Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 23 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- Seite 285 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 23 10. Juni 1921 8. Jahrgang Schobuoth. M. Schweitzer, München. Unsere jüdischen Feste begnügen sich nicht mit einer Benennung, sie haben mehrere Namen. In der Thauro ist meist die Bezeichnung die primäre, in welcher das agrarische Element zum Ausdruck kommt. Dieses gemeinsame Merkmal tritt in ganz besonderer Form bei dem Wochenfest hervor; es ist das Fest der Erstlingsfrüchte. So berichtet uns die Mischna bikurim in ihrem dritten Kapitel. Wie werden die Erstlinge abgesondert? Wenn jemand in sein Feld geht und erblickt eine reifende Feige, Weintraube, einen Granatapfel, so umwindet er sie mit einem Baststreifen und spricht dazu: diese seien als Erstlinge bestimmt. Wie wurden die Erstlinge nach Jerusalem gebracht? Alle zu einem Landkreis gehörigen Orte versammeln sich in der Kreisstadt. Es gab in Palästina 24 Kreisstädte. Sie traten nicht in die Häuser ein, sondern sie lagerten auf den freien Plätzen der Stadt. Des Morgens in der Frühe redete ein Beamter sie mit den Worten an: „Auf, laßt uns nach Zion, hinaufziehen zum Tempel unseres Gottes.“ Auf dem Wege sangen sie bestimmte Jubelhymnen, den Psalmen entnommen. Wer nahe der Stadt wohnte, brachte frische Erstlinge, entfernt Wohnende brachten getrocknete Früchte. Der zum Festopfer bestimmte Ochse ging vor ihnen her, seine Hörner waren mit Gold belegt, und ein Kranz aus ölbaumzweigen war um seinen Kopf gewunden. Die Pfeife ertönte vor ihnen, bis sie das Weichbild der Stadt betreten hatten. Dann wurden Boten vorausgeschickt, bekränzten die Früchte, und es kamen so viel Beamte ihnen entgegen, als der Achtung der Kommenden entsprach. Die Handwerker in Jerusalem standen vor ihnen auf und begrüßten sie mit den Worten: „Ihr Brüder aus dem und dem Orte, seid uns willkommen!“ Die Pfeife tönte fort, bis man zum Tempelberg gelangte. Dann nahm jeder, selbst König Agrippa, seinen Korb auf die Schulter und trug ihn bis an den Vorhof. Die Leviten stimmten dann den Hymnus an: „Ich erhebe Dich, Gott, weil Du mich aus der Tiefe gezogen hast und läßt meine Feinde nicht über mich triumphieren.“ *) Noch viel wird erzählt von der Freude, die diese Vorgänge auslösten. Fast könnte man glauben, in dieser Schilderung den Urtyp für die landwirtschaftlichen Ausstellungen unserer Tage zu erblicken. Und merkwürdig! Der gesetzliche Teil der Thauro findet mit der Bestimmung des ü'TD'a- Gesetzes seinen Abschluß. Als sollte damit in jedem jüdischen Manne das Bewußtsein seines nationalgeschichtlichen Ursprungs und damit auch seiner nationalgesetzlichen Aufgabe lebendig bleiben. Aber mit dem Hinaufbringen der Erstlingsfrüchte war auch ein Bekenntnis abzulegen. Es beginnt mit einem Rückblick auf den Uranfang der jüdischen Volksgeschichte. Dieser läßt allerdings keine zukunftsfrohen Aussichten hervortreten. *) Psalm 30. Das Golusgeschick wurde uns schon in die Wiege gelegt. Die wiederholten Verheißungen auf dauernden Landbesitz erfüllten sich noch nicht. Die Ahnen wandern. Eine zukunftslose Jakobfamilie zieht nach Mizraim, nachdem sie vorher auf aramäischem Boden von einem herzlosen Laban zur Auswanderung gezwungen war. In diesem geschichtlichen Rückblick der Bikurimbringer werden die bitteren Leidensstationen des Golus Mizraim nicht verschwiegen. Nun erhellt sich der Blick und — auf die Produkte des heimatlichen Bodens zeigend — entströmen Worte des Dankes, die sich zu hinr reißender Freude steigern, den Lippen der Wallfahrer. Diese Feststimmung hielt lange an. Während des ganzen Sommers konnten die Repräsentanten des Frucht- und Erntesegens nach Zion gebracht werden. So wäre das Wochen- oder Bikurimfest am ehesten geeignet, den Förderern des Aufbaugedankens unserer Urheimat doch etwas zu sagen. Außerhalb aller menschlichen Berechnungen lag die Verwirklichung des Ideals ein Volk zu werden, das auf seiner eigenen Scholle seinen Bestimmungen leben kann. Nur das zähe Festhalten an der endlichen Erfüllung der Verheißung ließ sie alle Hindernisse überwinden. In nicht mißzuverstehender Weise wird aber auch aufgezeigt, daß zur Gründung eines Volkskörpers ein höherer Wille und eine mehr als menschliche Macht gehört. Lehren uns doch die palästinensischen Vorgänge der letzten Zeit, daß jede Ackerfurche, mühsam erkämpft, uns wieder streitig gemacht wird. Ein Schritt vorwärts, zehn Schritte rückwärts, so steht am Eingang der zionistischen Bewegung. Diese Schwelle ist noch nicht überschritten. Aber dem, der von der Seite aus dem. Gange im Ringen folgt, dämmert im Anblick des Bikurimfestes der Gedanke auf, es könnte doch der Tag erscheinen, an dem aus dem Zion von heute jenes Zion hervorgeht, das unsere Propheten erschaut, und der Ruf ertönt: Auf, laßt uns nach Zion zum Hause unseres Gottes wandern! Die Zentralratssitzung der jüdischen Welthilfskonferenz in Wien. Gegen Ende Mai fanden in Wien die ersten Sitzungen des Zentralrats der Jüdischen Welthilfszentrale statt, zu denen eine Majorität der Mitglieder erschienen war. Zur Beratung standen folgende Punkte: 1. Bericht der Exekutive; 2. Kinderhülfe; 3. Hilfe für Flüchtlinge — Emigration; 4. Reorganisationsfrage und Kooptierung neuer Mitglieder in die Exekutive und den Zentralrat. Nach Erledigung der Formalitäten erstattete Leo M o z k i n den Bericht über die Tätigkeit der Exekutive seit der Karlsbader Welthilfskonferenz. Er führt aus, daß es der Exekutive gelungen ist, die jüdische Öffentlichkeit über die Prinzipien in der Hilfsarbeit, die von der Karlsbader Konferenz festgelegt waren, zu informieren, wie auch zeitweise eine Koordinierung