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Das jüdische Echo · 1921-06-03 · 22 (3.6.1921) · p. Seite 273

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
22 (3.6.1921)
Date
1921-06-03
Page
Seite 273 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 22 3. Juni 1921 8. Jahrgang Krise In perpetuum? Eine bestimmte Sorte von Menschen, die „Beschäftigung“ und „Tun“ nicht auseinanderhalten können, pflegt gewöhnlich die Frage zu stellen: „Was haben Sie schon für den Zionismus getan?“ Heute wird die tragische Lächerlichkeit dieser Frage klarer denn je. Nichts haben wir getan: alle miteinander nichts! Wir haben bestenfalls ein wenig Geld gegeben, hierhin und dorthin, an den Keren-Hajessod, an den National-Fonds, Schekel gezahlt oder wir haben agitiert, propagiert, Artikel geschrieben, oder wenn zu alldem die geistigen oder wirtschaftlichen Kräfte nicht ausreichten, Theorien aufgestellt. Das ist alles, was wir bisher getan haben. Konnten wir Zionisten mehr tun? Sicher —, wenn auch sehr viele unter uns nur unter völligem Verzicht auf alle Wünsche Ziele und Bestrebungen, die außerhalb des Zionismus liegen. Aber eben das heißt die Aufgabe begreifen, die unserer Generation gestellt ist. Soll es denn wirklich so sein, daß wir nichts anderes sind als die Generation, die Moses noch 40 Jahre durch die Wüste führen mußte? Wir wollen jetzt nicht untersuchen, was hätte geschehen sollen, wir wollen jetzt nicht die historische Schuldfirage stellen. Wir alle, die zionistische Organisation und die Masse der Zionisten haben gleiche Schuld daran. Man hat uns die politische Macht in die Hand gegeben und wie haben wir sie ausgenützt? Was ist an neuen Kolonien errichtet worden, wie sind die alten ausgebaut worden, wo sind die neuen Schulen, über deren Aufbau man jahrelang die schwierigsten Theorien aufgestellt hat, was sah der englische Minister Churchill an wirklichem Neuaufbau. als er vor zwei Monaten nach Palästina kam? Was kann er dem englischen Parlament berichten, um das Mandat über Palästina vor dem englischen Volk zu rechtfertigen? Ach nichts, so gut wie garnichts! Das Volk, das den anderen Völkern die besten Politiker stellt, für seine eigenen politischen Aufgaben ist es blind und ohnmächtig. In dem Augenblick, in dem die eigentliche Aufbauarbeit beginnen sollte, fängt ein großer Teil der amerikanischen Zionisten, d. h. also der Valutakräftigsten, an zu streiken, kein Geld zu geben, nicht weil sie aufgehört haben Zionisten zu sein, sondern weil sie theoretisch über vieles anders und grundlegend verschieden denken als die zionistische Organisation in Europa. Und der übrige Teil der Zionisten hat es nicht viel besser gemacht. Er hat sich zwar zu einem radikaleren Programm des Zionismus bekannt, aber die Summen an Geld, die er aufgebracht hat, entsprechen keineswegs seiner Leistungsfähigkeit. So vom Volk im Stich gelassen, mußte die Stellung der jüdischen Behörden in Palästina und des durchaus zionistenfreundlich gesinnten jüdischen Oberkommissars Sir Herbert Samuel so schwach bleiben, daß es zu der Mai- Revolte der Araber gegen die jüdische Einwanderung in Palästina gekommen ist Wir könnten auf die Araber, auf die Engländer, auf die Kommunisten die Schuld an den blutigen und furchtbaren Ereignissen abwälzen, wir wollen aber lieber den Mut haben offen einzugestehen, wir selbst, das jüdische Volk in der Diaspora ist durch seine egoistische und fahrlässige Sorglosigkeit gegenüber dem Palästinawerk daran schuld, und nicht zuletzt die Zionisten selbst in ihrer Kritiklosigkeit und Bequemlichkeit gegenüber dem, was seit den Tagen von S. Remo von Seiten der Leitung alles — nicht getan ist. Was ist denn geschehen? Es ist für uns in Europa sehr schwer, aus den nicht sehr zahlreichen und klaren, meist irgendwie tendenziös gefärbten Berichten sich ein Bild über die Vorgänge zu machen. Eins steht fest: Der Aufstand der Araber, an dem sich auch die arabische Polizei beteiligte, war wohl vorbereitet. Aber man soll nicht sofort in den Fehler verfallen, wie es in Europa so beliebt ist, von den Gegnern ohne weiteres als bezahlten und bestochenen Elementen zu sprechen. Es ist natürlich gar keine Frage, daß hier Intriguen der Effendis, der Großgrundbesitzer, im Spiele sind und es ist auch sehr wahrscheinlich, daß die reaktionärste aller Mächte Frankreich, irgendwie dahinter steckt. Abeir auch hier werden wohl die tiefsten Gründe des Übels in jener Verquickung von Nationalismus, der das völlige Gegenteil von einem klaren und geistigen Nationalbewußtsein ist, und kapitalistischer Interessenpolitik liegen. Kompliziert werden die Dinge noch dadurch, daß es natürlich auch in Palästina Klassenkampf gibt, daß auch innerhalb der jüdischen Bevölkerung in Palästina ein scharfer Gegensatz zwischen jüdischen Kolonisten und jüdischen Arbeitern, an dem die stark auf dem Unternehmerstandpunkt stehenden Kolonisten sicher einen großen Teil Schuld tragen, einerseits und den jüdischen und arabischen Arbeitern andererseits, besteht Es wird von verschiedenen Seiten behauptet, daß eine energischere Regierung in Palästina und Herbert Samuel selbst die Aufstandsbewegung schon im Keime hätte ersticken können. Ob dies unter Verletzung der demokratischen Prinzipien, die für die Engländer oberster Verwaltungsgrundsatz sind, wirklich möglich gewesen wäre, ist nicht zu beurteilen. Sicher ist daß das Verbot neuer zionistischer Einwanderung, das die palästinensische Regierung jetzt ohne vorherige Zustimmung von London erlassen hat, ein Versagen gegenüber arabischen Machtansprüchen und damit nunmehr bestimmt eine Verletzung der demokratischen Prinzipien, und zwar zu Gunsten der Araber, bedeutet. Denn dieses Einwanderungsverbot wird von der arabischen Bevölkerung als der völlige Sieg der nationalistischen arabischen Ansprüche und als der Bankrott des Zionismus verkündet. Hatte doch der Pogrom selbst sicher den Zweck, den Engländern den Widerstand der Araber gegen das Palästinawerk kurz vor der Besprechung im Parlament noch einmal sehr deutlich vor Augen zu führen. Die Stellung der jüdischen Behörden in Palästina ist jedenfalls erbärmlich schwach, wie das drakonische Urteil gegen den sephardischen Juden Albert Franco beweist, der zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, weil er einen Revolver bei sich trug, nach-

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