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Das jüdische Echo · 1921-06-10 · 23 (10.6.1921) · p. Seite 287

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
23 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
Seite 287 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 287 Eine unglaubliche Wirkung hat der Hilferuf der Wiener Judenschaft überall ausgelöst. Es laufen aus den entferntesten Ländern bei dem Wiener Hilfskomitee ansehnliche Geldspenden, zahlreiche Adoptionsanbietungen und andere sehr erfreuliche Anbote der Versorgung von Pogromwaisen ein. So hat das Waisenhaus der Kultusgemeinde in Fürth mitgeteilt, daß es eine größere Anzahl von Kindern übernehmen will und auch eine ansehnliche Zahl von Prüvatfamilien der genannten Stadt will Pogromwaisen adoptieren. Sehr zahlreich sind Spenden und Versorgungsanbietungen auch aus der Tschecho-Slowakei beim Wiener Komitee eingelaufen. Aus Preßburg allein liegen zwanzig Kinderversorgungsanbote vor. Wer ein ukrainisches Waisenkind zur Versorgung und Erziehung übernimmt, erspart der jüdischen Welthilfsaktibn einen Betrag von rund einer halben Million polnischer Mark (dieser Betrag ist für eine zehnjährige Erhaltungs- und Erziehungsperiode eines Kindes erforderlich). Die Veranstalter erhoffen sich von den kommenden Wochen überraschende Resultate und sind überzeugt, daß die rühmliche Hilfsbereitschaft der jüdischen Bevölkerung diese Hoffnung nicht täuschen wird. Jüdisches Institut iür Jugendforschung und -Erziehung. (W. Mrgztg.) In Palästina und im Osten verbreitet sich immer mehr die Einsicht, daß für die Entwicklung des jüdischen Erziehungswesens diie Bekanntschaft mit den in Amerika und Europa gemachten Versuchen zur Reform des Schulwesens und zur Einführung neuer Methoden in den Unterricht die Kenntnisnahme der Resultate der modernen psychologischen und pädagogischen Wissenschaft äußerst fruchtbringend wäre. Viele Lehrer aus Palästina und dem Osten bemühen sich daher, in kürzeren oder längeren Urlauben auf Studienreisen diese Lücken in ihren Kenntnissen auszufüllen. Das jüdische Institut für Jugendforschung und -Erziehung beabsichtigt, im Einvernehmen mit den derzeit in Europa auf Urlaub befindlichen Lehrern aus Palästina für den heurigen Sommer einen Ferialkurs in Wien abzuhalten, der in der Zeit vom 15. Juli bis 8. Oktober durchgeführt werden wird, wozu Lehrer und Kindergärtnerinnen aller Kategorien eingeladen werden. Die Hauptaufgabe des Kurses ist: 1. Das Studium der modernen Psychologie, insbesondere Kinderpsychologie; 2. die Anleitung zu wissenschaftlichen Arbeiten auf dem gesamten Gebiete der Psychologie und Pädagogik; 3. systematische übersichtliche Kenntnisnahme der derzeit in Europa und Amerika im Versuchsstadium befindlichen Methoden (Arbeitsschule, Montessori, Berthold Otto, Schulgemeinde usw.). Der Unterrichtsbetrieb im Ferialkurs wird grundsätzlich seminaristisch organisiert, so daß die Teilnehmer praktisch und selbsttätig einen möglichst tiefen Einblick in das behandelte Material gewinnen können. Das Ziel des Kurses ist, den Teilnehmern nach; ihrer Absolvierung alle Voraussetzungen gegeben zu haben, die nötig sind, damit sie am Orte ihrer beruflichen Wirksamkeit selbständige weitere Versuche machen können. Der Ferialkurs steht unter der Leitung Doktor Siegfried Bernfelds. Für die einzelnen Kurse ist eine Anzahl vorzüglicher Dozenten aus Wien und Deutschland gesichert. Die Teilnehmerzahl am Kurs ist beschränkt, daher sind alle Interessenten gebeten, sich umgehend anzumelden. Anfragen ist Rückporto in den kursierenden Briefmarken des Anfragelandes beizulegen. Auskünfte jeder Art erteilt das Jüdische Institut für Jugendforschung und -Erziehung, WiQn. XIII/9, Suppegasse 10, in deutscher, jüdischer und hebräischer Sprache. Greuel Im Internierungslager Stargard. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands teilt folgendes mit: Wie bekannt, existiert seit ungefähr einem Vierteljahr ein Internierungslager für sogenannte „lästige Ausländer“ in Stargard. Während in der ersten Zeit hauptsächlich Ausländer dort interniert wurden, die sich irgendwelcher krimineller Vergehen schuldig gemacht hatten, sind in letzter Zeit leider auch zahlreiche Ausländer interniert worden, die früher einmal wegen zeitweiliger Arbeitslosigkeit ausgewiesen wurden, ohne die Möglichkeit zu haben, der Ausweisung nachzukommen, da ihnen die Rückkehr in die Heimat wegen der bekannten Zustände im Osten Europas zur Zeit nicht möglich war. Unter den so Internierten befindet sich eine größere Anzahl ostjüdischer Flüchtlinge und Arbeiter. Nun haben sich im Lager Stargard in der letzten Zeit die Verhältnisse ganz außerordentlich verschlechtert. Die Behandlung der Internierten von Seiten der Wachmannschaften spricht allen menschlichen Empfindungen Hohn. Das Arbeiterfürsorgeamt hat die Fälle untersucht und festgestellt, daß zahlreiche Internierte unbarmherzig geschlagen und mißhandelt wurden. Die Internierten werden mit den gemeinsten Ausdrücken beschimpt. Infolge der Mißhandlungen, sowie der außerordentlich schlechten Unterbringung und der mangelhaften Verpflegung ist die Zahl der im Lazarett liegenden Kranken eine außerordentlich hohe. Der Verkehr der Internierten mit der Außenwelt unterliegt schweren Beschränkungen. Der Briefverkehr wird zensuriert. Die Klagen der Gefangenen werden nicht genügend beachtet. Vor einigen Tagen ist im Lager Stargard eine mit 80 Mann belegte Baracke abgebrannt. Da absolut keine Löschmittel zur Verfügung standen, die Wachmannschaften offenbar, entgegen ihrer Pflicht, nicht rechtzeitig einsprangen, brannte die ganze Baracke nieder. Mehrere Internierte erlitten Brandwunden, darunter einer sehr schwere. Die Kleider der Internierten, deren Wertsachen und ihre Papiere sind verbrannt. Da die Baracke verschlossen war. sprangen die Internierten zum Fenster heraus. Sie wurden daraufhin von den Wachmannschaften beschimpft und zum Teil mit Kolbenschlägen mißhandelt. Am folgenden Tage beim Appell wurde den Internierten angedroht, daß sie, falls nochmals eine Baracke in Brand geraten würde, nicht mehr herausspringen dürften, sie sollten ruhig verbrennen. Das Arbeiterfürsorgeamt hat sofort an Ort und Stelle die Vorkommnisse nachgeprüft und dann beim Ministerium schärfsten Einspruch erhoben. Das Ministerium des Innern teilt mit, daß es sofort eine strenge Untersuchung der Vorfälle eingeleitet hat. Ein höherer Beamter des Ministeriums ist nach Stargard entsandt worden. Es muß anerkannt werden, daß das Ministerium demnach schnell eingreift. Wir erwarten nunmehr die unverzügliche Abstellung dieser’ unglaublichen Mißstände.

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