Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 24 (17.6.1921)
- Date
- 1921-06-17
- Page
- Seite 301 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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aNr. 24 Das Jüdische Echo 301 Volke im Golus ist. Aber diie heutigen Kabzansker Gemeindeführer haben zwar das Volk lieb und klagen auch, aber auf eine neue Weise. Es sind keine verweinten Seelen mehr wie die alten. Heut sind es kecke Leute; —. mögen sie im Herzen wissen, wie bös es steht, sie machen ein fröhliches Gesicht und mit lächelnden Mienen versichern sie, daß ihre Partei gewachsen ist und mit Gottes Hilfe alles gut werden wird, mögen die Schmelkenikes zerbrochen werden. Ja, es ist ein Zerbrechen, ein Zersetzen! Beide Parteien wollen einander verbrennen. Und Kabzansk steht in Flammen. Indes der Aufruhr durch die Stadt braust, erhöht der Gutsherr den Mietzins für die Kabzansker Häuser um ein zehnfaches und gibt mit jenem garstigen Fluchwort den Bürgern kund und zu wissen: er werde durch eine Eingabe an die zuständige Stelle durchsetzen, daß alle, die nicht gutwillig den erhöhten Mietzins zahlen, aus all jenen Häusern vertrieben werden würden, die auf seinem Grunde stehen. Und mächtiger noch schwillt die Erregung an: das ist ja gar nicht mehr auszuhalten, das geht über die Kraft. Natürlich eilt man auf den Gutshof zum Herrn und schreit, in die Knie sinkend: Edler Herr, laß dein Erbarmen walten über uns! Aber der Graf antwortet nicht Walten läßt er, seine Hunde läßt er ihres Amtes walten! Sie springen den Armen an die Waden, auf die Schultern* und — man entläuft. Nun! wenn Bitten nicht helfen, treten wir mutig dem Herrn entgegen. Was soll das heißen? tüftelt man, Zins ist Zins. E i m Preis für immer. Die Häuser sind unsere; unsere Väter haben sie uns vererbt. Will er nicht mit Gutem, dann müssen wir ihn verklagen. Noch gibt es Recht und Billigkeit auf der Welt. So hat Kabzansk — gottlob — wieder ein neues Geschäft. Braucht man doch wieder die richtigen Macher, und dazu hat man doch jene Leutchen, jene tüchtigen Leutchen! Es versteht sich, daß man gerade sie aussucht um sie an die Regierung zu schicken. Braucht man doch Spesen. Die Fahrt hin, die Fahrt zurück, essen und trinken auf der Reise kostet Geld. Und was wird aus den Weibern? Die Frauen, die daheim bleiben, müssen auch zum Leben haben. Und so kehrt man alle Kasten aus, und von dem Gelde, das man wegen der Viehweide gesammelt hat, nimmt man auch etwas. Kabzansk opfert sich auf. Und ganz Kabzansk wirft sich auf die Juristerei. Kind und Kegel schärft den Sinn, sucht alle Spitzfindigkeiten heraus wie studierte Advokaten. Unter ihnen finden sich auch viel große und kleine Rabulisten — unberufen. Kabzansk liegt nichts mehr im Sinn als ihre Gerichtssache, und die Ungeduld spricht ihnen aus ihren Augen, mit der sie den Ausgang erwarten. Sie haben iihn — gottlob — erlebt. Die Verhandlungen beginnen und — man verliert den Prozeß. Und warum? Auf dem Gericht gibt man die Erklärung: den Zins darf der Gutsherr nach dem Gesetz in der Tat nicht erhöhen. Aber da der Kabzansker Graf früher einmal einigen Bürgern des Städtchens den Zins um einige Kopeken im Jahr erhöht hatte, ohne daß jemand dagegen protestiert hätte, so beweist das nur, daß die Kabzansker auf dem Boden des Grafen nicht wohnen auf Grund eines Zinsvertrages, sondern auf Grund einer Pachtung. Und Pacht — sagt das Gesetz — kann der Besitzer erhöhen, wann er will und soviel er will. Und nicht genug, daß die Kabzansker den Prozeß verlieren, müssen die Kabzansker noch die Gerichtskosten zahlen — gar einen Haufen Geld! Kabzansk ist von einer Not tief in eine andere Not geraten. Aber wie rettet man sich da heraus? In alter Zeit, wenn da Kabzansk einmal in der Klemme war, hätte man sich in der Tat keinen Rat geben können. Aber das Kabzansk von heut ist nicht das Kabzansk von einst. Heut ist das Volk ein anderes geworden. Die ewigen Wirren der letzten Zeit haben das Blut zum Sieden gebracht und aufgepeitscht zur Trotzigkeit. Der Kabzansker Jude von heut ist wie Feuer. Nur ein Wort, das ihm nicht paßt, und gleich schießen ihm wie auf Schrauben scharfe, stechende Antworten stürmisch von den Lippen. Die vielen Aufgaben in letzter Zeit haben aus den Kabzanskern große Schlauköpfe gemacht: Ratgeber, Sachverständige im Handel, in Rechtssachen, im Bankfach und in allen möglichen Geschäften. Diplomatie, Politik und gar Protokolle, Appellationen usw., die Worte führt jeder Chederjunge im Munde und tüftelt daran herum. Mit Ratschlägen war Kabzansk Gott sei Dank gut versorgt. Das Unglück nur ist: es gab der Ratschläge zu viele. Und so haben denn einige geraten, man solle zum Grafen einen ihm Nahestehenden schicken und ihn um Erbarmen bitten lassen. Und sie dachten dabei an das Sprichwort: „Wenn man nicht drüber weg kann, so geht man unten durch.“ Andere sagten: „Ja und nein. Hinschicken, ja! Aber direkt um Erbarmen bitten: nein! Man sollte die Sache politisch anfassen, z. B. ihm so im Gespräch folgende Frage vorlegen: Was kann Kabzansk für Euch für einen Wert haben ohne die Kabzansker?“ Aber eine andere Partei schrie: „Auf Erbarmen könnt ihr lange warten, mit Anspielungen kommt ihr überhaupt nicht vom Fleck. Das beste ist, an die oberste Instanz zu appellieren. Wenn eine Gemeinde nur will, wird sies auch erreichen ...“ Kurz, die sagten so und jene sagten so — auf keinen Vorschlag einigte man sich und soviel Ratschläge, soviel Parteien. Kabzansk versank immer tiefer in den Strudel. Pesach-Zeit! Nach soviel Kopfzerbrechen, nach soviel Weh hatte man — gelobt sei Gott — den lieben Gast, den Pesach empfangen. Allüberall spürte man ihn. In der Klaus und daheim. Die Luft duftet nach Pesach. nach seinen Knödeln und seinem Backwerk. Und er dringt jedem. Alt und Jung, Arm und Reich, tief in die Seele. Lustig wird sie und fröhlich. Kabzansk strahlt. Freilich, schöne Gewänder sah man nicht. Nur ein weißes Hemd und den langen, alten sabbatlichen Rock. Und doch strahlt Kabzansk. Truthähne aß man auch nicht, und Kompott und Wein sah man nirgend. Um das Gebot zu erfüllen, ißt man ein Stückchen Fleisch mit frisch geriebenem Meerrettich und bäuerischem Gemüse; trinkt Lakritzenwasser, ein Gläschen Rosinenwein und ist doch fröhlich und erquickt sich an der Auserwähltheit des Volkes Israel, wie sie die Gebete künden, an Festtagsliedern und Gesang. Es ist eine Erholung, eine Wiedergeburt, als ruhte auf der Gemeinde der Abglanz Gottes. Armes Kabzansk! Gejagtes Kabzansk! Nach soviel Leidjen ein ganzes Jahr hindurch habt