Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 32 (12.8.1921)
- Date
- 1921-08-12
- Page
- Seite 393 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 32_12. August 1921 8. Jahrgang Pogrom-Ordnung. In der bayerischen Ordnungszelle hat es ein Pogrome hen gegeben. Keinen richtiggehenden Pogrom mit Mord und Raub, sondern mehr so einen kleinen Probe-Pogrom. Wenn es nicht zu mehr kam, als zu dem, was aus Memmingen berichtet wird, und dessen sich auch ein Halbkulturstaat tief zu schämen hätte, so ist das gewiß nicht das Verdienst der unmittelbaren und mittelbaren Veranstalter, vom Memmihger Arzt Dr. Sicius bis zu den Eck, Hitler, Schlittenbauer und — — Wundert sich jemand, daß es so weit gekommen ist? Merken wir jetzt erst, daß in der vom „Beobachter“, „Miesbacher Anzeiger“, „Bayerischen Vaterland“, — wo Dr. Schlittenbauer SigJs Schatten in den Schatten stellt — unter wohlwollender Neutralität von „angesehenen“ Weltblättern vergifteten politischen Atmosphäre Ausschreitungen schlimmster Art nicht ausbleiiben können? Ach nein, man wundert sich höchstens, daß der gesunde Sinn des bayerischen Volkes noch genug Widerstandskraft gegen) diese gewissenlose und gemeingefährliche Hetze besitzt. Bloß die Behörde, die sonst so ängstlich für die öffentliche Sicherheit besorgt ist und oft verblüfft durch die Art, wo und wiie sie „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ findet — findet nichts dabei Selbst seinen Namen brauchte der Beobachter nur kurze Zeit entbehren. Ja, man ist nicht umsonst das Leibblatt gewichtiger Stellen --. Immerhin der Memminger Probe-Pogrom zeigt Nuancen, die nicht ohne Reiz sind. Es ist selbst bei ganz regelrechten Pogromen nicht üblich, daß der Staatsanwalt auf Verlangen der Pogrom-Helden einen Haftbefehl zur Verfügung stellt und daß die Polizei den Verhafteten dem Pöbel überläßt Es gibt Leute, die meinen, daß dazu die Polizei nicht unbedingt nötig wäre. Sollte die Widerstandskraft der Memminger Polizei-Organe durch eifrige Lektüre der genannten Blätter gelitten haben? Was sagt der Justizminister zu diesem wackeren Staatsanwalt? Was sagt der Minister des Innern zu dieser famosen Polizei? Müßige Fragen. D i e Regierungskunst gab es schon im Mittelalter. Der patriotische Bauer braucht „Anreiz-Preise“ zur Erhöhung seiner Produktion und der — Jude ist der Wucherer. Die Wünsche des so rücksichtsvollen, auf die Not seiner städtischen Volksgenossen so sehr bedachten Bauern sind maßgebend, denn er ist die Hauptstütze der Regierungspartei. Dem Volk als Beruhigung und Entschädigung, als Ventil die Judenhetze. — Bezeichnend, daß die „liberalen“ Münchner Neuesten Nachrichten kaum ein Wort der Kritik dieser Vorfälle finden. WTB. veröffentlicht folgende Darstellung der Vorgänge: Memmingen, 8. Aug. Am Samstag abend kam es hier, dem „Memminger Volksblatt“ zufolge, zu stürmischen Szenen. Eine Volksmenge zog vor das Haus des Käsehändlers Wilhelm Rosenbaum und verlangte von ihm, daß er die Milch billig für die Stadt liefern soll. Rosenbaum erklärte, daß er die Milch täglich nach Nürnberg sende und daher nicht in der Lage sei, nach Memmingen zu liefern. Es müßte ihm erst von der Landesfettstelle eine Einwilligung hiezu verschafft werden. Rosenbaum versprach, seinen Einfluß bei den Käsern geltend zu machen, um billige Milch in die Stadt zu liefern. Die Demonstranten sandten hierauf eine neuerliche Deputation zu Rosenbaum, die von ihm die Zahlung einer halben Million Mark für die Armenkasse verlangte. Während dileser Verhandlungen hatte sich die Menge vor der Villa Rosenbaums auf mehrere hundert Personen erhöht, aus deren Mitte Rufe laut wurden wie „Heraus mit dem Schieber!“ „Heraus mit dem Juden!“ „An den Galgen!“ Die Deputation kehrte unverrichteter Dinge zurück und suchte die Menge zu beschwichtigen; es war aber umsonst. Die Leute schrien: „Alle Juden gehören an den Galgen!“ Darum begab sich eine Deputation zum 1. Staatsanwalt und verlangte dile Verhaftung Rosenbaums. Vor der Villa erschien Bürgermeister Braun, um die Demonstranten zu beruhigen, was jedoch auch ihm nicht gelang. Die Situation wurde immer bedrohlicher und, als dann der Haftbefehl des Staatsanwalts eintraf, forderte die Menge, daß Rosenbaum herauskomme. In großem Zuge wurde Rosenbaum durch die ganze Stadt geführt, hiebei angespuckt, geprügelt und mit großen Kuhglocken angehängt und ausgeläutet unter fortwährendem Anschreien wie Lump, Schieber, Wucherer, Mörder usw. Vom Marktplatz, wo die Demonstranten Rosenbaum als warnendes Beispiel hingestellt hatten, wurde er sodann, schrecklich zugerichtet, ins Gefängnis gebracht. Die Schutzleute mußten alles aufbieten, daß Rosenbaum nicht erschlagen wurde. Nach dieser Demonstration begaben sich die Lebensmitteldemonstranten zum Pferdehändler Max Guggenheimer und zum Hadernhändler David Sommer, um auch dort Radau zu machen, trotzdem die Letztgenannten mit dem Handel von Lebensmitteln nichts zu tun haben. Dile Demonstrationen scheinen von langer Hand vorbereitet zu sein. Wie feststeht soll die treibende Kraft ein gewisser Dr. Sicius, ein in Memmingen ansässiger Arzt, sein, der versuchte, die Massen auf die Juden zu hetzen. Am gestrigen Sonntag herrschte in Memmingen wieder Ruhe; trotzdem ist die Stimmung in der Stadt erregt so daß weitere Ausschreitungen zu befürchten sind. Über die Ausschreitungen soll bereits eine strenge Untersuchung eingeleitet sein. Ostjudendebatte im preußischen Landtag. Bei der Beratung des Notetats kam es an den letzten beiden Sitzungstagen des preußischen Parlaments zu ausführlichen Erörterungen der Ostjudenfrage. Es hat sich dabei gezeigt daß die Arbeit der jüdischen Organisationen, insbesondere des Arbeiterfürsorgeamtes und des Arbeitsamtes, auch auf bisher uninteressierte oder falsch informierte Kreise großen Eindruck gemacht hat, und daß allmählich die Irrtümer, die über die Ostjudenfrage in Deutschland verbreitet sind, einer klareren Erkenntnis zu weichen beginnen. Besonders ist zu bemerken, daß diesmal von den reaktionären antisemitischen Parteien es keiner wagen