Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1921-07-29 · 30 (29.7.1921) · p. Seite 371

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
30 (29.7.1921)
Date
1921-07-29
Page
Seite 371 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103024-9144856--04224-9077049
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 30 Das Jüdische Echo 371 kenne sie genau, da er unter Balfour diplomatisch gearbeitet habe. Eine Bewegung, die Männer wie Masaryk und Benesch unterstützten, die Männer wie Weitzmann und Sokolow führen, könne man nicht genug hochschätzen. * Hierauf fand im großen Luzera-Saal eine Volksversammlung statt. Der Saal, der größte und schönste, den Prag aufzuweisen hat, war biis auf den Giebel gefüllt, es mögen an 2000 Personen anwesend gewesen sein, welche in begeisterter Stimmung den Reden folgten. Präsident Dr. Singer eröffnet die Versammlung. Hierauf spricht Rabbiner Dr. Sicher. Heute sei unendlich viel erreicht, aber wie die letzten Ereignisse zeigen, lange noch nicht alles. Das ganze jüdische Volk müsse hinter dem A.-C. stehen, müsse zur Balfour- Deklaration erst seine eigene Deklaration geben. Die Seele des jüdischen Volkes lebe nicht in jenen, welche nur an ihren Vorteil denken, sondern — mit einer Geste zu den Mitgliedern der Exekutive — in jenen Männern, die für die Renaissance im jüdischen Volke arbeiten. Der Keren-Hajessod ist der Prüfstein des jüdischen Volkes, hier werden wir zeigen, ob wir das Geld zu heiligen vermögen. Nach sehr interessanten Ansprachen Ussischkins und Sokolows, die wiederzugeben uns leider der Raum fehlt, ergriff Wladimir Jabotinsky das Wort zu folgenden Ausführungen: Palästina ist unser Land. Die Zahl der Araber auf der ganzen Welt ist etwa so groß, wie die Zahl der Franzosen, aber ihr Land, das sie bewohnen, ist lömal größer wie Frankreich. Wenn das große Unrecht gut gemacht wird, das an uns geschehen ist, so werden die Araber nicht ärmer sein, aber ein großes Unrecht wirdi von der Welt geschwunden sein. 20 Menschen wohnen auf eiinem Quadratkilometer. Wir werden die 20 Menschen dort lassen, aber wir werden den Quadratkilometer so entwickeln, daß 15mal so viele Menschen dort wohnen werden. Laßt uns Palästina entwickeln, dann werden wir eine Heimat haben, und den Arabern wird es ein Segen sein. Wird man aber uns daran hindern, so werden wir gezwungen sein, diejenige Antwort zu geben, die wir bei Petach-Tikwah gegeben haben. Der Grund, daß es zu den Ausschreitungen kommen konnte, ist der, daß das jüdische Volk seine Pflicht nicht getan hat. Man fühlte nicht den Segen, man fühlte nicht die Energie des jüdischen Volkes, die sich in Menschen und in Geld ausdrücken muß. Die Welle, welche uns die Tür nach Palästina mit Macht aufreißen, auf halten soll, ist der Keren- Hajessod. Ich will hier nicht über seine Konstruktion, ich will über seine Romantik sprechen. Jabotinsky führt vier Bilder vor die Augen seiner Hörer, zauberte sie mit der ganzen Kraft seiner Sprache und seiner Magie vor. Erstens schildert er den Landhunger des jüdischen Volkes, zweitens die unerhörte Wiedergeburt der hebräischen Sprache, er erinnert daran, wie Elieser ben Jehuda vor Jahrzehnten zu dem berühmten Hebraisten Rabbi Mohileweir kam, wie er ihn in hebräischer Sprache anredete, und wie dieser, nachdem er iihn anfangs gar nicht verstanden hatte, ihn schließlich abfertigte: „Macht mich nicht narrisch, red wie ein Mensch!“ Das dritte Bild ist eine Schilderung des Chamische-osser bischwat, zu dessen Feier die Kinder kleine Bäumchen pflanzen. Es wird eine Zeit kommen, wo das gelbe Palästina einst grün sein wird. Und zum vierten sprach er von der genialen Idee des russischen Ingenieurs Ruthenberg. Der Jordan hat ein Gefälle von 400 Meter. Aus diesem latenten Wasserfall will Ruthenberg einen, wirklichen machen, und auf diese Weise ganz Palästina mit elektrischer Kraft versorgen. Für all das ist die Voraussetzung, das Instrument, der Keren-Hajessod. In diesen 4 Bildern sind seine Aufgaben umschrieben, darin hegt seine Romantik. Jabotinsky gedenkt schließlich der für Palästina Gefallenen. Ich will sie erinnern, ruft er, was der Jude vor einem offenen Grabe sagt. Er weint nicht Es gibt keine Worte vom Gestorbenen im Kadldischgebet. Darin liegt ein tiefer Sinn. Der Jude meint, daß seine Feinde die Schedim und der Satan selbst, wenn ihn ein Unglück trifft, begierig darnach lauern, daß er fluchen werde, daß er an der Gerechtigkeit der Welt verzweifeln werde. Und der Jude weiß das und steht mit gebeugtem Kopf und erhebt seinen Kopf und aus seiner Seele strömt das heiße Dankgebet „Jisgadal wjiskadasch“. Das sagen auch wir, über dem offenen Grabe der Gefallenen Palästinas, wir weinen nicht, wir jammern nicht, wir rufen unser „Jisgadal wjiskadesch“: das Ideal, für welches sie gestorben sind: „Groß wird es sein, heilig wird es sein, das Reich Judas wird kommen!“ Die Forderungen der Juden in Palästina. Der „Wiener Morgenzeitung“ entnehmen wir folgende Meldung des Jüd. Korr.-Büros: Einem soeben aus Jerusalem eingelangten verstümmelten Bericht zufolge empfing der Oberkommissar Sir Herbert Samuel das Präsidium des Waad Leumi in längerer Audienz, wobei sich eine eingehende Aussprache über die Lage im Lande und über die Wünsche der jüdischen Bevölkerung Palästinas entwickelte. Der High Commissioner nahm die Beschwerden des Präsidiums des Waad Leumi. entgegen und erklärte, daß man allmählich wieder auf die Beschränkungen, die von Anfang an, also vor dem 3. Juni, in Geltung waren, zurückgehe. Bezüglich jener größeren Einwanderungsgruppen, die nicht ins Land kommen dürfen, obwohl sie im Besitz britischer Visa sind, sagte Sir Herbert Samuel, daß die Konsulen diesen Einwanderern wohl auf Grund der Empfehlung der zionistischen Organisation Visen erteilten, es stellte sich aber heraus, daß unter ihnen Bolschewiken waren. In Konstantinopel hätten von 150 Gesuchstellern aus diesen und anderen Gründen nur 70 die Einreisebewilligung erhalten. In Triest und Wien habe Major Morris dem größten Teil der Chaluzim die Einreisebewilligung erteilt. Das Präsidium des Waad Leumi erklärte, daß es sich weiterhin um die Aufhebung der am 3. Juni festgesetzten unnatürlichen Beschränkungen bemühen werde. Sir Herbert Samuel erwiderte, es bestehe die Gefahr der Arbeitslosigkeit, da die palästinensische Regierung keine Anleihe erhalten habe und daher die öffentlichen Arbeiten einstellen müsse. Man müsse für künftige Einwanderer die Arbeit erst vorbereiten. Dagegen meinten die Vertreter des Waad Leumi, das seit der Eroberung des Landes durch die Engländer 18 000 bis 20 000 Juden einwanderten. Nur 2000 von ihnen haben Beschäftigung bei den öffentlichen Arbeiten gefunden; dies ist nur ein kleiner Teil der bei den öffentlichen Arbeiten Beschäftigten und entspricht dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung im Lande. Hätte man für die Einwanderer erst einen Arbeitsplatz finden müssen, so wäre nur ein kleiner Teil von ihnen ins Land gekommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.