß, hatte keine Grenzen und bezog sich auf zwei! Dinge: auf einen den Rubel oder den Schluck Branntwein. Es ist schwer zu sagen was sie eigentlich lieber hatten, den Rubel oder den Schluck Branntwein Ich fürchte, daß sie in dieser Hinsicht einem kleinen Kinde glichen, weiches gefragt wird: „Wen hast du lieber — den Vater oder die Mutter?“ Sollen aber beide in die Erde versinken, wie der Pristaw so auch der Revieraufseher. Wir kehren wieder zu Naftali und seinem Sohn Schmilik zurück. Da Schmilik unter Bauern geboren, erzogen und aufgewachsen ist, so redet er wie ein Goj, kleidet sich wie ein Goj, lebt wie ein Goj, denkt wie ein Goj und kümmert sich nur um gojische Interessen, er weiß ganz genau, was Iwan will, was Iwan hat und was Iwan fehlt; er fühlt, wo Iwan der Schuh drückt, und weiß, was Iwan kann, was Iwan nicht kann und1 was Iwan könnte, wenn Iwan wollte . . . Und da Schmilik immerhin Naftalis und nicht Iwans Sohn ist, so kann er beten und russisch wie jüdisch lesen und schreiben; und da er Naftalis und nicht Iwans Sohn ist, so liest er täglich die Zeitung und weiß, was in der Zeitung über den Krieg, den Frieden, die Streike, Aufstände, Manifeste, Pogrome und andere schöne Sachen steht, die bei uns in unserem gesegneten Lande Vorgehen. _ (Fortsetzung folgt.) *j Aus: „Ostjüdische Novellen,“ zu haben in der Ewer - Buchhandlung, München, Wagmtillerstraße 19. 0 Grager — Schnarre, mit der man am Purim bei Erwähnung des Namens Haman im Buche „Esther“ Katzenmusik macht. Spendenausweis Münchener Spendenausweis. Nationalfonds. Mina und Rosel Biegeleisen grat. der lieb. Frau Hella Nottowitz-München recht herzlich zum Geburtstag 10.—; Frau G. Goldberg anl. der Jahrzeit ihres sei. Vaters 10.—; Farn. Max Fleischer grat. zur Hochzeit Dr. Kleinhaus- Weiß 10.—; H. Strumpf und Frau grat. zu den Ver-

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